Comicausstellung in Paris

Größe macht Großmacht

Von Andreas Platthaus
04.08.2022
, 21:26
Panel aus einer von Chris Wares „Building Stories“, 2012
Ein Amerikaner in Paris: Das Werk des Comiczeichners Chris Ware wird in der Bibliothek des Centre Pompidou ausgestellt. Und es sprengt alle Maßstäbe.
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Unser Bild oben zeigt im Zentrum der Komposition ein altes Apartmenthaus in Chi­cago, das der Zeichner dieser Comicseite selbst bewohnt hat. Nicht, dass das eine Rolle für seine Geschichte spielte. „Building Stories“, der experimentierfreudigste Co­mic, den Chris Ware bislang publiziert hat (und jede seiner bisherigen Arbeiten wäre geeignet gewesen, alles umzustürzen, was in mehr als hundert Jahren Comiczeichnen zuvor entstanden war), erzählt in erster Linie von dem Haus, erst in zweiter von dessen Bewohnern. Dass Ware selbst dort gelebt hat, kann man nur einer Zeichnung aus einem seiner Notizbücher des Jahres 1995 entnehmen, die jetzt in einer ihm gewidmeten Pariser Ausstellung gezeigt wird: Da ist, ganz im Stil des von ihm vergötterten, aber in Wares Comics als Einfluss sonst unsichtbaren Kollegen Robert Crumb, ebenjenes Haus in Chicago festgehalten, und darunter steht vermerkt: „Our Apartment Building“. Außerdem noch „Drawn w/gloves on“ – es war Dezember. Jemand wie Ware, der noch mit Handschuhen so zeichnen kann wie Crumb ohne (und Crumb wurde von Museen schon als „Bruegel des zwanzigsten Jahrhunderts“ be­zeichnet), hat wohl eine Ausstellung im Centre Pompidou verdient.

Genauer gesagt: in dessen Bibliothek, denn da gehören Comics nach Auffassung dieses Museums hin (wenn sie nicht von Hergé oder Jean-Marc Reiser stammen; deren Werke wurden hier jeweils im normalen Ausstellungsbereich gezeigt). Der Vorteil der Bibliothek: freier Eintritt. Der Nachteil: wenig Platz. Alle sechs bislang dort gezeigten Comicschauen haben dieselbe Grundfläche von etwa hundert Quadratmetern zugewiesen bekommen, auf der dann ein vielfach durchbrochener und im Inneren mittels Zwischenwänden variabel gegliederter Kubus errichtet wird. So nun auch bei Chris Ware, zu dessen Werk diese geometrisch-architektonische Herausforderung allerdings perfekt passt. Niemand hat die Kunst, auf Comicseiten so viel Bildinformation unterzubringen wie nur möglich, derart perfektioniert wie der 1967 geborene Amerikaner. Auch das zeigt unser Bild.

Chris Wares Thanksgiving-Cover für „The New Yorker“
Der Nostalgiker: 2006 zeichnete Chris Ware dieses Umschlagbild für die Thanksgiving-Zeitschrift „The New Yorker“. Bild: Chris Ware

Etwas mehr als siebzig Originale von Ware sind in Paris zu sehen. Das ist nicht viel, aber einerseits muss man bedenken, dass seit Hal Foster oder Philippe Druillet kein Comiczeichner mehr in solchen Formaten gezeichnet hat. Die größte in Paris gezeigte Einzelseite hat als Originalzeichnung eine Höhe von 1,20 Meter. Publiziert wurde sie ums Vierfache kleiner, aber blieb dabei lesbar, obwohl die Panels nun winzig waren. Auch die Zeichnung zu unserer hier nach der farbigen Druckfassung reproduzierten Seitenarchitektur ist im schwarzweißen (typischerweise allerdings noch mit zahlreichen Blaustiftvorzeichnungen versehenen) Original mehr als siebzig Zentimeter hoch.

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Virtuose der klaren Linie

Ware behauptet, er könne gar nicht gut zeichnen; wahre Meister seines Faches erkennt er in Leuten wie Crumb, Winsor McCay, Frank King, George Herriman oder Cliff Sterrett. Bis auf Ersteren sind alle längst tot: Außer Crumb arbeiteten alle in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ware ist ein Comicnostalgiker, dessen Arbeiten man das aber nur insofern ansieht, als er den kompositorischen Wagemut der Pioniere dieser Kunst zum Vorbild genommen hat. In der ab­strahierten Strenge seiner Linien bei aller Verspieltheit der Bildkonstellationen er­scheint er als Kind des Computergraphikzeitalters. Nur, dass er so schon zeichnete, als Computer diese Klarheit noch gar nicht hinbekommen hätten.

 Auszug aus Chrs Wares „Rusty Brown“ von 2019
Manifest der klaren Linien: Auszug aus „Rusty Brown“ von 2019 Bild: Chris Ware

Art Spiegelman erkannte das als Erster. Er rief Ware 1987 an, nachdem er Arbeiten des damals noch nicht Zwanzigjährigen in einer texanischen Universitätszeitung gesehen hatte, und lud ihn zur Mitarbeit an der Comicanthologie „Raw“ ein. „Das war für mich wie ein Anruf des Präsidenten der Vereinigten Staaten“, erinnert sich Ware heute, und er nutzte seine Chance. Von Spiegelman lernte er die Bedeutung ästhetischen Eigensinns im damals noch streng re­gulierten Co­micgeschäft kennen: Die Heftformate waren festgelegt, also musste man selbst verlegen, wenn man aus diesem Raster fallen wollte. Ware begann 1993 mit seiner Heftserie „Acme Novelty Library“, deren Format in siebzehn Jahren ständig wechselte – von winzig bis riesig. Und weil darin sukzessive die Geschichte eines ganz alltäglichen Amerikaners namens Jimmy Corrigan entstand, die 2000 in ein dickes, aber kleinformatiges Buch mündete, fand dessen Autor alles über die Lesbarkeit von Comics heraus. Ein Einzelkämpfer als Großmacht.

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Ohne moralischen Zeigefinger

Auch für diesen Band, der Furore machte wie seit Spiegelmans „Maus“ keine andere Graphic Novel, hatte ihm sein Leben Anregung geboten: durch die Flucht von Wares Vater vor der Familienverantwortung, als der 1967 geborene Sohn noch ganz klein war. Bei „Rusty Brown“ (2019) war es dann die eigene Sammelbegeisterung für Co­mics. Aber beide jeweils über Jahrzehnte hinweg entstandenen Bücher erzählen weit über diese autobiographischen Keimzellen hin­aus. Gerade „Rusty Brown“ ist wie ein Manifest für eine amerikanische Gesellschaft zu lesen, in der Vielfalt und Fairness die alten Klassen- und Rassenvorurteile ablösen. Nur dass Ware nicht den Zeigefinger erhebt, sondern starke Prot­agonisten aus literarisch bislang vernachlässigten Gruppen bietet.

Einzelne Teile von Chris Wares „Building Stories“, 2012
Meister aller Formate: ein Blick auf die verschiedenen Teile der „Building Stories“, 2012 Bild: Chris Ware

Das war schon bei „Building Stories“ so, die 2012 herauskamen: als Box, in der insgesamt vierzehn unterschiedlich große Hefte und Bücher versammelt waren, denn diesmal hatte sich Ware auch vom Verlag – immerhin Pantheon – nicht auf ein Einheitsformat festlegen lassen. Bei „Rusty Brown“ hatte er dann aber wieder Spaß an der Reduktion seiner vorab in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Einzelkapitel aufs ungleich kleinere Buch-Querformat.

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In Vitrinen liegen in Paris zahllose Publikationen mit Wares Comics aus, während an den Wänden die spektakulär großen Tuschezeichnungen hängen, teilweise wiederum über gigantischen Farb­reproduktionen schließlich gedruckter Seiten, mit denen der Kubus tapeziert ist. Man bewegt sich in ihm wie im Zerrspiegelkabinett: Alle gewohnten Perspektiven werden in Frage gestellt. Dazu gibt es erstmals gezeigte Modellbauten, die Ware für seine Arbeit angefertigt hat , und verspielte Holzplastiken – Geschenke für die Familie. Der ausgebreitete Reichtum ist unglaublich. Dabei gibt es bisher nur drei Graphic Novels von Chris Ware. Aber kein Zeichner des letzten Vierteljahrhunderts hat einen derartigen Einfluss aus­geübt – nicht nur auf die Erzählform des Comics, sondern auch aufs Design.

Chris Wares Umschlag für „Jimmy Corrigan“ im Softcover
Ware ist Perfektionist: Für die Softcover-Ausgabe seines Buchs „Jummy Corrigan“ zeichnete er 2003 einen neuen Umschlag. Bild: Chris Ware

Chris Ware. in der Bibliothèque Centre ­Pompidou, Paris; bis zum 10. Oktober. Einen Katalog gibt es nicht, aber als materialreiches Begleitbuch ist „Chris Ware – La bande dessinée ré­inventée“ von Benoît Peeters und Jacques Samson beim Verlag Les Impressions Nouvelles erschienen. Es kostet 29 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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