Neandertalerkunst Einhornhöhle

Die Ästhetik der Beinzeit

Von Stefan Trinks
13.07.2021
, 10:38
Man nennt sie auch die „Blaue Grotte": Die Einhornhöhle in der Nähe des niedersächsischen Scharzfeld gilt als Schlüsselfundplatz für die Erforschung des Neandertalers im Norden.
Geometrisch präzise bis hin zu gleichen Abständen: Der von Neandertalern beschnitzte Riesenhirsch-Knochen im Harz ist ein Kunstwerk.

Der Fund eines verzierten Riesenhirsch-Knochens in der Einhornhöhle im Harz gilt unter Archäologen als Sensation. Er zeigt, dass die Neandertaler vor mehr als 50 000 Jahren erstaunliche Fähigkeiten hatten. Denn während die Tierskulpturen aus dem schwäbischen Fundort Hohle Fels (F.A.Z. vom 5. Januar), die auf etwa 40 000 vor Christus datiert werden, von Schnitzern der Gattung Homo sapiens gefertigt wurden, traute man den Neandertalern Künstlerisches bislang nicht zu.

Im Landkreis Göttingen bei Scharzfeld gefunden, konnte das Alter mittels Radiokarbonmethode auf 51 000 vor Christus datiert werden. Der eingestürzte Teil im Eingangsbereich der Höhle bewahrte Fundschichten mit Jagdbeuteresten unter anderem des Megaloceros-Riesenhirsches der Neandertaler gut; dort wird seit 1985 gegraben, die Grabungskampagne mit dem Sensationsfund unter Leitung der Universität Göttingen und des Landesamts für Denkmalpflege läuft seit 2019.

Absichtsvolles Muster

Der sechs Zentimeter hohe und vier Zentimeter breite Knochen ist von einem absichtsvollen Muster tief eingekerbter Winkel in überraschend regelmäßigen Abständen überzogen; es handelt sich somit nicht um Spuren des Schlachtvorgangs. Die experimentelle Archäologie geht angesichts der Tiefe der sechs eingebrachten Kerben von etwa zehn Minuten Bearbeitungszeit für jedes dieser Male aus. Geschickt wurden die Auswölbungen des Fußknochens des Hirsches genutzt, um dem Werk eine plastische Wirkung zu verleihen. Und obwohl das Werk für heutige Augen wie eine Figur mit kopfartiger Ausbuchtung wirken kann, bleibt es durch das Muster aus Winkeln doch grundsätzlich abstrakt. Der verzierte Knochen lässt sich wie eine Kleinskulptur aufstellen, selbst eine Hauptansichtsseite gibt es. Sie erscheint wie eine perfekt ausbalancierte Skulptur der Moderne, als hätte Henry Moore sie geformt.

Kleinskulptur für die Höhlennische: Der von einem Neandertaler verzierte Riesenhirsch-Knochen.
Kleinskulptur für die Höhlennische: Der von einem Neandertaler verzierte Riesenhirsch-Knochen. Bild: AFP

Die Muster belegen, dass die Neandertaler auch kulturell nicht derart weit vom modernen Menschen entfernt waren, wie es das Klischee immer noch will. Schließlich hat sich dieser Mensch vielerorts mit den Neandertalern vereint, wie sich genetisch nachweisen lässt. Auch die neandertalische Bearbeitungstechnik war insofern fortschrittlich, als sie bis heute für Knochenschnitzereien eingesetzt wird: Die Knochen werden in einem Pflanzensud gekocht, damit die organischen Anteile aufweichen und das eigentlich harte Material für etwa anderthalb Stunden leichter zu beschnitzen ist. Steingeräte fanden sich in der Höhle ebenfalls. Lediglich Überreste der Neandertaler selbst stehen noch aus. Bis 2028 ist die Höhle für die Archäologie gepachtet, es bleibt noch etwas Zeit für einen solchen Sensationsfund.

Bleibt die Frage der Deutung: Bloßer Schmuck und Verzierung – oder eine kultische Verwendung? Letzteres ist angesichts der Imposanz des erlegten und in Skulptur verwandelten Riesenhirsches mit seinen bis zu vier Meter ausladenden Geweihschaufeln nicht auszuschließen, ähnlich wie die Künstler des zehntausend Jahre jüngeren Fundorts Hohle Fels in Schwaben das mächtige Mammut in seinem eigenen Material des Stoßzahns auf zeitlos gültige Weise verewigten. Wahrscheinlicher ist allerdings die Verwendung als Schmuck, der mit den einfachen Kerbsymbolen einer bestimmten Kommunikationsform entsprach, die bereits in anderen Neandertalerhöhlen gefunden wurde.

Nicht erst der Homo sapiens konnte Symbolik: Die hier durch die roten und blauen Linien verdeutlichten Kerben des neandertalischen Schnitzers sind auffällig exakt und somit nicht zufällig.
Nicht erst der Homo sapiens konnte Symbolik: Die hier durch die roten und blauen Linien verdeutlichten Kerben des neandertalischen Schnitzers sind auffällig exakt und somit nicht zufällig. Bild: AFP

Für das Mittelalter war dies keine Frage: Der Name der „Einhornhöhle“ stammt vom Verkauf der damals schon im zugänglichen Bereich der Höhle gefundenen, beschnitzten Knochen. Die scheuen Einhörner wurden in den Tiefen der Wälder vermutet; gefangen werden konnten sie nur im Schoß einer Jungfrau, weshalb in vielen mittelalterlichen Kirchen Einhorn-Altäre als symbolisches Substitut für Maria und Christus in Tierform aufgestellt waren. Dem Horn und allen anderen Teilen dieses heiligen Tieres wurden im Volksglauben starke Kräfte zugesprochen, so dass die in der Einhornhöhle gefundenen Knochen eben für die sterblichen Teile des Wundertiers gehalten und als Amulette mit von ihrer magischen Natur verursachten Verzierungen oder zerstoßen als Pulver in Apotheken verkauft wurden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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