Museen in der Energiekrise

Nur Steinkunstwerke sind wirklich wetterfest

Von Kevin Hanschke
09.08.2022
, 12:33
Als noch kaum jemand vom Wetter sprach: das Grüne Gewölbe in Dresden nach dem Juwelendiebstahl von 2019
Hundert Millionen Kilowattstunden allein für Ausstellungssäle in Berlin: Wie sollen sich deutsche Museen gegen extreme Temperaturen schützen? Über die internen Priorisierungslisten wollen die Häuser nicht Auskunft geben.
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Extreme Hitzeperioden im Sommer, die mögliche Einstellung russischer Gaslieferungen und die steigenden Energiepreise machen Unternehmen und Privathaushalten zu schaffen. Doch auch energieintensive Kultureinrichtungen wie Museen sorgen sich vor dem Winter, den Kostenmehrbelastungen und den Auswirkungen des Klimawandels auf ihre Depots und Schauräume. Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat kürzlich Museen und Kultureinrichtungen aufgerufen, angesichts steigender Energiepreise und der Situation beim Gas auch ans Energiesparen zu denken. Solche Institutionen hätten „eine Vorbildfunktion“ und müssten dieser Rolle auch in den Bereichen Nachhaltigkeit und Umweltschutz gerecht werden, sagte Roth. Einerseits. Andererseits müssten Museen ihre Ausstellungsstücke klimatisch gut aufbewahren und für zukünftige Generationen erhalten.

Das erfordert Energie. In vielen Städten gehören Museen zu den Orten mit dem höchsten Energieverbrauch. Beleuchtung und Sicherheitsanlagen fressen Strom. Zudem müssen in den meisten Häusern die Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit streng reguliert werden, um Kulturgüter zu konservieren. Wie weit können Museen also Energie sparen, und wie gehen sie mit der gegenwärtigen Situation um?

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Viele der deutschen Museumsdirektoren sind besorgt. Dennoch haben die meisten Museen Initiativen ergriffen und Pläne entworfen, um der von Roth benannten Verantwortung gerecht zu werden, auch wenn manche Empfehlungen der Kulturstaatsministerin kritisch gesehen werden. Denn die Schwierigkeiten betreffen alle Häuser und Jahreszeiten. Allein die Gluthitze der letzten Wochen ist ein Problem für Museumsbauten, insbesondere für jene, die nach dem Krieg entstanden und sich durch riesige Fensterfronten auszeichnen. Dazu gehört etwa das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst, das in den Achtzigerjahren von Richard Meyer entworfen wurde. Matthias Wagner K, der Museumsdirektor, sieht für sein Haus besonders im Sommer schwierige klimatische Bedingungen.

„Das viele Glas und die offenen Raumstrukturen determinieren uns.“ Die Klimaanlagen seien nicht auf solche Dauersommer mit Temperaturen von über 35 Grad an mehr als einer Woche konzipiert und fielen teilweise aus. Derzeit bilde das Museum Arbeitskreise, um jeden Bereich – Technik, Depot und Archiv sowie alles, was mit Ausstellungen in Zusammenhang steht – auf mögliche Einsparmaßnahmen zu überprüfen. Das beträfe auch die Luftaustauschraten der Klimaanlagen. Aufgrund der schwierigen Architektur wurde schon früh mit Umrüstungsmaßnahmen begonnen. So hat das Haus 2012 die stromintensive Beleuchtungsanlage durch LED-Beleuchtung ersetzt. Doch viel ängstlicher als auf den Sommer blickt das MAK wegen der gegenwärtigen Energiesituation dem Winter entgegen. Das geht allen Museen in Deutschland so.

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Mehr als zwanzig Prozent

„Ich unterstütze die nun ergriffenen Initiativen, die mit Hochdruck nach energetischen Einsparpotentialen suchen“, sagte Claudia Roth kürzlich. „Auch dem Kulturbereich drohen durch steigende Energiepreise und die knappen Gasreserven schmerzhafte Einschnitte.“ Seitens der Museen heißt es hinter vorgehaltener Hand, es sei eine Herausforderung, in Absprache mit allen Akteuren den richtigen Weg zu finden. Leider habe es nur wenig Austausch mit den betroffenen Institutionen gegeben. Bevor das Kulturstaatsministerium an die Öffentlichkeit gehe, hätte man sich eine interne Diskussion unter allen Kultureinrichtungen gewünscht.

Bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, welche die nationalen Berliner Museen, Archive und Bibliotheken verwaltet, sorgt man sich besonders um die steigenden Energiepreise. Im nächsten Jahr werden die Stromverträge der Museen neu ausgeschrieben. Hierbei rechnet die Stiftung mit Preissteigerungen von mehr als zwanzig Prozent. „Die Preise auf dem Strommarkt werden voll zuschlagen“, sagt Gero Dimter, der Vizepräsident der SPK. Im Moment würden die Mehrkosten erfasst und geschätzt. Ebenso habe sich eine Taskforce gebildet, die sich mit der Frage des Energienotstands auseinandersetzt. Es würden auch Prioritätenlisten ausgearbeitet, welche Häuser und Sammlungsgegenstände besonders gefährdet seien, wenn Energie, Strom oder Gas knapp werden und ein geregelter Museums- und Konservierungsbetrieb nicht aufrechterhalten werden könnten.

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Besonders empfindlich

„Die SPK trägt die Pläne der Kulturstaatsministerin mit und sieht auch eine große Verantwortung der Kultur“, ergänzt Dimter. Dennoch setzt sich die SPK dafür ein, dass Museen und Kultureinrichtungen im Winter auch bei Gasmangel nicht geschlossen werden. „Wir haben eine besondere soziale Verantwortung und appellieren an die Politik, kulturelle Räume nicht zu schließen, sondern als Orte des gesellschaftlichen Austauschs zu begreifen, mit dem gesellschaftlichen Auftrag, auch in Notzeiten für Menschen offen zu stehen.“ Auch bei den Energieeinsparmaßnahmen des Bundes beteilige sich die SPK seit Jahren. So würden bei allen Umbaumaßnahmen energetische Verbesserungen stets mit eingeplant werden. Es gibt Pläne für Solarzellen auf Museen wie auf dem Flachdach des Alten Museums. Im Notfall können gefährdete Kulturgegenstände auch in Schutzbunker oder in spezielle Schutzräume unter einigen Museen verbracht werden.

Ältere Museumsbauten auf der Berliner Museumsinsel etwa, so Dimter, seien besser gegen Temperaturveränderungen geschützt als Neubauten wie das Kultur­forum oder das alte Ethnologische Museum in Dahlem. Im zentralen Depot in Berlin-Friedrichshagen hingegen sei der Energiestandard sehr hoch. Über die internen Priorisierungslisten wollen die Häuser nicht Auskunft geben. Sowohl die Klassik Stiftung als auch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die SPK haben Priorisierungskriterien formuliert. Auch die Bedeutung des jeweiligen Hauses und die Besucherzahlen werden darin berücksichtigt. „Die internen Diskussionen werden ausgiebig geführt“, sagt Dimter. „Jedes Museum und jede Berufsgruppe, die Kuratoren oder die Restauratoren, haben unterschiedliche Sichtweisen darauf, was ein Museum in solchen Krisenzeiten leisten muss und kann.“

Eine wichtige Rolle bei der Beurteilung der Temperatur- und Luftfeuchtigkeitssituation in den Museen ist die „ASHRAE“-Norm von der American Society of Heating, Refrigerating and Air-Conditioning Engineers, die den Korridor für die Konservierung oder Veränderung verschiedener Materialgruppen bestimmt. Eine Abweichung von den Korridoren, heißt es, werde gerade in allen Häusern geprüft. In der SPK stellen besonders Papierarbeiten der Nachkriegszeit eine Herausforderung für die Wissenschaft dar, da die schlechte Papierqualität zu Zersetzungserscheinungen führen kann. Bei Metallen hingegen können Temperaturschwankungen zu Erosionen führen. Steinkunstwerke, wie im Pergamonmuseum, sind wetterfester.

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Ein angepasstes Lüftungsverfahren

An Ideen für nachhaltiges Museumsmanagement mangelt es in den Kulturinstitutionen kaum. Es gibt Überlegungen, Ausstellungsarchitektur wiederzuverwenden. Die Kulturstiftungen haben weitreichende Homeoffice-Regeln eingeführt, und es gibt Beheizungs- und Beleuchtungskonzepte für Büroräume, die nachhaltiger sein sollen als frühere. Auch über das Thema nachhaltige Mobilität beim Transport von Leihgaben werde nachgedacht. Im letzten Schritt seien auch die Schließung, Verkürzung von Öffnungszeiten oder die Verlängerung von Sonderausstellungen möglich, heißt es aus allen Einrichtungen. Doch das wolle man vermeiden. Bisher fehle es an Gesamtüberblicken und einer wirklich belastbaren Erfassung von Strom- und Energieverbräuchen, sagt Anja Priewe, die Sprecherin der SKD.

Die Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, Ulrike Lorenz, attestiert hingegen, mit der derzeitigen Energiekrise könnten bestandsbedingt 25 Prozent Energie eingespart werden. Die Klassik Stiftung Weimar folge den durch den Museumsbund veröffentlichten Papieren zur Einhaltung notwendiger Temperaturen und Feuchtigkeitsschwankungen. Im Sommer bewegt sich das Klima in den Häusern der Stiftung in einem Korridor von 20 bis 24 Grad und im Winter bei Minimaltemperaturen von 14. Durch ein Klimamonitoring und angepasstes Lüftungsverfahren, so Lorenz, soll vermieden werden, dass Schäden durch Feuchtigkeit oder Feuchtigkeitsschwankungen an den Schutzgütern entstehen.

Eine Zukunftsfrage

Das Frankfurter Städel Museum hat im Rahmen seines Energiemanagementplans die genauen Preisentwicklungen am Energiemarkt im Blick, sagt dessen Sprecherin Pamela Rohde. Das Museum denke auch über autarke energetische Lösungen nach. Teile der Sammlungsräume des Städel Museums werden ohne Gas beheizt, da dort alles über eine interne Wärmepumpentechnik geregelt ist

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) arbeiten ebenfalls an Notfallplänen. Dabei erfolge differenziert nach Gebäuden und Sammlungen die Priorisierungen und Festlegung gegebenenfalls notwendiger Kompensationsmaßnahmen, sagt Priewe. Das Thema „Energienachhaltigkeit“ sei aber nicht erst seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ein wichtiges Thema für die SKD, die sich seit Jahren für einen nachhaltigen Museumsbetrieb engagiert und als federführend in Deutschland gilt.

„All diese energetischen Umrüstungen verursachen Kosten, die nicht gering sind“, sagt SPK-Vizepräsident Gero Dimter. Es brauche also Budgets, um diese Vorhaben umzusetzen, darunter auch private Spenden. Alle befragten Museen wünschen sich dabei mehr Unterstützung von der Politik. „Die Zukunft der Museen“, sagt Dimter, „entscheidet sich auch an der Energiefrage.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hanschke, Kevin
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