Neue Leipziger Schule

Was kommt nach dem „Anbräuner“?

Von Sara Tröster Klemm
22.11.2021
, 21:59
Für einen Moment schien es, als werde Leipzig zum Weltzentrum einer neuen figurativen Malerei. Es folgten Skandale um angeblich rechte Künstler der „Leipziger Schule“. Was passiert heute dort? Ein Rundgang.
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Vor Kurzem erschien im New Yorker eine große Geschichte über den deutschen Maler Neo Rauch. Der Reporter Thomas Meaney hatte ihn in seiner Heimat in Leipzig besucht, war von Rauch in dessen Sportwagen durch die ostdeutsche Landschaft kutschiert worden und hatte mit ihm im „Grauen Hof“ Ochsenbäckchen gegessen. Meaney beschreibt mit Verwunderung die Kentauren und die barfüßigen jungen Frauen, die Rauch malt, er berichtet von Rauchs Misstrauen gegenüber Aktivisten und Annalena Baerbock, von seiner Liebe zu Ernst Jünger, von seiner Verarbeitung der untergegangenen Utopien des Sozialismus und über ein Missverständnis, das nach Meaneys Meinung Rauchs Erfolg in Amerika begründet habe: „Einige wohlhabende Käufer mochten die Idee, in ihren Wohnzimmern Parabeln des gescheiterten Kommunismus aufzuhängen“, schreibt der Reporter. Bald nach Rauchs Entdeckung seien „Privatjets aus La Guardia zu Direktflügen nach Leipzig“ aufgebrochen. Er schreibt auch über den Konflikt zwischen Rauch und dem Kunstkritiker Wolfgang Ullrich, der dem Maler neurechte Tendenzen vorgeworfen hatte. Rauch reagierte mit einem Gemälde, das den Titel „Der Anbräuner“ trägt und eine Figur zeigt, die mit Exkrementen einen Nazi malt. Auf dieses Bild, in dem Ullrich sich porträtiert sah, antwortete der Kritiker wiederum mit dem Ende 2020 erschienenen Büchlein „Feindbild werden“. Die Ausläufer dieses neuen Ost-West-Konflikts in der deutschen Kunstwelt erreichten sogar New York.

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Aber was passiert jetzt in Leipzig, wo noch vor nicht allzu langer Zeit ganze Generationen von jungen Malerinnen und Malern aus allen Ländern der Welt die Leipziger Schule suchten?

Privatjets sind hier schon lange keine mehr gelandet. Ein angehender Künstler schiebt auf dem Gelände der alten Leipziger Baumwollspinnerei sein Fahrrad an den rotverwitterten Backsteinmauern vorbei. Man sieht bizarre Konstruktionen, sinnlos gewordene Seilwinden, längst verwaiste Schienen. Der Hype um die Neue Leipziger Schule hat sich gelegt, und von der Kunst aus Dresden hört man traditionell nicht so viel. Tatsächlich hat sich aber in beiden Städten eine Kunstszene entwickelt, die nicht nur in Deutschland ihresgleichen sucht. Die Kunstprofessorinnen und -professoren pflegen alte malerische Traditionen. Penibles Naturstudium und Zeichnen, bis den jungen Kunststudierenden an den Händen Hornhäute wachsen und die Finger bluten, sind Pflicht. Die meisten Absolventen bleiben. Nach wie vor zieht die Kunsthochschule vor allem figurative Malerinnen und Maler aus aller Welt an, die im rustikalen Labyrinth der gründerzeitlichen Fabrikanlage ein ideales, kreatives Milieu finden.

Vor Corona pendelte etwa die neuseeländische Künstlerin Lisa Chandler halbjährlich zwischen Leipzig und Golden Bay. In der Messestadt fand sie nicht nur Raum, sondern auch anregende Gesprächspartner. Wie Naturgewalten prallen in ihrem monumentalen Gemälde „Language of the Unheard“ (2017) Demonstranten und Polizisten aufeinander; die stringente Geometrie und der dynamische Bildraum entwickeln dabei eine starke Sogwirkung, die den Betrachter in das Geschehen hineinzieht. Zuletzt war das Werk im Ausstellungsraum Archiv Massiv auf dem Spinnereigelände ausgestellt und hängt jetzt in der Tauranga Art Gallery in Neuseeland. Chandler will darin den „Unbeachteten“ eine Stimme geben. Nicht nur in diesem Bild, sondern in einer ganzen Werkreihe, bestehend aus zahlreichen Gemälden, seriellen Miniaturen, Zeichnungen und Collagen, befasst sie sich mit der weltweiten Protestkultur.

Stilistisch und thematisch ganz anders sieht die Kunst von Titus Schade aus: Während sich Chandler einer rauen Bildsprache bedient, entwickelte er mit minimalistischen Mitteln eine unverwechselbare Bildsprache, die zwischen Surrealismus, Minimalismus und Neuer Sachlichkeit oszilliert. Seine technisch makellos gemalten Fachwerkhäuser reihen sich wie minutiös geordnete Modellarchitekturen im Bildraum auf; die Stimmung der Gegend ist hier deutlich stärker zu spüren als in den Werken anderer Absolventen – wobei man die Werke nicht als bloße Abbildung einer äußeren Realität missverstehen darf. Seinen Arbeitsprozess beschreibt Schade nüchtern als „Klärung und Präzision eines geistigen Bildes“, wobei ihn die Ergebnisse immer wieder selbst überraschen.

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Das Eldorado der Leipziger Spinnerei

Man muss die Bilder im Original, aus der Nähe sehen, um ihre Wirkung zu erleben – überhaupt ist „in der Pandemie deutlich geworden, dass Malerei wirklich erlebt werden muss und nur schwer über Bildschirme vermittelt werden kann“, sagt Titus Schade. Aus Neo Rauchs Meisterklasse an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) gingen neben ihm zahlreiche heute profilierte Künstler und Künstlerinnen hervor, darunter Kristina Schuldt, Claus Georg Stabe, Robert Seidel, Maria Sainz Rueda und Mandy Kunze, die ihre Bilder der Leinwand in einem intensiven Prozess abringt. Mehrere der genannten Künstler werden durch die Galerie Eigen+Art vertreten. Neben ihrem Standort in Berlin verfügt die international agierende Galerie von Judy Lybke auf dem Gelände der Leipziger Spinnerei über Räume mit musealen Dimensionen. Neben dieser Galerie entfaltet sich in dem alten Industriebau mit zahlreichen Künstlerateliers, Galerien, Ausstellungsräumen, Läden für Künstlerbedarf und einem Café ein echtes Künstler-Eldorado.

Frank Zöllner, Professor für Kunstgeschichte an der Uni Leipzig, beschäftigte sich kürzlich mit der jüngeren Generation von Künstlern. Er schickte Studierende in die Ateliers. Aus dem Kontakt der Studierenden mit den zeitgenössischen Künstlern gingen die Ausstellung „Antipoden? Neueste Leipziger Schule“ und ein Katalog hervor. Was ist diese neueste Leipziger Schule – und was unterscheidet sie von der einst so gehypten sogenannten „Neuen Leipziger Schule“, die um die Jahrtausendwende als lose Gruppierung von Malern den internationalen Kunstmarkt aufmischte, darunter Tim Eitel, Matthias Weischer, David Schnell, Katrin Brause und Tilo Baumgärtel, von denen viele an der HGB bei dem Maler Arno Rink studiert hatten.

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Klassische Maltraditionen zu neuem Leben zu erweckt

Der Eindruck von Leipzig als reiner figürlicher Malermetropole trügt. Multimediakünstler wie Marian Luft oder Mylasher – ein Kunstname, hinter dem sich Tine Günther verbirgt – grenzen sich von der klassischen Malereitradition klar ab. Mit Keramiken, gefundenen Naturmaterialien, Murals und Installationen kennt gerade Mylasher keine Material- und Genregrenzen. Sie und ihr Werk reißen den Betrachter mit: Die bunten, psychedelisch gemusterten Leggins, das zerzauste Haar, ihr ganzes Wesen scheint sich in ihren Gemälden, Performances und kuriosen, amorphen Keramiken direkt widerzuspiegeln; man muss sie erleben.

Michael Triegel dagegen ist inzwischen zu einer festen Größe im Leipziger Kosmos geworden und steht für das, was man typischerweise mit „Leizpiger Schule“ assoziiert. Wie kein anderer schafft Triegel es, die klassischen europäischen Maltraditionen zu neuem Leben zu erwecken: Seine Bilder bestechen durch meisterhafte Präzision, verblüffende Trompe-l’œil-Effekte und vielfältige literarische, religiöse und philosophische Anspielungen.

Auch kunsthistorisch aktiver Mehr-Generationen-Ort

Fast noch mehr als in Leipzig entwickelten sich auch in Dresden viele alternative Kunstorte – von der Ateliergemeinschaft geh8, der Feuerwache Loschwitz bis hin zur Produzentengalerie, Stephanie Kelly und Holger Johns Galerie im wiederaufgebauten Zentrum der Stadt. In der internationalen Presse wird Dresden gerne auf Pegida reduziert. Doch wer spricht von der dortigen internationalen, weltoffenen Künstlerszene? Manaf Halbouni kam 2009 von Damaskus in die Stadt an der Elbe, um an der HfBK sein Bildhauereistudium fortzusetzen. 2018 erhielt er wie Marian Luft den Marion-Ermer-Preis und damit eine große Ausstellung im Museum der bildenden Künste (MdbK) Leipzig. Am Blasewitzer Elbhang bietet das Künstlerhaus Loschwitz seinen Bewohnern idyllische Arbeitsbedingungen – die großen, lichtdurchfluteten Ateliers liegen direkt neben den Wohnräumen, in denen ganze Künstlergenerationen heranwachsen – wie etwa bei Veit Hofmann, dessen Sohn Peter ebenfalls Künstler wurde. Nur eine Handvoll Galerien sorgt in Dresden für den nötigen Absatz; fast versteckt in einem Hinterhof liegend vertreibt die Galerie Gebr. Lehmann unter anderem die Maler-Superstars Eberhard Havekost und Thomas Scheibitz. Zeitgleich hatten sie Anfang der Neunzigerjahre in Dresden studiert.

Anders als in Leipzig verteilen sich die Dresdner Kunstorte quer über die ganze Stadt. Das Atelier von Hans-Ulrich Wutzler etwa befindet sich zentrumsnah in einem undefinierbaren Flachbau inmitten eines DDR-Plattenwohngebiets. Er schuf im Jahr 2020 mit „Celebrate Laboratory, Lege Artis“ ein Bild, das die Gesetze und Möglichkeiten der Malerei auf verblüffende Weise untersucht. Wutzlers Bilder entziehen sich konsequent einer bestimmten Deutung: Im „Feierlabor“ sieht man präzise gemalte Geländer; wenn man aber den Blick ruhig über diese Röhren schweifen lässt, bemerkt man, dass sie frei im Bildraum schweben. Genau wie die schwarzen Gebilde unter den Kanistern sind sie Elemente reiner Malerei.

Eine Sonderposition in der Leipziger Kunstlandschaft hat Kurt Bartel inne. Bartels Werk wird gerade neu entdeckt, obwohl er nicht direkt als junger Maler durchgeht – er wurde 1928 in Berlin geboren. Seit 1994 lebt der Künstler als wohl letzter arbeitender Informel-Maler in Leipzig und beweist, dass die Stadt auch kunsthistorisch ein aktiver Mehr-Generationen-Ort ist. Zum Leidwesen der Kunsthistoriker übermalt Bartel, auf der Suche nach dem richtigen Licht, jedoch immer wieder auch alte Leinwände. So verschwindet eine ganz spezielle neue Leipziger Schule schneller, als die Privatjets, die Kritiker und Sammler landen können.

Titus Schade: „Umland“, bis zum 18. Dezember in der Galerie Eigen + Art Berlin. Bis zum 11. Dezember werden Werke des Künstlers Michael Triegel im Freiburger Münsterforum gezeigt.

Quelle: F.A.S.
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