Landesmuseum Mainz

Kaiser, Päpste, Fürsten

Von Tilman Spreckelsen
10.09.2020
, 22:14
Ein Höhepunkt der Ausstellung: Die Manessische Liederhandschrift
Stupend kostbar: Die kulturhistorische Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ im Landesmuseum Mainz zeigt die Netzwerke mittelalterlicher Kunst und Regentschaft.
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Ein glattes Gewand aus Seide, kegelförmig aufgespannt und golden schimmernd, raffiniert schlicht und zweifellos kostbar: Die Kasel, der traditionelle Umhang der Geistlichen bei der Messe, ist das erste, das der Besucher sieht, wenn er den Weg durchs Treppenhaus zwischen den beiden Etagen der Ausstellung hinter sich gebracht hat und den neuen Raum betritt.

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Der Stoff hängt in einer Vitrine, der Geistliche, der ihn einst getragen hat, ist seit mehr als tausend Jahren tot. Dass die schmucklose Kasel aber hier so prominent gezeigt wird, dass man notwendig stockt und sich nach dem Besitzer fragt, ist wohl beabsichtigt. Wer mit der Materie der Ausstellung vertraut ist, wird dann auch beim Namen des betreffenden Bischofs wissend nicken. Wer es nicht ist, der wird sich fragen, was an jenem Willigis so bedeutend war, dass ihn die Kuratoren um Bernd Schneidmüller in der Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ derart hervorheben.

In der Mainzer Ausstellung, die gerade im Landesmuseum eröffnet worden ist und sich der Zeit zwischen etwa 800 bis 1200 nach Christus widmet, geht es um die Frage nach den Grundlagen der Herrschergewalt im Reich Karls des Großen und den Reichen seiner Nachfolger. Es geht um das Machtverhältnis zwischen Kaiser und Kirche, zwischen den Geistlichen untereinander und ebenso den weltlichen Fürsten in Mitteleuropa und ihrem König, der in der Regel auch die Kaiserkrone für sich beanspruchte, ohne diesen Anspruch auch immer durchsetzen zu können.

Im 14. Jahrhundert zierten Reliefs der Kurfürsten des Reichs ein Kaufhausgebäude in Mainz. Dieses Relief zeigt den Mainzer Erzbischof.
Im 14. Jahrhundert zierten Reliefs der Kurfürsten des Reichs ein Kaufhausgebäude in Mainz. Dieses Relief zeigt den Mainzer Erzbischof. Bild: Samira Schulz

Verflechtungen zwischen Papst und Kaiser

Grob betrachtet, zeichnen die Kuratoren ein Bild, in dem zunächst der Papst vom Kaiser abhängt, der sich mitunter vehement in die Entscheidung für den einen und gegen den anderen Kandidaten einmischt, der Päpste begünstigt oder gar absetzt, so dass zeitweise mehrere Päpste gleichzeitig regieren, und der sich das Recht herausnimmt, in seinem Herrschaftsbereich die Geistlichen in ihre Ämter zu befördern.

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Später kehren sich die Verhältnisse um, Rom mischt sich ein, wenn es darum geht, einen Kaiser anzuerkennen oder eine Entscheidung zwischen konkurrierenden Prätendenten herbeizuführen. Daneben aber spielen die weltlichen Fürsten eine Rolle, die dem Kaiser gegenüber immer selbstbewusster auftreten und ihn dazu zwingen, mit ihnen den Konsens zu suchen. Zugleich setzen manche Kaiser auf die erstarkenden Städte und verbünden sich mit ihnen gegen weltliche und geistliche Gegner. Und schließlich erhalten auch die Aufsteiger aus der Schicht der Ministerialen wachsenden Einfluss auf die sozialen und politischen Verhältnisse im Reich.

Die große Adler-/Pfauenfibel, um 1000, ist in der Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ zu sehen.
Die große Adler-/Pfauenfibel, um 1000, ist in der Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ zu sehen. Bild: GDKE, Landesmuseum Mainz

All das gehört zum Grundwissen über das Mittelalter. Die Entscheidung aber, im Zweifel keine Herrscherbiographie zu schreiben – oder hier: auszustellen –, sondern Abhängigkeitsverhältnisse zu beleuchten, führt auch zu einer entsprechenden Auswahl der Exponate. So zeigt das Landesmuseum (nach einem Prolog mit drei ganz unterschiedlichen Thronen, wie um auf unterschiedliche Herrschaftsformen einzustimmen) in der ersten Station der Ausstellung nicht nur ausführliche Schautafeln zu den materiellen Grundlagen der Herrschaft Karls des Großen, sondern schriftliche Zeugnisse seiner Reformvorhaben, deren Ausführung gar nicht unbedingt auf die Kaiserwürde angewiesen gewesen wäre.

Sie stehen, wie etwa eine ins Althochdeutsche übersetze „Lex Salica“ oder eine lateinische, aber mit volkssprachlichen Erläuterungen versehene Benediktregel, den prächtigen Handschriften wie etwa dem „Ada-Evangeliar“ hinsichtlich ihrer materiellen Kostbarkeit und Schönheit naturgemäß nach, aber in dieser Zusammenstellung leuchten die schmucklosen, klaren Schriften dennoch – weil sie deutlich machen, worum es diesem Hof geht. Welche Rolle wiederum die deutschen Geistlichen unter den Ottonen spielen, zeigt der zweite Teil der Ausstellung, für die der Mainzer Erzbischof und Erzkanzler Willigis unübersehbar als Zentralfigur steht.

Der „Cappenberger Kopf“ (1150-1171), der als Barbarossas Porträtbüste gedeutet wird, steht in der kulturhistorischen Ausstellung.
Der „Cappenberger Kopf“ (1150-1171), der als Barbarossas Porträtbüste gedeutet wird, steht in der kulturhistorischen Ausstellung. Bild: dpa

Nicht nur, weil er, dessen Lebensumstände (um 940 bis 1011) in vielem dunkel sind, offenbar ganz untypisch ohne die Unterstützung hochadliger Verwandter zum zeitweise mächtigsten Mann im Reich aufsteigen konnte. Sondern auch, weil er sich dabei ganz in den keineswegs spannungsfreien Dienst der Ottonen stellte und in dynastisch schwierigen Zeiten mit seinen Entscheidungen die Herrschernachfolge bestimmte und zugleich mit robusten Mitteln für das Aufblühen seines Bistums sorgte.

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Es sind klug ausgewählte, teils stupend kostbare Exponate, die in dieser Station und in den weiteren die Verschiebungen der Machtverhältnisse illustrieren, spektakulär vor allem im letzten, staufischen Teil, der mit dem Armreliquiar Karls des Großen den Kult um den einstigen Kaiser unterstreicht, aus dem sich auch die Macht des aktuellen Herrschers speist. Dass man sich plötzlich vor dem Original der Manessischen Handschrift wiederfindet oder vor dem „Welschen Gast“, dem Anstandsbuch des Tomasin von Zerclaere, ist schon allein ein Grund, die Ausstellung zu besuchen.

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Die Rolle der aufstrebenden jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz wird anhand von Grabsteinen, Mikwe- und Synagogenfragmenten veranschaulicht, wie überhaupt bei der erhaltenen Pracht auch die Zerstörung hier ihren Raum findet – am schönsten vielleicht in den Bruchstücken, die einst in der Werkstatt des Naumburger Meister um 1239 für den Mainzer Dom angefertigt worden sind.

Die Elfenbeinsitula als Weihwasserbehälter entstand in Lotharingen um das Jahr 1000.
Die Elfenbeinsitula als Weihwasserbehälter entstand in Lotharingen um das Jahr 1000. Bild: Samira Schulz

Anderes ist ganz verschwunden, zum Beispiel das Kloster St. Alban in Mainz, in dem Fastrada beigesetzt wurde, jene Gemahlin Karls des Großen, die der Kaiser besonders geliebt haben soll. In der Landesausstellung werden einige wenige Stücke gezeigt, die mit diesem Ort in Verbindung stehen, und wie man plötzlich Phantomschmerzen entwickeln kann, eine Sehnsucht nach einem verschwundenen Gebäude, von dem man noch nie gehört hatte, ist verblüffend.

Denn das gelingt hier vortrefflich: Was gezeigt wird und wie die Dinge miteinander sprechen, das beschäftigt den Geist und die Phantasie noch lange.

Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Mainz, Landesmuseum bis 18. April. Der Katalog kostet 48 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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