Der Naumburger Domhochaltar

Petrus mit Baseballkappe

Von Stefan Trinks
05.07.2022
, 10:27
Als wären Cranach und Triegel Zeitgenossen: Der vervollständigte Hauptaltar des Naumburger Doms, einen Tag nach Mariae Heimsuchung anno domini 2022 eingeweiht.
Kein Verlust der Mitte mehr: Nach 500 Jahren wurde nun der neue Naumburger Domhochaltar von Michael Triegel eingeweiht. Er ist eine Feier der Schönheit und das Meisterwerk einer vergegenwärtigten Kunst-Religion.
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Was wurde nicht alles über den Blick der Uta von Naumburg geschrieben. Kühl und unnahbar sei er, verschanzt hinter dem weit nach oben gezogenen Mantelsaum der steinernen Stifterfigur im Westchor des Naumburger Doms. Für Walt Disney als begeisterten Anhänger der romanischen Kunst war klar: Uta musste in seinem Schneewittchen-Film die böse Königin sein. Bis zu diesem Wochenende jedenfalls ging ihr nofretetischer Blick ins Leere, nun hat er seinen Fokus zurück. Uta staunt jetzt über ihre junge Konkurrentin in der Mitte des Chorpolygonals, eine Maria in Öl auf Holz, so wie die böse Königin Schneewittchen um ihre Schönheit und Jugend beneidete.

Im weißesten Weiß aller Figuren auf der 242 Zentimeter in der Höhe und 220 in der Breite messenden neuen Mitteltafel des Domhochaltars des Malers Michael Triegel thront sie auf einem antikischen Götterstatuensockel und ist doch kein bisschen statisch. Unter dem tief leuchtenden Lapislazuliblau ihres Mantels sprühen die ebenfalls blauen Augen der jungen Frau nur so vor Lebenswillen. Die Besucher des Weltkulturerbe-Westchors spüren instinktiv, einer zeitgenössischen Frau gegenüberzustehen, gerade so, wie Gottes Ratschluss vor zweitausend Jahren auch eine normale Frau aus dem Volk erwählte. Ebenso zeitgenössisch wirkt das von ihr präsentierte Christuskind mit dem aufgeblähten Bauch eines realen Neugeborenen in all seiner Hilflosigkeit, vor allem aber die Heiligen und Glaubenszeugen hinter dem Ehrenbrokat, von denen nur fünf eindeutig an ihren Attributen oder Porträtzügen identifizierbar sind: Links hält Sankt Elisabeth Rosen in Händen, Dietrich Bonhoeffer mit Bibel in blauem Hemd daneben ist an seiner Brille zu erkennen, Mariens Mutter Anna – die Frau des Künstlers – steht gleichermaßen in Blau gewandet hinter ihr, die heilige Agnes trägt ihr Lamm, und hinter ihr wiederum steht ein zottelbärtiger Petrus mit rotem Baseballcap, aber auch dem goldenen Schlüssel der himmlischen Lösegewalt, sodass der weißbärtige Rabbi neben ihm, indirekt zu erschließen, der zweite Dompatron Paulus sein wird.

Da schaut sie: Uta von Ballenstedt neben ihrem Gemahl Ekkehard II. Markgraf von Meißen, die weltbekannten Stifterfiguren des sogenannten Naumburger Meisters.
Da schaut sie: Uta von Ballenstedt neben ihrem Gemahl Ekkehard II. Markgraf von Meißen, die weltbekannten Stifterfiguren des sogenannten Naumburger Meisters. Bild: dpa

„Sind das Heilige?“, hat einer der beim Einfügen der Mitteltafel in die steinerne Altarmensa beteiligten Bauarbeiter spontan den Künstler gefragt, und die Frage ist nur zu berechtigt. Es handelt sich um die theologisch radikalstmögliche Aktualisierung, denn neben dem Petrus, eigentlich ein Bettler aus Trastevere in Rom, finden sich auch Stifterbildnisse und Künstlerfreunde unter jenen, die das Ehrentuch aufspannen. Doch wie Bonhoeffer im NS für den Glauben einstand und starb, gibt es auch in der Gegenwart immer wieder Menschen, die sich in diese Tradition einreihen, verbildlicht durch das gemeinsame Halten des Heilstuchs. Im Gegenzug wird Maria, hinter deren Tuch ja auch Geborgenheit zu finden ist, zugleich zur Schutzmantelmadonna für alle.

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Zwei Jahre durchgängige Malarbeit am Altar

Die Grundkomposition des neuen Altarbildes ist einerseits alterprobt – eine sogenannte Sacra conversazione, die weihevolle Unterredung der Muttergottes mit Heiligen, wie sie in der Renaissance etwa Giovanni Bellini perfektioniert hat; andererseits signalisieren die geometrischen Großformen und Brechungen etwa durch die übergroße Flöte und die Laute der musizierenden Engel, die mit der Spitzpyramide der Maria drei gegenläufige Keile bilden, dass die Tafel durch die Moderne hindurchging. Auch bei dem Auferstehenden der Rückseite verschränkt der Maler auf der Predella mit dem Blick ins Grab, der Aufsockelung Christi auf der Grabplatte im Mittelteil und vor allem dem Ort der Auferstehung, dem gemalten Westchor, drei Zeitebenen: das historische Heilsgeschehnis, die Gegenwart mit dem Realort des Betrachters, in der sich die Auferstehung als Glaubenshoffnung stets erneuert, sowie die Zukunft mit dem Chor als himmlisches Jerusalem mit seinen Juwelenfenstern. Dasselbe gilt für die Vorderseite, wo ein zur Seite gezogener, wie beim antiken Künstler Parrhasios augentäuschend illusionistisch gemalter Vorhang den Blick auf ein Abendmahl-Stillleben der Vergänglichkeit und Zukunftsverheißung gleichermaßen freigibt: Weiße Lilien erinnern an die Verkündigung an Maria und stehen damit durch die Überwindung der Ursünde, symbolisiert durch einen vom Künstler persönlich angebissenen Staffage-Apfel der Ursünde, die durch eben die verkündete Menschwerdung überwunden wird - mutig tritt Maria auf die laokoonhafte Sündenschlange, die sich immer noch gefahrvoll windet. Lammköpfe, Brot und Wein sowie die herabhängende Dornenkrone und Zeuxis-Trauben verkörpern Fleisch und Blut Christi mitsamt der Passion, die dann im wild flatternden Dornfink des Mittelteils wieder aufgegriffen wird. Die Antike als Christuszeit wird mit der Echtzeit der Stifter, Glaubenszeugen und Zeitgenossen im Bild kurzgeschlossen. Als visuelle Zeitmittlerin kriecht eine Schlange unendlich langsam den Sockel des Marienthrons hinauf.

Hier leuchten die edelsteingleichen Fenster und der Goldgrund Triegels und Cranachs um die Wette: Blick in den Westchor des Naumburger Doms, der 500 Jahre lang seine Patronin Maria vermissen musste.
Hier leuchten die edelsteingleichen Fenster und der Goldgrund Triegels und Cranachs um die Wette: Blick in den Westchor des Naumburger Doms, der 500 Jahre lang seine Patronin Maria vermissen musste. Bild: Falko Matte/Vereinigte Domstifte

Wie aber kam es zur Entstehung dieses monumentalen Werks in den Jahren 2020 bis 2022, und warum hatte der bilderreiche Dom zu Naumburg überhaupt einen neuen Altar nötig? Seit seiner Errichtung in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts war der Westchor Maria geweiht. Auf der Altarmensa stand ein von Lucas Cranach und Werkstatt gemaltes Marienretabel von 1519, das – Ironie bei dem später wichtigsten Reformationsmaler – 1541 in derselben wohl als Rache für den langen katholischen Widerstand in Naumburg zerstört wurde und von dem sich nur die beiden Seitenflügel erhalten haben. Im Jahr 2019 fragten die Vereinigten Domstifter den 1968 in Erfurt geborenen, in Leipzig bei Arno Rink ausgebildeten und durch sein Porträt von Papst Benedikt XVI. weltweit bekannt gewordenen Triegel an. Der sagte sofort zu und arbeitete während der Pandemie zwei Jahre lang an den vier Tafeln, nur unterbrochen vom Bildbatterienachladen in Italien. Virtuos greift er Farben und Motive aus dem Westchor auf und verknüpft sie mit seinem Bild, den Pantokrator des Fensters etwa mit seinem Auferstehenden. Die Faltenmotive und fein ziselierten Haare der Cranach-Flügel übertrifft er sogar noch.

Auferstehung mit Schmetterlingen und Mohnblumen: Die Rückseite des neuen Naumburger Mittelteils von Michael Triegel, auf der Christus mit Siegesfahne über den Tod triumphiert. Flankiert wird er von Cranachs Heiligen Barbara und Katharina, rechts unten steht der Erfurter Maler.
Auferstehung mit Schmetterlingen und Mohnblumen: Die Rückseite des neuen Naumburger Mittelteils von Michael Triegel, auf der Christus mit Siegesfahne über den Tod triumphiert. Flankiert wird er von Cranachs Heiligen Barbara und Katharina, rechts unten steht der Erfurter Maler. Bild: dpa

In den letzten Jahrzehnten sind mehrere neue Altäre für Kirchen in Deutschland entstanden. Von Triegel allein stammen sechs – bei allerdings fünfhundert Werken insgesamt, was ihn vor der Bezeichnung „Kirchenmaler“ feit. Kein anderer Altar der Jetztzeit jedoch springt derart furios durch die Epochen und aktualisiert Vergangenheit in der Gegenwart. Es ist, als hätte der Kirchenvater Augustinus mit der Einstein-haften Hinterfragung „Was ist Zeit?“ im elften Buch seiner „Confessiones“ dem Maler Triegel permanent über die Schulter eingeflüstert.

Apropos Zeit: Der Internationale Rat für Denkmalpflege ICOMOS hat Bedenken geäußert, durch die Tafeln würden Blickachsen im Chor verstellt, was bei Vervollständigung des alten Altars am ursprünglichen Ort und in der originalen Höhe der Cranach-Flügel absurd scheint. Der Aufstellung wurde vorerst nur für drei Monate zugestimmt. Es wäre ein Jammer, wenn dieser exzeptionelle Altar nun nicht auch fünfhundert Jahre stünde.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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