Muse Françoise Gilot

Picassos größtes Rätsel

Von Johanna Adorján
06.06.2015
, 21:15
Picasso trägt Françoise Gilot den Schirm: Das berühmte Foto von Robert Capa entstand 184; im Hintergrund Picassos Neffe.
Die Malerin Françoise Gilot war zehn Jahre lang mit Pablo Picasso zusammen und ist die einzige Frau, die ihn je verlassen hat. Es gibt ein neues Buch über sie - ein schöner Anlass, sie in ihrem Pariser Atelier zu besuchen
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Man hatte mir vorher gesagt, ich solle möglichst nicht allzu viel über Picasso mit ihr sprechen - dass sie ihn verlassen hat, liegt schließlich mehr als 60 Jahre zurück, und sie hat anschließend ein erfülltes, produktives, kreatives und sehr eigenes Leben geführt. Ich verstehe das vollkommen und frage sie nach ihrer Kunst. Woran arbeitet sie derzeit, malt sie täglich usw. Ihre Antworten sind einsilbig bis missgelaunt. Erst als die Sprache auf ihren berühmten Ex kommt, taut sie auf und verwandelt sich in die jüngste 93-jährige, die die Welt je gesehen hat. Sie hat eine raue, bisweilen geradezu dreckige Lache, kann kokett gucken wie eine junge Pariserin und hat trotz vieler, vieler Jahre in den Vereinigten Staaten auf Englisch einen deutlichen französischen Akzent. Allez, fangen wir etwa bei Minute 30 an:

Es gibt dieses Foto von Robert Capa, auf dem Picasso am Strand hinter Ihnen geht und einen Sonnenschirm über sie hält und Sie so strahlend und glücklich aussehen. Erinnern Sie sich an diesen Tag?

Natürlich. Robert Capa war ein Freund von mir. Ich habe ihn zur Zeit der Befreiung von Paris kennengelernt. Pablo Picasso kannte ihn auch, etwa gleich lange. Das Foto ist 1948 in Südfrankreich entstanden, wo wir damals lebten. Capa hat uns zweimal dort besucht. Meistens arbeiteten wir damals bis spät in die Nacht, weil wir erst nach dem Mittagessen anfingen - die Vormittage verbrachten wir am Strand von Golfe-Juan. Das Foto ist einfach aus dem Moment heraus entstanden. Wir hatten nichts abgesprochen, wir hatten einfach Spaß.

Der deutsche Journalist Malte Herwig hat mit Ihnen zusammen ein Buch über Sie gemacht: „Die Frau, die Nein sagt“. So nannte Picasso Sie angeblich mal.

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Manchmal habe ich Nein gesagt. Manchmal habe ich Ja gesagt. Das ist jetzt aber noch nicht so ein bemerkenswertes Vokabular.

Sie waren aber die einzige Frau, die ihn je verlassen hat. Nach zehn Jahren an seiner Seite haben Sie Ihre zwei gemeinsamen Kinder genommen und sind gegangen. Das immerhin war ein relativ kräftiges Nein.

Ich habe ihn verlassen, als ich fand, dass die Liebe und Kommunikation, die wir miteinander hatten, nicht mehr vorhanden war.

Sie haben selbst ein Buch über Ihre Zeit mit Picasso geschrieben, „Leben mit Picasso“, (1964) - und schilderten ihn darin als ziemlich herrischen, egoistischen Despoten.

Wir hatten eine sehr schöne, glückliche Zeit miteinander. Und als das nicht mehr der Fall war, sah ich keinen Grund mehr zu bleiben. Ich fand, wo eine solche Leidenschaft gewesen war, wäre es traurig, wenn es zwischen uns normal und alltäglich werden würde. Das wollte ich nicht. Außerdem gab es ja nicht nur ihn, sondern auch seine Arbeit. Ich konnte weiterhin eine Beziehung zu seiner Arbeit haben, aber ich wollte nicht mehr mit dem Menschen zu tun haben. Ich ging - nicht als Feind, sondern als jemand, der frei war, sich für sich selbst weiterzuentwickeln. Picasso gab mir weniger intellektuelle Unabhängigkeit als ich brauchte. Ich musste fort von ihm.

Haben Sie ihn später vermisst?

Schauen Sie, ich bin nicht blöd. Als ich gegangen bin, wusste ich, dass ich ihn nicht vermissen würde. Es war vorbei. So bin ich. Wenn ich jemanden liebe, liebe ich ihn - wenn es vorbei ist - pfff. Ich halte Gefühle nicht weiter am Leben. Nein.

Es wirkt, als hätten Sie auch als ganz junge Frau schon eine starke innere Unabhängigkeit gehabt.

Zum Glück. Entweder man ist ein freier Mensch oder als Sklave geboren. Ich habe studiert, ich war nicht nur intelligent, sondern auch gebildet, also hatte ich meine eigene Art zu denken. Ich musste nie jemand anderem folgen.

Ihr Vater hat Sie erzogen wie einen Jungen.

Ja. Während des ersten Weltkriegs waren in den Familien meiner Eltern viele Männer gestorben. Man zog mich auf wie einen Jungen, als sollte ich all die Toten ersetzen. Ich glaube noch nicht einmal, dass meine Eltern das bewusst gemacht haben, aber es war so.

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Sie sollten zum Beispiel von hohen Bäumen springen.

Ich sollte keine Angst haben. Sowieso war meine Familie eine, in der man Dinge anging. Es gab eine sehr zupackende Art, mit dem Leben umzugehen.

Als Sie Picasso trafen, waren Sie 21 und er 61. Fanden Sie ihn nicht zu alt?

Nein. Manche Ältere sind sehr lebendig, andere mit 30 schon so gut wie tot. Das hat nichts mit Alter zu tun. Ich bin jetzt auch 93 laut Kalender, und es sagt mir nichts.

Haben Sie sich gleich in ihn verliebt?

Nein, nein. Er hat sich zuerst in mich verliebt. Wahrscheinlich ist es ziemlich leicht für einen Mann eines gewissen Alters, sich in ein junges Mädchen zu verlieben, während es andersherum vielleicht nicht ganz so... Nein, ich habe mich für ihn interessiert, weil er so ein großartiger Maler war. Ich kannte seine Arbeit bevor ich ihn kannte. Ich war ja auch Malerin.

Doch während der zehn Jahre, die Sie dann mit ihm zusammen waren, malten Sie kaum, sondern zeichneten nur.

Malerei nimmt viel Platz ein. Wenn ich angefangen hätte, Gemälde in sein Atelier zu bringen, das wäre keine gute Idee gewesen. Für Zeichnungen braucht man nur eine Mappe. Es wäre nicht besonders schlau gewesen, viel Raum einzunehmen. Das wäre sogar sehr dumm gewesen. Er war der bekannteste Maler des Jahrhunderts, ich stand gerade am Anfang meiner eigenen Karriere.. Man muss schon einen Sinn für Proportionen haben im Leben. Und Picasso hatte ein großes Ego. Man musste ein bisschen aufpassen mit ihm.

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Es waren immer viele Frauen um Picasso herum. Die sehr präsente Exfrau Olga, die blonde Marie-Therese, andere, deren Namen nicht überliefert sind... Waren Sie nicht eifersüchtig?

Ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich bin bestimmt viele Dinge, aber sicher nicht dumm. Eifersüchtig zu sein wäre dumm gewesen. Es war ja wohlbekannt, dass er eine Anzahl von Frauen in seinem Leben hatte, und die waren eben da, manche präsenter, andere weniger, so war das. Ich wusste das. Jeder wusste das. Ich gucke ja auch nicht eine Hortensie an und versuche, in ihr eine Rose zu sehen. Es ist wie es ist. Eine Tatsache. Ich kann Tatsachen erkennen. Und ich sehe keinen Sinn darin, eifersüchtig auf etwas zu sein, das nunmal so ist, ob mir das gefällt oder nicht. Allerdings hat es mich wohl nach und nach von ihm entfernt.

Inwiefern?

Die Tatsache, dass da immer noch so viele andere Frauen waren, ging mir ein bisschen auf die Nerven. Nicht im Sinne von Eifersucht, sondern im Sinne von (legt die Hand an die Stirn, guckt gespielt genervt) - oh, encore?, noch eine?, wirklich? Nach und nach, das stimmt schon, hat es meine Liebe erkalten lassen. Ich bin nicht besitzergreifend - wenn ich jemanden liebe, liebe ich diesen Menschen für all das Positive, das ich in ihm sehe - doch wenn dieses Positive schwächer wird, werde ich gleichgültig. Und deshalb bin ich gegangen. Ich bin gegangen, weil ich aufgehört hatte, ihn zu lieben.

Darf ich Sie was Indiskretes fragen?

Ja.

War Picasso ein guter Liebhaber?

Oh, aber gewiss. Mehr als gewiss. Was glauben Sie, warum er so viele Frauen in seinem Leben hatte?

Nach Picasso waren Sie mit einem französischen Maler verheiratet, mit dem Sie noch eine Tochter hatten. Später lebten Sie in den Vereinigten Saaten und waren 25 Jahre, bis zu dessen Tod, mit einem Immunologen verheiratet, Jonas Salk, der den Impfstoff gegen Polio entdeckt hat. Trotzdem sagen Sie, dass Sie nie wieder jemanden so leidenschaftlich geliebt haben wie Picasso.

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Ja, aber man kann jemanden lieben ohne verheerende Leidenschaft zu empfinden. Das hat vielleicht auch etwas mit Alter zu tun. Mein Ehemann Dr. Salk und ich, wir haben uns sehr gut verstanden. Es war eine tiefe Liebe, aber er war ein ganz anderer Typ Mann. Und ich war vermutlich auch anders mit ihm. Für mich ist es ein Zeichen von Dummheit, immer wieder dieselbe Sache wiederholen zu wollen, die schon einmal nicht funktioniert hat. Wenn man die Lektion nicht lernt und nicht versucht, sich weiterzuentwickeln im Leben, dann tut es mir leid.

Vor drei Jahren gaben Sie dem „SZ-Magazin“ ein Interview, in dem Sie so etwas Schönes sagten. Ob Sie es jemals bereut hätten, mit Picasso gelebt zu haben, war die Frage. Darauf Sie: „Reue ist pure Zeitverschwendung. Außerdem ist es viel interessanter, mit einem besonderen Menschen etwas Tragisches zu erleben, als ein wunderbares Leben mit einer mittelmäßigen Person zu führen. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man seinen Frieden mit einem durchschnittlichen Menschen finden kann. Dieser Mensch wird dich auch zerstören, er wird nur mehr Zeit dafür brauchen.“

Exakt. Hinzu kommt, dass ein besonderer, kreativer Mensch sehr damit beschäftigt sein wird, an seinen eigenen Problemen herumzumachen. Und wenn er an seinen eigenen Problemen herummacht, macht er nicht an deinen herum. Ein mittelmäßiger Mensch hat selbst keine so großen Probleme, also wird er sich den ganzen Tag auf deine stürzen. Das ist nicht gut. Man sollte dem anderen nicht zu nahe kommen. In der Liebe ist es sehr wichtig, seine Freiheit nicht zu verlieren.

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Stimmt es, dass Sie und Picasso sich immer gesiezt haben?

Ich komme aus einer Familie, in der es ziemlich formell zuging. Siezen fiel mir leicht. Was Picasso anging - ich habe ihn gesiezt, um einen gewissen Abstand einzuhalten. Aber er hat mich geduzt. Seine Wahrnehmung war wohl, dass ich ihm sehr nahe war. Meine war anders.

Sie haben ihn gesiezt und er hat zurückgeduzt?

Genau so. In seiner Generation wollten auch immer alle alle duzen, weil das so modern und neu war. Das hatte viel mit jung sein und Künstler und so weiter zu tun. Wir Jungen dagegen fanden es schicker, etwas altmodischer zu sein.

Sie haben mal gesagt oder geschrieben, dass Picasso Sie selbst nach zehn gemeinsamen Jahren nicht ganz kannte, weil Sie sich ihm niemals ganz offenbarten.

Natürlich nicht (lacht belustigt auf). Für eine Frau ist es immer besser, ungekannt zu bleiben. Auf diese Weise sind die Männer immer daran interessiert, mehr herauszufinden. Man darf sich Männer nie ganz offenbaren. Niemals. Bloß nicht. Die manipulieren einen sonst nur. Wenn sie aber nicht wissen, welche Schrauben sie drehen können, werden sie einen auch nicht manipulieren.

Wenn Sie also mal traurig waren, ließen Sie sich das nie anmerken?

Nein. Ich muss meine Verfassung nicht zeigen. Es mag ja sein, dass ich Gefühle habe, aber das heißt noch lange nicht, dass ich weine.

Ist das sehr französisch?

Ich glaube ja. Wir zeigen unsere Launen nicht so. Sonst gewinnt der andere. Es gewinnt immer der, der mehr über den anderen weiß.

Aber geht‘s denn immer um Gewinnen und Verlieren?

Aber ja. Nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern generell zwischen Menschen. Wir sind immer von jemandem fasziniert oder angezogen, wenn es da noch ein Geheimnis gibt. Wenn wir noch nicht alles über den anderen verstanden haben. Wissen wir alles über den anderen, werden wir müde. Und gerade Frauen haben doch den Vorteil, etwas rätselhaft zu sein.

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Sie haben lange in Amerika gelebt. Dort wird gerne jede Gefühlslage auch mitgeteilt.

Oh ja. Wir würden zum Beispiel lieber sterben als etwas zu sagen das ich oft in Amerika hören musste. Und zwar: Ein Mann macht Ihnen ein Kompliment, sagen wir mal: „Deine Haare sind heute wirklich wunderschön.“ In Amerika sagen die Frauen daraufhin: „Danke.“ Wooo! Können Sie sich das vorstellen? Die sagen Danke!

Ähm.

In Frankreich sagen wir auf ein Kompliment etwas wie: „Haben Sie gesehen, es sieht nach Regen aus.“ Man nimmt es einfach nicht zur Kenntnis.

Ich komme mir gerade sehr amerikanisch vor.

Aber Danke zu sagen ist doch peinlich. Man muss ein Kompliment doch geflissentlich überhören. Man kann es sich insgeheim in die Tasche stecken und sich darüber freuen, aber das darf man sich doch nicht anmerken lassen. Und sich dafür zu bedanken, uuuhh, das wäre das Schlimmste. Nein, man schubst die Konversation sanft in eine andere Richtung und zeigt nicht, ob man es akzeptiert.

Ist das nicht unhöflich?

Who cares? (lacht) Mit einem Mann muss man interessant sein - nicht höflich

Malte Herwig: „Die Frau, die Nein sagt“. Ankerherz Verlag. 176 Seiten, 29,90 Euro.

Quelle: F.A.S.
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