Modigliani-Schau in Wien

Auf der Suche nach dem Ursprung

Von Ursula Scheer, Wien
17.09.2021
, 12:01
Einst skandalös: Der „Liegender Frauenakt auf weißem Kissen“ (um 1917) trägt Schamhaar.
Auch Modigliani war inspiriert von den „Primitiven“. Das zeigt eine opulente Ausstellung in der Wiener Albertina – und wirkt dabei verblüffend zeitgemäß.

Modigliani, der Trunkenbold, der Drogensüchtige, der Frauenheld, der früh verstorbene letzte Bohémien vom Montmartre. Modigliani, der Künstler, dessen mandeläugige Porträts und Akte gefällig in der Linienführung Richtung Art déco weisen, während die Kollegen um ihn herum – vorneweg der Gigant Picasso – mit avantgardistischem Furor den Bildraum zerlegen. Marc Restellini möchte aufräumen mit den Mythen und Klischees, die sich um den italienische Maler, Zeichner und Bildhauer Amedeo Modigliani gebildet haben. Die Tuberkulose setzte seinem Leben am 24. Januar 1920 mit gerade einmal fünfunddreißig Jahren ein Ende; zwei Tage später sprang seine hochschwangere Verlobte, die Malerin Jeanne Hébuterne, in den Tod.

Nicht von diesem Ende her, das selbst Stoff für Legenden ist, schaut Restellini auf das Schaffen des gebürtigen Livornesen, der aus einer sephardischen jüdischen Fa­mi­lie stammte und in Florenz, Rom sowie Venedig studierte, bevor er 1906 nach Paris kam.

Inspirierende Innerlichkeit: Weiblicher Kalksandsteinkopf aus,Angkor, Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden.
Inspirierende Innerlichkeit: Weiblicher Kalksandsteinkopf aus,Angkor, Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden. Bild: ©Musée Guimet – Musée national des arts asiatiques, Paris

Der Historiker und Gründer der Pinacothèque de Paris hat schon mehrere Ausstellungen über Modigliani kuratiert und arbeitet am Werkverzeichnis des Künstlers. In der Wiener Albertina hat er Gelegenheit, in einer ursprünglich zum hundertsten Todestag geplanten, opulenten Schau von mehr als 120 Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen Amedeo Modigliani aus seiner Gegenwart und dem Kontext seiner Einflüsse heraus zu deuten, nicht vom Nachleben her: als Künstler, der emanzipatorisch denkende Frauen wie die Dichterin Anna Achmatova und die Schriftstellerin Beatrice Hastings liebte, womöglich doch nicht ganz so viel trank und sich ganz der „Revolution des Primitivismus“ verschrieben hat.

Archaische Anmutung: Amadeo Modiglianis „Kopf“, 1911/12 aus Kalksandstein geschlagen.
Archaische Anmutung: Amadeo Modiglianis „Kopf“, 1911/12 aus Kalksandstein geschlagen. Bild: Minneapolis Institute of Art. Gift of Mr. and Mrs. John Cowles / Bridgeman Images

Mit diesem Untertitel greift die Ausstellung bewusst – Klaus Albrecht Schröder, der Direktor der Albertina, unterstreicht es – einen in Zeiten gesteigerter dekolonialistischer Sensibilität erklärungsbedürftigen Begriff auf. Sogenannte Primitive, das wa­ren in der Wortwahl des 19. Jahrhunderts zunächst flandrische und norditalienische Künstler der Spätgotik; erst später weitete sich der Begriff auf außereuropäische Kulturen aus. Die Hinwendung zu diesen im­pli­zierte für die Avantgardisten kein He­rab­sehen auf indigene Kunst, sondern die Überzeugung, dass Artefakte aus Afrika oder Fernost, die sie in der ethnographischen Sammlung des Musée du Trocadéro ent­deckten, ebenso wie prähistorische Skulpturen oder ägyptische Reliefs das We­sen der Kunst in bewundernswerter Ur­sprüng­lich­keit darstellten: das Gegenteil des akademischen Virtuosentums, das die vorwärtsgewandten Künstler überwinden wollten. Dass ihre ästhetische Faszination auch von Raubkunst geweckt wurde, steht auf einem anderen Blatt.

Vereint mit Vorbildern und Kollegen

Ein steinerner Frauenkopf aus Angkor mit sinnend gesenkten Lidern; eine hölzerne Maske der Fang aus dem heutigen Gabun mit strichförmig verlängerter Nase; zwei von Modigliani 1911/12 aus Sandstein geschlagene Köpfe mit überschlanken Schädeln und Mandelaugen; ein maskenhaft gemalter Frauenkopf von Picasso aus dem Jahr 1908; eine metallisch glänzende, fast schon abstrakte Kopfskulptur Brancusis von 1913: Gleich die ersten Säle bringen Modigliani mit exotischen Vorbildern, die er in Paris gesehen hat, und seinen beiden großen Antipoden zusammen.

Ganz bei sich und doch maskenhaft verschlossen: Amedeo Modiglianis „Elvira mit weißem Kragen“, 1917/18, Öl auf Leinwand.
Ganz bei sich und doch maskenhaft verschlossen: Amedeo Modiglianis „Elvira mit weißem Kragen“, 1917/18, Öl auf Leinwand. Bild: Fonds de dotation Jonas Netter

Zu Picasso soll er ein Rivalitätsverhältnis gepflegt ha­ben, aus dem der Spanier für die Nachwelt als Sieger hervorging, spätestens, als Modigliani den Kubismus verwarf, um bei seiner an der Renaissance geschulten Fi­gür­lich­keit zu bleiben. Constantin Brancusi gilt als Modiglianis Lehrmeister, der den Italiener in die Bildhauerei einweihte. Beides stimmt so nicht, sagt Restellini: Modigliani konnte schon Steine bearbeiten, bevor er auf Brancusi traf; die Bildhauerei war seine erste Liebe, der er wohl wegen seines Lungenleidens abschwören musste. Und Picasso begegnete er auf Augenhöhe, wurde sogar derart von ihm geschätzt, dass er ihn porträtieren durfte. Das kleinformatige, wie tastend wirkende Gemälde aus einer Privatsammlung ist ebenso in Wien zu sehen wie das großformatige und farbsatte Porträt Diego Riveras.

Ein Ausstellungsparcours als Probelauf

Die Auswahl der Werke soll das Publikum auf die Probe stellen: Wirkt Modigliani schwach und dekorativ neben Picasso? Oder neben Brancusi? Sehen wir hier nicht verschiedene Spielarten des Primitivismus, die in Dialog stehen und dabei gleichermaßen prononciert artikulierend? Die Reduktion aufs Wesentliche, die Suche nach ei­nem universellen Ausdruck, die Maske als Chiffre, stilisierte Formen jenseits des Na­tu­ra­lis­mus, sogar wiederkehrende Farben finden sich da wie dort.

Tragfähiges Vorbild: hölzerner Karyatidenhocker aus dem heutigen Kongo, vor 1919.
Tragfähiges Vorbild: hölzerner Karyatidenhocker aus dem heutigen Kongo, vor 1919. Bild: Royal Museum for Central Africa, Tervuren

Dass nicht Picassos „Demoiselles d’Avignon“ in Wettstreit treten mit Modiglianis Solitären – immer blieb er beim Einzelwesen in seinen Arbeiten – sondern André Derains konventionellere „Großen Badende“, hilft natürlich. Doch auf ein kompetitives Gegeneinander sollte es ohnehin ankommen, weshalb es gut ist, dass der Name Picassos aus dem Titel der Ausstellung getilgt wurde, in dem er ursprünglich vorgesehen war. Was das Marketing wo­mög­lich bedauert, setzt den richtigen Fo­kus: darauf, einen auf dem Kunstmarkt zwar ebenso schwindelerregend hoch wie Picasso Gehandelten, aber ästhetisch vergleichsweise leichtgewichtig Eingeschätzten, der verarmt starb, mit Entdeckerfreude in den Blick zu nehmen.

Eindrucksvoll gelingt das, wo fast fünftausend Jahre alte, frühkykladische Inselidole den Auftakt geben zu einer Serie um 1911 entstandener Zeichnungen Modiglianis von Figuren in Trägerpose. Deren ge­rad­lini­ge Physis weist voraus auf ein späteres Gemälde einer roten Büste, die wie ein archaisches Idol anmutet, finden sich aber auch in den berühmten liegenden Akten, die Modigliani von 1917 bis 1919 auf Leinwände bannte. Gleich mehrere dieser Werke, einst zum Teil wegen der auf ihnen gezeigten Schamhaare skandalumwittert, sind in Wien vereint und stehen für das vieldeutige Frauenbild des Künstlers: Zwar in der Tradition der Venus-Darstellungen, doch ohne allegorischen Anspruch, malt er Frauen als in die Fläche gebannte menschliche Skulpturen, sinnlich und abweisend zugleich. Eine um 1914 datierte Serie von Karyatiden-Gemälden spielt dagegen mit Kreisformen, wieder eine Parallele zu Brancusi und Picasso.

Immer im Kreis: Amedeo Modiglianis „Karyatide mit Vase“, ca. 1914, Aquarell, Bleistift und blauer Buntstift auf Papier.
Immer im Kreis: Amedeo Modiglianis „Karyatide mit Vase“, ca. 1914, Aquarell, Bleistift und blauer Buntstift auf Papier. Bild: Tate, London

Je weiter man durch die chronologisch geordnete Schau geht, desto offensichtlicher wird, wie stark Modiglianis Werke von der vielfachen Begegnung mit ihresgleichen profitieren. In der Versammlung von Porträts in immer gleichen Posen – sitzend, die Hände im Schoß – fällt die Sensibilität des Farbauftrags ins Auge, springen auf die Kabbala verweisende Fingerstellungen ins Auge oder drängt sich die Rätselhaftigkeit der Wortspiele auf, die Mo­di­glia­ni den Hintergründen eingeschrieben hat.

Es erinnert an „social distancing“

Vereint in Stille treten die Figuren aus der Isolation. Für Restellini ist es „wie in einer Kirche“, diese Synthese des Körperlichen und Geistigen in einer Innerlichkeit, die der Primitivismus lehrte. Wer nichts über Modigliani weiß, muss sich von den einsamen Gestalten an das pandemisch erzwungene „social distancing“ er­in­nert fühlen. In diesem Sinne ist Modi­gliani geradezu der Maler der Stunde.

„Modigliani: Revolution des Primitivismus“, Wien, Albertina, bis 9. Januar 2022. Der Katalog kostet 32,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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