Ausstellung im Prado

Geldzählen ist ein ehrbarer Beruf

Von Paul Ingendaay
28.04.2021
, 19:59
Er malte die Gesichter des Frühkapitalismus in den Niederlanden, doch er selbst blieb ein Rätsel: Eine Madrider Ausstellung zeigt Marinus von Reymerswale.
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Vielleicht erinnert man sich kaum an seinen Namen, doch seine Bilder sind aus Lehrbüchern und Kulturgeschichten nicht wegzudenken: Marinus von Reymerswale (oder Reimerswale, Reimerswaele) war der Porträtist der flämischen Steuereinnehmer, Bankiers und Geldwechsler des sechzehnten Jahrhunderts, und immer da, wo von den Handelszentren und frühen Warenströmen des Bürgertums die Rede ist, sind seine Gemälde die passende Illustration. Dabei birgt die Malerei des Marinus eine Menge Rätsel. Zum einen wissen wir nicht genau, was sie sagen wollen, nur, dass die wohlhabende Händlerschicht Antwerpens sie begierig kaufte. Und zum anderen ist Marinus selbst der Schatten seiner eigenen Biographie, war lange Zeit abgetaucht, wurde verwechselt und bleibt heute als außergewöhnlicher Maler in Erinnerung, über den wir nie viel wissen werden.

Will man es sich einfach machen, kann man festhalten: Marinus’ schmales Frühwerk besteht aus einer Handvoll religiöser Darstellungen, vor allem Hieronymus, aber auch einer stillenden Jungfrau, während das spätere Werk sich auf das geldzählende Gewerbe konzentriert, dem er seinen Ruhm verdankt. Geboren wurde er um 1489 in Reymerswale im niederländischen Zeeland und ging früh nach Antwerpen, dem Zentrum des damaligen Kunsthandels. Nach seiner Rückkehr an seinen Geburtsort erlebte er eine Katastrophe: Reymerswale wurde nach einem Deichbruch überflutet und verlor an wirtschaftlicher Bedeutung, so dass Marinus ins benachbarte Goes zog, wo er wohl starb. Seine letzte malerische Aktivität ist für 1546 nachgewiesen. Spekulationen über sein Leben existieren zuhauf, darunter auch eine angebliche Verurteilung für Bilderstürmerei, doch das kann er kaum gewesen sein, denn er war um diese Zeit schon lange tot. Nur zehn Jahre lang, von 1533 bis 1543, hat Marinus sein Werk datiert und signiert. Der junge Künstler nahm Motive seines bewunderten Kollegen Quentin Massys auf, der 1530 starb, besonders dessen „Geldverleiher“ aus dem Louvre, stützte sich aber auch auf Dürers Kupferstich des heiligen Hieronymus im Gehäus (um 1514), den die Madrider Nationalbibliothek für die Prado-Schau zur Verfügung gestellt hat.

Die von Christine Seidel kuratierte Schau, laut Museum die erste monographische Marinus-Schau überhaupt, versammelt fünf seiner frisch restaurierten Gemälde, kontrastiert sie mit seinen Vorläufern und liefert mit einem fabelhaft detaillierten Katalog den neuesten Forschungsstand. „Der Steuereinnehmer und seine Frau“ von 1539, seit 1934 im Besitz des Prado, ist nicht nur eines der berühmtesten seiner Gemälde, sondern auch eines der am besten dokumentierten. Weitere Varianten befinden sich in München, Kopenhagen, Florenz, Dresden und St. Petersburg, die letzte undatiert und nicht signiert. Die Multiplikation einer überschaubaren Zahl von Bildideen hatte bei Marinus Methode: Er kopierte sich selbst und gab seinen Bildern erst im profanen Detail den persönlichen, kundenbezogenen Touch.

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Der Geschmack einer erlesenen Kundschaft

Gegenüber einer Version von 1538, ebenfalls im Prado, hält die Frau auf unserer Abbildung den Blick nicht bescheiden gesenkt, sondern scheint sich für die Arbeit ihres Mannes zu interessieren. Die prächtige Stofflichkeit der Kleidung, die genau erfassten Münzformen und die sorgfältige Darstellung des Bürokrempels mit Briefen, Rechnungsbuch, Kerze und Tintenfass sind allen Fassungen des Bildes gemeinsam. Besondere Hingabe verwandte Marinus auf die feingliedrige Gestik und den Ausdruck der Konzentration auf den Gesichtern. Dies war, so sagt seine Malerei, eine würdige und wichtige Tätigkeit, was immer die Bibel davon halten mochte. Insofern lieferten Marinus’ Bilder das Porträt moderner niederländischer Professionals.

So konkret der Künstler die Aktivität seiner Figuren im Frühkapitalismus erfasst, so sonderbar behandelt er die auffallende Garderobe seiner Geschöpfe: Sie ist in all ihrer kostbaren Exzentrik rund hundert Jahre alt und erinnert eher an den teuren Modestil in Jan van Eycks Hochzeitsporträt des Kaufmanns Giovanni Arnolfini und seiner Frau von 1434 aus der Londoner National Gallery.

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Die Wahl des Malers Marinus lässt auf den erlesenen Geschmack seiner Kundschaft und das Selbstbewusstsein eines Kaufmannsstands schließen, der in der alten Pracht den eigenen Erfolg gespiegelt sah. Der Realismus der Gemälde beschränkt sich also auf die fassbaren Einzelheiten des Geldverkehrs, auf Münzen, Schuldzettel, Quittungen, und das hatte seinen Sinn. Während die Kleidung der Figuren der ahistorisch operierenden Phantasie entspringt, steckt die ökonomische Aussage des Bildes in Schriftstücken, die nicht konkreter und zeitgenössischer sein könnten.

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Geldgeschichten von damals

In den Varianten des hier gezeigten Gemäldes etwa hat die Forschung in den dargestellten Papieren verschiedene Botschaften nachgewiesen. Die Version aus den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zum Beispiel spricht von einem gewissen Jan Obrechts und seiner bezahlten Steuerschuld, und das Rechnungsbuch verzeichnet den Eingang einer Abgabe für die Anmietung eines Bootes. Dasselbe Motiv aus der Alten Pinakothek München dagegen zeigt einen Brief an einen Steuereinnehmer namens Borsselaer. Das Rechnungsbuch wiederum enthält die gekürzte Liste von Mieteinnahmen, wie sie sich in der früheren Variante des Bildes mit dem Titel „Der Schatzmeister und seine Frau“ von 1538 zeigen.

Überhaupt herrscht über die präzise Tätigkeit dieses selbstbewussten Finanzoperateurs eine gewisse Unklarheit. Früher assoziierte man ihn mit einem Geldwechsler und legte ihm die moralische Bürde des Zinswuchers auf. Jetzt identifiziert die Forschung ihn als Schatzmeister, während dieselbe Figur in dem ein Jahr später entstandenen, aber stoffidentischen Gemälde von 1539, das unsere Abbildung zeigt, als Steuereinnehmer durchgeht.

In dieser Begriffsverwirrung steckt auch für heutige Betrachter die nicht aufzulösende Ambivalenz des malerischen Blicks. Marinus zeigt unverhohlen Menschen, die in die Tätigkeit des Zählens, Kalkulierens und Aufschreibens versunken sind, und während er um die biblischen Mahnungen wusste, die den Geldberufen seiner Zeit anhingen, zeichnet er seine Geschöpfe mit solch einer liebevollen Präzision und personalisierte das Gemälde obendrein für seinen jeweiligen Auftraggeber mit einem Zahlenwerk, das so erkennbar allein für den Klienten bestimmt war, dass jedes moralisierende Urteil über die hier gezeigte Aktivität in der Schwebe bleiben muss: Wir wissen einfach nicht, was davon zu halten ist. Wir können nur hinschauen, vielleicht etwas mitnehmen, dem die Fremdheit nicht auszutreiben ist, doch die Lust auf den Schuldspruch mag uns darüber schon vergangen sein. Am Ende hat Marinus von Reymerswale nur gemalt, was wir wussten: Nach Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles.

Marinus. Painter from Reymerswale. Im Prado, Madrid; bis 13. Juni. Der broschierte Katalog kostet 19 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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