Picasso in Berlin 

Als der Kubismus noch weh tat

Von Rainer Stamm
13.01.2014
, 15:47
Ende 1913 findet in der Neuen Galerie von Otto Feldmann in Berlin eine riskante Begegnung statt. Die aktuellen Bilder von Pablo Picasso stehen Werken der afrikanischen Stammeskunst gegenüber: Der Bericht über einen Schock in der Kunstwelt.
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Vor hundert Jahren, als seine Werke in München, Köln und schließlich - im Dezember 1913 - in der Neuen Galerie in Berlin erstmals in Einzelausstellungen präsentiert wurden, begann in Deutschland der Mythos Picasso. Einzelne seiner Arbeiten waren zwar schon zuvor in Deutschland zu sehen: Bereits 1911 hatte der Wuppertaler Bankier August von der Heydt in Paris die Gouache „Akrobat und junger Harlekin“ für den Elberfelder Museumsverein erworben, und 1912 war Picasso mit sechzehn Werken auf der legendären Sonderbundausstellung in Köln vertreten. Doch erst mit der Unterzeichnung des Galerievertrags mit Daniel-Henry Kahnweiler im Dezember 1912, der dem deutsch-französischen Kunsthändler das Alleinvertretungsrecht des Künstlers einräumte, begann ein Ausstellungszyklus, der das Werk Picassos in Deutschland bekannt machte, in allen Facetten präsentierte und im Dezember 1913 in der Gegenüberstellung der jüngsten Werke des Malers mit afrikanischer Stammeskunst in Berlin kulminierte.

Heinrich Thannhauser hatte im Februar 1913 in München den Anfang gemacht, als er dem einunddreißigjährigen Picasso in seiner Modernen Galerie im Arco-Palais an der Theatinerstraße eine erste Retrospektive widmete: Der Katalog listet 114 Werke aus den Jahren 1901 bis 1912 auf, die zum größten Teil als Kommissionsware von Kahnweiler nach München geschickt worden waren. Weitere Bilder stammten unter anderen aus den Sammlungen von Adolf Erbslöh, Alfred Flechtheim, Wilhelm Kreis, Paul Ferdinand Schmidt und Edwin Suermondt. Die frühen Werke aus der Blauen und Rosa Periode Picassos, die „ein feines, fast mädchenhaft weiches Empfinden“ zeigen, wie der Berichterstatter der „Kunstchronik“ schrieb, fanden durchaus breite Zustimmung, während die kubistischen Arbeiten demselben Autor wie „ein Sammelsurium von geometrischen Figuren, Buchstaben, Ziffern, menschlichen Körperteilen“ erschienen, die er sich nur als Anzeichen einer geistigen Erkrankung oder absichtlichen Unfug erklären konnte.

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Picassos Werke der jüngsten Zeit überforderten die meisten zeitgenössischen Betrachter. Alfred Lichtwark etwa, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, konnte in Bildern wie der 1911 entstandenen „Mandolinenspielerin“, die in Köln und München zu sehen war, nur „wirr durcheinandergeworfene Abschnitte eines puzzles“ erkennen. Die ersten Einzelausstellungen von Werken Picassos wurden somit zum umstrittenen Ausblick auf die Formensprache einer neuen Zeit.

Der mit Kahnweiler und Flechtheim befreundete Künstler und Galerist Otto Feldmann war der Zweite, der dem Werk Picassos Einzelausstellungen in Deutschland widmete. Am Kölner Hansaring hatte er Anfang 1912 den progressiven „Rheinischen Kunstsalon“ eröffnet, in dem er Werke von van Gogh, Cézanne, Renoir, Braque, Derain und Picasso sowie Arbeiten der italienischen Futuristen, aber auch von August Macke und den Rheinischen Expressionisten präsentierte. Kahnweiler hatte Feldmann Bilder der von ihm vertretenen Künstler Braque, Derain, Picasso und Vlaminck aus Paris gesandt und in Kommission überlassen.

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Eine Ausstellung nur für Picasso

Im Herbst 1913 weitete Feldmann seine Aktivitäten auf Berlin aus, wo er in der Lennéstraße, direkt am Tiergarten, die programmatisch der jungen Kunst gewidmete Neue Galerie eröffnete. Die Eröffnungsausstellung zeigte neben den von Kahnweiler zur Verfügung gestellten Werken Arbeiten von Matisse, Marie Laurencin und Jules Pascin sowie von Hans Purrmann, Rudolf Grossmann und Max Pechstein. Die zweite Ausstellung, vom Dezember 1913 wohl bis Januar 1914, war ganz Picasso gewidmet und machte die Reichshauptstadt unter dem Titel „Picasso - Negerplastik“ erstmals mit dem Phänomen des Kubismus bekannt.

Otto Feldmann zeigte in seiner Galerie vierzig Gemälde Picassos, ausschließlich Arbeiten der Jahre 1907 bis 1913, gemeinsam mit neunzehn Werken aus „einer erlesenen Sammlung“ afrikanischer Stammeskunst. „Picasso war einer der ersten, der den hohen künstlerischen Wert dieser Werke erkannte, die man früher nur mit überlegenem Lächeln als ethnographische Kuriosa betrachtet hat“, heißt es dazu im anonym veröffentlichten Katalogtext: „Wer die einzelnen Stücke aufmerksam und unvoreingenommen betrachtet, der wird auch ihre Schönheit erkennen und ihren Zusammenhang mit der neuen Kunst finden.“

Erstmals in der Geschichte der Kunst machte damit eine Ausstellung den Einfluss des „Primitivismus“ für die Moderne sichtbar: Zwischen 1905 und 1907 hatten Vlaminck, Derain, Matisse und Picasso den Formenschatz der afrikanischen Plastik für sich entdeckt und als „Schock der Bestätigung“ auf ihrer Suche nach einer neuen Formensprache empfunden. Keiner jedoch hatte sich das Potential der kraftvollen, ausdrucksstark konzentrierten Formelhaftigkeit dieser Werke in den folgenden Jahren souveräner anzuverwandeln gewusst als Picasso. Seine „Demoiselles d’Avignon“ markierten 1907 den Bruch mit den abendländischen Konventionen und wurden zum Ausgangspunkt einer neuen Formensprache.

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Die Schau „Picasso - Negerplastik“ machte diesen Epochenschnitt erstmals in einer Ausstellung sichtbar. Nicht länger standen Picassos zarte pastellfarbene Werke der Blauen und Rosa Periode im Mittelpunkt, sondern erstmals ging es ausschließlich um „das Problem des Kubismus“.

Die Reaktionen der Kritiker und des Publikums waren ebenso gespalten wie leidenschaftlich. Karl Scheffler, der Herausgeber der Zeitschrift „Kunst und Künstler“ und der Nestor der Berliner Kunstkritik, sah in Picassos jüngsten Werken den krampfhaften Versuch, sich wie Münchhausen aus dem Sumpf der Konventionen zu ziehen. Für den Kritiker der „Kunstchronik“ waren „Auflösung und Vernichtung aller Natureindrücke“ methodischer Wahnsinn, und auf Emil Waldmann, den späteren Direktor der Bremer Kunsthalle, machte die Ausstellung, die er in abgewandelter Form Anfang 1914 im Dresdner Kunstsalon Emil Richter sah, schlicht den Eindruck einer Katastrophe. Der Kubismus war in seinen Augen ein Irrweg, und die Werke afrikanischer Plastik erschienen ihm als „übles Produkt einer irgendwo im Urwald steckengebliebenen ägyptischen Provinzialkunst“.

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Wer hatte die Idee?

Unklar ist bis heute, auf wen die Initiative zurückging, die Gemälde aus Picassos „Époque nègre“ und seine kubistischen Werke in Berlin erstmals mit afrikanischer Stammeskunst zu kombinieren, die auch die Maler der „Brücke“ begonnen hatte zu faszinieren: Kahnweiler, der selbst zum Sammler afrikanischer Plastik geworden war, hatte Picassos Gemälde nach Berlin geschickt; Wilhelm Uhde, ein früher Picasso-Sammler und Marchand-Amateur, mit Kahnweiler befreundet und ebenfalls in Paris lebend, hatte das Vorwort der Dresdner Variante des Katalogs verfasst; doch am ehesten ist Carl Einstein als Ideengeber zu vermuten, der bereits die Eröffnung der Neuen Galerie publizistisch flankiert hatte und 1915 sein epochemachendes Buch „Negerplastik“ vorlegen sollte: Die darin abgebildete Baule-Statuette von der Elfenbeinküste war das Titelmotiv des Katalogs zur nahezu vergessenen ersten Picasso-Ausstellung in Berlin - und zur Eröffnung der Neuen Galerie in Berlin hatte Einstein weitsichtig prophezeit: „Die Künstler werden den Beschauer verwandeln und somit durchdringen.“

Dem ambitionierten Kunsthändler Otto Feldmann brachte seine Berliner Pionierleistung keinen nachhaltigen Erfolg. Die letzten Spuren der Aktivitäten seiner Neuen Galerie datieren bereits vom Sommer 1914, wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Nach dem Krieg lebte der wie Picasso im Jahr 1881 geborene Feldmann wieder in Köln. 1939 wurde er mit seiner Familie in die Emigration gezwungen. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in der Tschechoslowakei wurde Feldmann in Prag verhaftet, 1941 nach Theresienstadt deportiert und 1942 im Vernichtungslager Sobibór ermordet.

Der Verfasser ist Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg.

Quelle: F.A.Z.
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