Herman de Vries wird 90

Maler seltener Erden

Von Stefan Trinks
11.07.2021
, 13:59
Tonig: Der Künstler Herman de Vries vor seinen Erdabrieb-Bilder im niederländischen Pavillon der 56. Biennale von Venedig.
Ton, Steine, Kräuter: Der niederländische Land-Art-Künstler Herman de Vries wird neunzig.

Was verschlägt einen im holländischen Flachland Alkmaar Geborenen in das hügelige Mittelgebirge des fränkischen Steigerwalds, genauer nach Eschenau, und was hält ihn dort, seit einundfünfzig Jahren? Sicher nicht die nahe Cola-Fabrik in Knetzgau, vielmehr sind es die Besonderheiten der dortigen Natur, die für einen ausgebildeten Gärtner, Biologen und Land-Art-Künstler wie Herman de Vries ständige Anregung oder Herausforderung sind und in deren Wäldern er die Grundelemente jener Bilder findet, für die er bekannt ist: Ausreibungen „seltener Erden“, die er auf seinen ausgedehnten täglichen Wanderungen durch die erstaunlich vielfältige Natur des Steigerwalds sammelt und auf Papier - meist in rechteckiger Form - in die Struktur des Bildträgers einmassiert.

Leuchtende Glasfenster aus Erde

Fast parallel zu Gerhard Richters Farbquadrat-Puzzles und vor dessen riesigem Glasfenster für den Kölner Dom entstanden, beziehen de Vries’ ebenfalls vom Licht bestimmte Erd-Farbquader ihre Leuchtkraft von zartem Lehmgelb über Rosé-Löss bis hin zu Waldbodentiefbraun nicht primär vom einfallenden Licht, sondern von den mineralischen Bestandteilen der variantenreichen Böden der Gegend. Wer ihn über einen herben Magerrasen schlurfen sieht, könnte sich phänotypisch durch den mächtigen grau-weißen Vollbart de Vries’ an den Alm-Öhi erinnert fühlen; treffender scheint der Vergleich mit einem Geologen-Künstler wie dem malenden Ganzheitlichkeitsarzt und präzisen Chronisten von Gesteinssedimenten, Carl Gustav Carus, der wie de Vries Landschaftsformationen wie die Basaltformationen in Nordirland mit Auge und Pinsel sezierte. Doch anders als Carus ist de Vries auch Bildhauer. Dabei ist ihm jedes in der Natur gefundene und von ihr vorgestaltete Objekt eine „sculpture trouvée“, der es nichts hinzuzufügen gilt und die nur noch zu arrangieren oder kontextualisieren ist. Ein solches minimalinvasives Konzept bedeutet auch, dass bisweilen wie bei Beuys die Gefahr des Nichterkennens droht - de Vries’ wild wuchernder Sträucher- und Gräserdschungel des „Sanctuariums“ am Stuttgarter Pragsattel wurde 2018 radikal abgemäht und beschnitten.

Neben kunstvollen „Herbarien“ im Freien sowie auf Papier und Leinwand in der Tradition der Renaissance-Wunderkammern entstanden auch Künstlerbücher mit dem gesamten Kosmos de Vries’ im Kleinen. Wenn eine dieser Künstlereditionen in der Reihe mimas atlas mit dem Titel „ambulo ergo sum“ überschrieben ist, könnte das auch das Lebensmotto des Künstlers sein: „Ich wandle, also bin ich.“

Dass de Vries in seinem urigen deutschen Mittelgebirge von den eigenen Landsleuten vergessen worden wäre, ist nicht der Fall: Auf der 56. Biennale von Venedig im Jahr 2015 gestaltete er den holländischen Pavillon und die Lagunen-Insel Lazzaretto Vecchio. Beides stand unter dem geradezu buddhistischen Titel „To be all ways to be“. Die Architektur verwandelte er dabei in eine Meditations-Insel im Auge des venezianischen Kunsttaifuns, die echte Insel überließ er der Natur. Auch das Stedelijk Museum in Amsterdam besitzt und ehrt seine Gemälde von de Vries, bildete er doch in den Fünfzigerjahren gemeinsam mit Armando und Henderikse das Herz des holländischen Informel. Erst im vergangenen Jahr widmete ihm das auf Skulpturen spezialisierte Georg-Kolbe-Museum in Berlin mit „How green is the grass?“ eine große Ausstellung, die auch neueste Arbeiten des unermüdlichen Waldläufers umfasste. Möge das Gras und die Erdsode darunter sich noch lange lebendig und duftend auf seinen Leinwänden abreiben, denn heute wird Herman de Vries neunzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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