Wendephasen deutscher Kunst

Neomanierismen der Teilung

Von Stefan Trinks
03.10.2020
, 17:07
Arno Rink 2005 in seinem Atelier in Leipzig
Im Gegensatz zu den westdeutschen Nachbarn blieb die ostdeutsche Kunstszene kurz vor und nach der Wiedervereinigung ihrem Stil treu. Über die erstaunlichen Wendephasen der deutschen Malerei.
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Soll eine einzige prägende Gestalt der Malerei seit der Wiedervereinigung genannt werden, würden die meisten Deutschen wohl ohne Zögern den Leipziger Maler Neo Rauch nennen. Niemand von den Lebenden außer Gerhard Richter erzielt höhere Preise, niemand wird – und zwar weit über die nach Rauch benannte „Neue Leipziger Schule“ hinaus – in den aktuellen Meisterklassen auch der bundesdeutschen Kunsthochschulen wie auch den Galerien häufiger kopiert; bisweilen sieht man in Straßen und Ladenzeilen mit hoher Galeriendichte in jedem zweiten Schaufenster einen Rauch-Epigonen. Auch Bühnenbild und Kostüme von Wagners „Lohengrin“ im von der ostdeutschen Kanzlerin so geliebten Bayreuth gestalteten 2017 Rauch und seine Frau Rosa Loy. Ein gesamtdeutscher Erfolg also, ähnlich den ersten gemeinsam bestrittenen Olympischen Spielen mit ihrem damaligen Goldregen?

Während der Westen ab ’45 wie ein Schwamm sämtliche abstrakten und teils auch verstiegenen Moden der Kunst aus Amerika übernahm, malte der Osten beharrlich figürlich-gegenständlich, vielfach mit Rückgriffen auf die Alten Meister und in handwerklicher Bravour. Dabei war ein Teil der Maler zwar brav staatstragend-abbildend; der Rest jedoch verbarg vor aller Augen Subversiv-Ambivalentes gerade in einer vermeintlich klar zu durchschauenden Formensprache, die alles zeigt, aber nichts eindeutig sagt. Wie in einer Zeitkapsel gelangte das Beste der Vorkriegsmalerei durch die Jahre der DDR in die Zeit nach 1990. Doch auch bei Rauchs Erfolgsgeschichte wird immer wieder dessen Lehrer und damit eine „Zwischengeneration“ ostdeutscher Maler der Uneindeutigkeit vergessen, die diesen keinesfalls aus dem Nichts kommenden Siegeszug des Figürlichen in den späten Neunzigern erst möglich machte: Arno Rink. Würde man bei dessen Bild „Terror II“ im Leipziger Museum der Bildenden Künste nicht auf das Etikett schielen, wo als Entstehungsdatum „1978/79“ zu lesen ist, könnte man es für einen Neo Rauch aus dessen aktuellem Schaffen halten.

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Desolate Befindlichkeit

Nach dem bleiernen Herbst der Bundesrepublik entstanden, fängt Rinks Bild die zutiefst beklemmende Atmosphäre dieser Zeit auch in der DDR ein: Am linken Rand hängt ein nackter Gefolterter kopfüber nach unten. Drei Menschen im Bildzentrum werden von einer schwer gepanzerten Ordnungsmacht mit Schilden vor sich hergetrieben und stolpern nach rechts, wobei ein Wasserwerfer der Polizei zum Farbwerfer wird, weil der Schwall weißer Flüssigkeit nicht wie Wasser wirkt, vielmehr dickflüssig als Farbe auf den Mann in Schwefelgelb am Ende des Trios mutmaßlicher Demonstranten prallt und herunterläuft. Der Raum, in dem die Gewalt stattfindet, bleibt undefiniert; geborstene Balken von offenbar eingestürzten Bauten oder Resten von Barrikaden ragen überkreuzt hinter den Schultern der Frau an der Spitze des kleinen Zugs auf, so dass sich der optische Eindruck einstellt, als schleppe sie ein Kreuz wie Christus bei der Passion. Auferstehen wird aus diesen Ruinen kaum etwas. Wenn der weite Raum das gesamte Land spiegelt, ist die Befindlichkeit des Landes desolat.

In Neo Rauchs monumentalem Querformat „Paranoia“ von 2007 erscheinen fast dreißig Jahre später zentrale Gestalten von Rinks Bild als Wiedergänger. Auf den ersten Blick fallen der schwefelgelbe Fenstervorhang links und die ebenso grelle Landkarte rechts als „Weitermalen“ Rink’scher Ideen ins Auge. Auch der unterschiedlich hohe Raum verschwimmt in den Ecken und in seinen seltsamen stofflichen Abhängungen unter der Zimmerdecke – wie bei Rinks „Terror II“ – zu einem Emotions-Raum, der eher einem Albtraum gleicht.

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Die zwei zu sehenden Männer und die Frau, die in dem großen Raum verloren wirken, recken sich der Tür in der linken Wand entgegen und starren ängstlich auf den oben aus der Türritze quellenden Rauch, eine häufig vom Künstler eingesetzte Kryptosignatur. Insbesondere aber das Kippen nach vorne, vor allem bei der Frau am Tisch, ähnelt dem Stolpern der Protagonisten Rinks auf verblüffende Weise. Das rührt nicht zuletzt daher, dass beide den manieristischen Maler El Greco verehren, der dieses Ins-Bild-Stolpern gleichsam zur festen Bildform seiner Figuren erhoben hat. Zu diesem Sturz ins Ungewisse und der Hitchcockesquen Atmosphäre passt der Bildtitel nur allzu gut.

Dass die avancierte Bildsprache Rinks keinesfalls selbstverständlich war und sich für Rauch an einem Bild wie „Terror II“ neue Welten öffneten, zeigt sein 1983 vier Jahre nach diesem entstandenes „Porträt eines jungen Mannes“. Auf schmerzliche Weise mit dem späten Realismus der verwelkenden DDR verbunden, sitzt darauf im Schneidersitz auf dem Boden ein gerade dem Jugendalter Entwachsener in Jeans und rotbraunem Pullover; seinen tränenverhangen melancholischen Blick vergisst man sein Lebtag nicht wieder. Aus der Mischung dieses „symbolischen Realismus“ und einer kurzen abstrakten Phase um 1993 formte Rauch seinen charakteristischen Neo-Manierismus der Inneren.

Über vierzig Jahre nach Rinks epochalem Bild aber lässt sich heute angesichts dieser grenzüberschreitenden Austauschprozesse wehmütig feststellen: Die Malerei als verbindendes Element beider Landesteile besaß einmal ein Anspruchsniveau, das heute erst wieder einzuholen wäre. Rauchs Bild „Der Anbräuner“ von 2019 ist ein gemalter Brandbrief, den der Künstler dem westdeutschen Kritiker eines Wochenblatts entgegenschleuderte, der ihm rechtslastiges Denken vorwarf. Das Wutbürger-Bild kann Echolot für die Tiefe der aktuellen inneren Spaltung sein, die auch durch die Kunst geht: An der Staffelei ist der Kritiker zu sehen, durch das Signaturkürzel seiner Initialen auf dem Gemälde zu identifizieren. Er wirft mit seinen Exkrementen als Farbe ein stark vereinfachtes Bild seines Künstler-Kontrahenten als Strichmännchen auf die Leinwand, durch ein Fenster im Hintergrund lugt Hitler herein. Der Westkritiker wird für Rauch zum Anbräuner, ein Begriff, den Ernst Jünger einst als Kunstwort für das Anschwärzen als Nationalsozialist prägte. Seit kurzem gibt es vom Kritiker die scharfe Bucherwiderung „Feindbild werden“. Die Fronten sind verhärtet, die Gräben zwischen Ost und West vertieft. Bei letzten Umfragen zufolge achtundsiebzig Prozent Demokratieunzufriedenen im Osten ein beunruhigender Befund.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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