Neue Schau zur Himmelsscheibe

Lokal war damals schon global

Von Andreas Kilb
04.06.2021
, 13:32
Ein Träger uralten Sternenwissens: die Himmelsscheibe von Nebra
In der frühen Bronzezeit war die Welt nördlich der Alpen von den Hochkulturen des Vorderen Orients abgekoppelt. Nur aus Mitteldeutschland führten Handelswege bis nach Assur und Babylon. Entstand so die Himmelsscheibe von Nebra? Das behauptet eine Ausstellung in Halle.

An Anschauung mangelt es der Archäologie nicht. Im Gegenteil, sie quillt geradezu über davon, denn wo immer sie ihren Blick hinwendet, kommen Dinge zum Vorschein: Vasen, Becher, Kultbilder, Goldketten, Waffen, Grundmauern, Gräber. Das Problem der Archäologie, das sich in den Museen, ihren Schaufenstern, verdichtet, ist ein anderes. Ihren Funden, die oft aus schriftlosen, lang versunkenen Kulturen stammen, mangelt es an Anschaulichkeit. Die menschliche Geschichte, die sie aufbewahren, bleibt in ihnen verschlossen. Sie sprechen nicht zum Betrachter. Man muss sie zum Reden bringen, indem man eine Geschichte erzählt, die sie erhellt. Das ist dann nur noch zur Hälfte Wissenschaft. Die andere Hälfte ist Spekulation.

Die Ausstellung „Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte“ im halleschen Landesmuseum für Vorgeschichte erzählt eine Geschichte aus der mitteleuropäischen Bronzezeit, die ans Sagenhafte grenzt. Im achtzehnten Jahrhundert vor Christus macht sich ein Fürstensohn aus dem Gebiet zwischen Saale, Elbe und Harz auf den Weg ins Zweistromland. Er überquert die Alpen, besteigt in Süditalien ein Schiff, das ihn über Mykene nach Kreta bringt, reist von dort nach Byblos an der Küste des heutigen Libanon und erreicht endlich das Babylon des Großkönigs Hammurabi. Dort erwirbt er das astronomische Wissen, das er oder einer seiner Bediensteten später auf der Himmelsscheibe von Nebra festhalten wird.

Stonehenge trifft auf Pömmelte

Erstaunlicherweise gelingt es der Ausstellung in Halle, diese Saga vom bronzezeitlichen Kulturaustausch plausibel zu machen – nicht direkt glaubhaft, aber doch denkbar und möglich. Dazu setzen die Kuratoren unter der Leitung des Museumschefs und sachsen-anhaltischen Landesarchäologen Harald Meller alle Mittel musealer Suggestion ein. Wer die Haupthalle des neoromanischen Großbaus von Wilhelm Kreis betritt, kommt in einen Stelenkreis, der den Kultstätten jener Epoche nachempfunden ist, aus der die Objekte in den Vitrinen stammen. An der Nord- und Südseite des überdachten Innenhofs, der von einem aus Dutzenden Videomonitoren projizierten Sternenhimmel gekrönt wird, strahlen auf hinterleuchteten Stellwänden die Megalithen von Stonehenge und die Holzpfosten der Kreisgrabenanlage von Pömmelte.

Schmuck als Handelsgut: Bernsteinkette aus Dieskau im Saale-Kreis
Schmuck als Handelsgut: Bernsteinkette aus Dieskau im Saale-Kreis Bild: LDA Sachsen-Anhalt/Juraj Lipták

Pömmelte bildet den ersten der „neuen Horizonte“, welche die Ausstellung öffnen will, denn die seit 2005 erschlossene Anlage nahe der Mündung der Saale in die Elbe dokumentiert den Übergang von der Glockenbecher- zur Aunjetitzer Kultur, der die Himmelsscheibe von Nebra entstammt. Die Glockenbecherleute waren wie ihre Nachbarn, die Schnurkeramiker, aus Vorderasien eingewandert, die Aunjetitzer Kultur dagegen entstand aus der Verschmelzung beider Gruppen. In Pömmelte, das um 2000 vor Christus rituell abgebaut wurde, während die Siedlung rings um den Kultort weiterwuchs, zelebrierte die neue Zeit ihren Sieg über die alte.

Im Zentrum der Inszenierung steht allerdings die Himmelsscheibe. Ihre Faszination ist seit ihrer Entdeckung vor gut zwei Jahrzehnten noch gewachsen. Als Memogramm, das ein uraltes Berechnungsprinzip zum Ausgleich von Mond- und Sonnenjahren verbildlicht, ist sie ebenso bedeutend wie als Kunstwerk aus Gold und Bronze. Die Goldapplikate wurden inzwischen aufgrund ihres Zinngehalts den Vorkommen im englischen Cornwall zugeordnet. Da die Scheibe zwei Jahrhunderte lang mehrfach verändert wurde, spricht das für ein festes Handelsnetz zwischen Nebra und Westeuropa.

Der Glanz des Goldes: Cape einer Priesterin aus Mold in England
Der Glanz des Goldes: Cape einer Priesterin aus Mold in England Bild: The Trustees of the British Museum

Das astronomische Wissen dagegen, das auf der Scheibe in ihrer ersten Fassung fixiert war, konnte nur aus einer Schriftkultur stammen. Ein starkes Indiz für seine babylonische Herkunft ist, dass es binnen weniger Generationen verloren ging. In ihrer letzten Verwendung war die Himmelsscheibe eine Art Feldzeichen, ein bloßes magisches Symbol. Als es auf einem Hügel bei Nebra in der Erde versenkt wurde, stand die Aunjetitzer Kultur vor dem Erlöschen. Auf ähnliche Weise haben in der Spätantike die letzten Heidenpriester ihre Kultstatuen begraben.

Die nach einem Fundort bei Prag benannte Kultur von Aunjetitz ist das eigentliche Thema der Ausstellung. Ob ein mitteldeutscher Prinz im achtzehnten vorchristlichen Jahrhundert tatsächlich zum Euphrat reiste, wird wohl nie zu klären sein, aber es steht fest, dass die Aunjetitzer im Europa der frühen Bronzezeit eine Schlüsselposition einnahmen. Hier, an der mittleren Elbe, trafen die durch Europa verlaufenden Handelswege für Bernstein, Gold, Zinn und Kupfer zusammen, gleichzeitig war die Gegend salzreich und fruchtbar.

Waffen für die Krieger des Königs: Bronze-Beile aus dem Hort von Dermsdorf
Waffen für die Krieger des Königs: Bronze-Beile aus dem Hort von Dermsdorf Bild: LDA Thüringen/Hauke Arnold

Die These Mellers und seiner Kuratoren lautet nun, dass der Reichtum, der aus dieser Konstellation entstand, zu einer stärkeren Schichtung der Gesellschaft führte. Die Schnurkeramiker und ihre steinzeitlichen Ahnen wurden von Priesterhäuptlingen regiert, wie man auf Stelen aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend sehen kann, die Aunjetitzer dagegen von Fürsten und Königen. Ein Hauptindiz für diese hierarchische Gliederung ist der Bornhöck, ein Grabhügel südlich von Halle, der im neunzehnten Jahrhundert zur Kohlegewinnung abgetragen wurde, dessen erhaltene Reste aber von Mellers Kollegen in den vergangenen Jahren neu erforscht werden konnten. Der Herrscher, der hier um 1700 vor Christus bestattet wurde, muss über ungewöhnliche Ressourcen verfügt haben, denn sein Grab gehörte mit fünfundsechzig Metern Durchmesser und fünfzehn Metern Höhe zu den größten der Bronzezeit. Im nahen Umkreis gefundene Horte mit Beilen und Stabdolchen deuten darauf hin, dass er auch über eine eigene, nach Rängen sortierte Kriegertruppe verfügte.

Zwei weitere Fürstengräber in Helmsdorf und Leubingen bestätigen zugleich die Ausnahmestellung des Bornhöck-Herrschers und die Macht des neuen Adels. Ihre Ausstattung ist zugleich üppiger und einheitlicher als die früherer Kulturen. Besondere Beigaben wie ein Steinkeil, der schon damals Tausende Jahre alt war, betonen den Ewigkeitsanspruch der Oberschicht. Dafür werden die religiösen Kultstätten in der Aunjetitzer Machtsphäre deutlich kleiner. Offenbar legte man beim Zwiegespräch mit den Göttern Wert auf Exklusivität.

Die Herrscherin trug Silber: Schädel mit Diadem aus El Argar in Südspanien
Die Herrscherin trug Silber: Schädel mit Diadem aus El Argar in Südspanien Bild: dpa

Dass eine solche soziale Ausdifferenzierung in der Bronzezeit kein Einzelfall war, zeigen die Funde von El Argar in Südspanien. Dort blühte eine Kultur von stadtähnlichen Herrschersitzen, deren Führungsschichten untereinander heirateten. In Halle ist ein Silberdiadem zu sehen, das noch am Schädel der Edeldame klebt, die es zu Lebzeiten getragen hat. Um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends ging El Argar im Feuer unter. Die Aunjetitzer Kultur dagegen könnte einfach verdämmert sein. Ihre Gene sind bis heute in der Bevölkerung Mitteleuropas nachweisbar.

Im Schlussteil öffnet die Ausstellung die Schatztruhe der Archäologie. Mykene, Kreta, Amarna, Assiut, Wiltshire, Jütland, Tirol und die Schweiz, sie alle bringen, aus europäischen Museen entliehen, ihre Kostbarkeiten nach Sachsen-Anhalt. Aber der wichtigste Fund auf dem großen Gabentisch sind zwei kleine Bernsteinperlen aus Assur. Um 1800 vor Christus wurden sie dort zusammen mit zahllosen kleinen Muscheln und anderem Perlenschmuck in den Fundamenten der Zikkurat des assyrischen Großkönigs Šamši-Adad I. versenkt.

Die beiden bräunlichen Ringe aus Bernstein stellen bis auf Weiteres den einzigen greifbaren Beweis dafür dar, dass Handelsgüter aus dem Ostsee-Raum bis ins Zweistromland gelangten – und mit ihnen, wer weiß, vielleicht auch ein Reisender aus der heutigen Gegend von Halle. Damit haben sie für die Ausstellung einen höheren Wert als jedes frühgeschichtliche Gold-, Silber- und Bronzeschmuckstück, das in den Vitrinen des Landesmuseums schimmert. Denn was sind schon alle Reichtümer der Welt gegen eine gute Geschichte?

Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte. Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle, bis 9. Januar 2022. Der reich bebilderte Katalog kostet im Museum 19,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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