Kunst der DDR

Die Harten im Garten

Von Kevin Hanschke
22.09.2022
, 20:48
Sehnsucht nach Ausbruch: „Der Nachbar, der will fliegen“ von Wolfgang Mattheuer von 1984.
Zwischen Freiheitsdrang und Landschaftstransformation: Im Potsdamer „Minsk“ werfen zwei Ausstellungen über Wolfgang Mattheuer und Stan Douglas unterschiedliche Blicke auf das Leben in der DDR.
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Durch die Frontscheibe eines Cabriolets fällt der Blick in die Landschaft. Die Felder sind leer, dahinter erheben sich Berge, die wie Canyons aussehen und vom Nebel eingehüllt sind. Die Elemente dieses Bildes von Wolfgang Mattheuer könnten denken lassen, dass es in den Vereinigten Staaten gemalt wurde. Doch der Titel „Straße nach Mylau II“ unterstreicht, dass man hier nicht in Nevada oder Arizona ist, sondern im Vogtlandkreis, im Bezirk Chemnitz.

In den ersten Ausstellungen des „Minsk“ in Potsdam, des neuen Museums von Hasso Plattner, das der Kunst der DDR und ihren gegenwärtigen Bezügen gewidmet ist, stehen diese Ambivalenzen im Zentrum des Programms. Mit den beiden Eröffnungsschauen „Wolfgang Mattheuer: Der Nachbar, der will fliegen“ und „Stan Douglas: Potsdamer Schrebergärten“ widmet sich das Kunsthaus dem Sujet der Landschaftsmalerei und, ein wenig klischeehaft, dem Schrebergarten als sozialem Ort der DDR.

Absturz vom Himmel: Mattheuers „Sturz des Ikarus II“ von 1978.
Absturz vom Himmel: Mattheuers „Sturz des Ikarus II“ von 1978. Bild: Sammlung Hasso Plattner/VG Bild-

Der recht konventionelle Ansatz wird aber interessant, weil in den Ausstellungen die Transformation der Landschaft der DDR, die deren Städte, Kohlereviere und Industrie seit der Wende umkrempelt hat, im Mittelpunkt steht. Dementsprechend fiel die Wahl auch auf Mattheuer, der 1927 in Reichenbach im Vogtland geboren wurde und seit jeher als Mann der Übergänge in der DDR-Kunst gilt. Im Eingangsbereich werden die Besucher zunächst von seinen Landschaftsansichten empfangen, darun­ter das düstere Pleinair „Erlenweiher bei Steinsdorf“ von 1985 oder sein „Gartenbild“ von 1960, ein sommerliches Frühwerk.

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Besonders mysteriös sind seine Nachtbilder und die skurrilen Straßenansichten oder seine surrealen Szenen, wie „Freundlicher Besuch im Braunkohlerevier“ von 1974, das fremdartige Maskenwesen in einem Tagebau, zeigt. Die Bilder sind Weltlandschaften und scheinbar zeitlos, zugleich zeigen sie lokale Phänomene und sind politisch lesbar – vor allem seine Darstellungen des Ikarus. Die mythologische Figur wurde in der DDR und besonders in deren Opposition zum Symbol für den nicht zu bändigenden Freiheitsdrang der Menschen. Der Ikarus verkörpert mal Aufbruch und Abenteuerlust, mal menschliche Hybris und Scheitern. Auch Mattheuers Werke sind von dieser Dialektik geprägt und reflektieren subtil die Widersprüche des real existierenden So­zialismus. „Ich suche das Heutige, das Problematische, das Wesentliche“, sagte er 1973 dazu.

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Der Ikarus fliegt und stürzt

Das deutet zum Beispiel das namensgebende Hauptwerk „Der Nachbar, der will fliegen“ von 1984 an. Über hölzernen Datschen geht die Sonne unter. Während einige der Kleingärtner sich ins Private zurückgezogen haben und Schach spielen, beobachten andere eine mystische Szenerie: Mit Flügeln ausgestattet, fliegt ein Mensch im Kostüm über die Kleingärtner hinweg dem Horizont entgegen. Was er dort vorfinden wird, ist unklar. Sicher ist nur seine Sehnsucht nach Freiheit, die das Bild 1984, ein Jahr vor Glasnost und Perestroika, ausdrückt. Es ist eng mit der Biographie des Künstlers verwoben. Ein Jahr vor der Wende trat Mattheuer mit einem offenen Brief aus der SED aus, der er 1958 beigetreten war. Akten der Staatssicherheit belegen, dass er seit den Sechzigerjahren systematisch bespitzelt und in der Endphase der DDR sogar als Staatsfeind eingestuft wurde.

Datsche in Reichenbach: „Gartenbild“ von Wolfgang Mattheuer von 1960.
Datsche in Reichenbach: „Gartenbild“ von Wolfgang Mattheuer von 1960. Bild: Sammlung Hasso Plattner/VG Bild-

1978 schuf er mit dem großformatigen „Sturz des Ikarus II“ ein pessimistischeres Werk. Ein Mann in einem Raumanzug fällt darin vom Himmel in eine Kraterlandschaft. Dazu passt das daneben gehängte Gemälde „Seltsamer Zwischenfall“ von 1984, das den abgestürzten Ikarus in einer Berglandschaft zeigt. Auch darin sind Gärten angedeutet.

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Lokale Symptome für lokale Zustände

Diesen Gartenparzellen der DDR ist auch die Fotoserie „Potsdamer Schrebergärten“ des kanadischen Künstlers Stan Douglas gewidmet. Die Fotografien entstanden Mitte der Neunzigerjahre und zeigen den Wandel der Stadt und der Kleingartenkultur in postsozialistischen Gesellschaften. Viele der Aufnahmen sind von oben geschossen. Sie zeigen Parzellen mit den WBS-70-Plattenbauten des Neubauviertels Schlaatz im Hintergrund. Andere Fotos, die mit ihren Herbsttönen rätselhaft wirken, zeigen verlassene Gewächshäuser des Gartenbauamtes, ausgemusterte Trabanten auf Feldwegen und zerfallene Klinkerfabrikanlagen, die nach dem Mauerfall keinen Nutzen mehr hatten. Douglas’ Werke sollen, so sagt der Künstler, „lokale Symptome für globale Zustände“ andeuten. Dazu passt auch sein Film „Sandmann“ von 1995, den er in den Sets der DEFA-Studios Babelsberg aufnahm und in dem er die Traumata des ökonomischen Wandels filmisch verarbeitet. Hierbei zeigt sich: Die Kunst im Minsk ist international und reicht bis nach Vancouver, wo Douglas 1960 geboren wurde und lebt.

Sozialer Wandel im Potsdam: die Fotografie „An der alten Zauche“ von Stand Douglas aus dem Jahr 1994 zeigt das Plattenbaugebiet Schlaatz.
Sozialer Wandel im Potsdam: die Fotografie „An der alten Zauche“ von Stand Douglas aus dem Jahr 1994 zeigt das Plattenbaugebiet Schlaatz. Bild: Stan Douglas

Die meisten der Werke stammen aus der Privatsammlung von Hasso Plattner, deren Schwerpunkt seit Jahrzehnten auf Kunst aus der DDR liegt. In allen Ausstellungen sollen die Arbeiten mit zeitgenössischen oder historischen Positionen in Bezug gesetzt werden. Das „Kabinett“ ist dem Format „Wechselspiel“ gewidmet. Dabei trifft ein Werk der Sammlung auf ein Werk einer anderen Sammlung. Dieses Mal stehen sich Willi Sittes „Selbstbildnis mit Tube und Schutzhelm“ von 1984 und ein Selbstbildnis der Leipziger Künstlerin Monika Geilsdorf von 1976 gegenüber. Während Sittes Bild eine Hommage an die Arbeiter der DDR ist und nackte Oberkörper zeigt, präsentiert sich Geilsdorf als muskulöse und hero­ische Kulturschaffende mit Zigarette und lässigem Blick. Bilder wie dieses suchte man in hiesigen Museen fast dreißig Jahre lang vergeblich, weil sie in den Depots verschwunden waren. Das „Minsk“ gibt ihnen nun eine neue Bühne und setzt sie subtil ins Verhältnis zur Gegenwart.

Von Treppenhaus aus ist der terrassenförmige Garten zu sehen. Auch das passt zu den Schauen, die den Garten als Rückzugsort und als private Flucht- und Gegen-Utopie zeigen. Mattheuer selbst zog es regelmäßig in sein Haus nach Reichenbach, wo er dem beengten Stadtraum Leipzigs entfloh. Dazu schrieb er 1984: „Die ganze Welt als Heimat schafft sich keiner. Aber wer die Heimat als ein Stück Welt begreift, kann ein Weltbürger sein.“

Wolfgang Mattheuer: Der Nachbar, der will fliegen; Stan Douglas: Potsdamer Schrebergärten. „Minsk“ Potsdam, bis 15. Januar 2023. Der Katalog kostet 38 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hanschke, Kevin
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