Prächtige Bosch-Ausstellung

In einer Welt ohne Mitleid sind wir die Dämonen

Von Tilman Spreckelsen, ’s-Hertogenbosch
14.02.2016
, 11:05
Was hat uns, ein halbes Jahrtausend nach seinem Tod, der Maler Hieronymus Bosch zu sagen? Trost gewährt er nicht, nur eine unsichere Aussicht auf Erlösung. Seine Heimatstadt präsentiert den Apokalyptiker in einer prächtigen Ausstellung.
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Johannes sitzt und schaut: Sein Blick ruht auf einem Engel, der auf einem Berghang über ihm steht und weiter zum Himmel deutet, wo vor der Mondscheibe die Jungfrau Maria sitzt. Johannes aber, ein Heft auf dem Schoß und eine Schreibfeder in der rechten Hand, wird festhalten, was er sieht – die Offenbarung des Johannes, später ein Teil des Neuen Testaments.

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Dafür braucht er eine Menge Tinte, denn das Schauspiel, das sich vor ihm zeigt, ist lang; allein die vier apokalyptischen Reiter, die Heuschreckenschwärme, Pest, Feuer und Erdbeben und dergleichen mehr verlangen eine ausführliche Beschreibung. Was Johannes aber nicht sieht, ist der kleine Teufel in seinem Rücken. Dessen Auge ist auf das Tintenfass zu den Füßen des Visionärs gerichtet. Könnte er das nur stehlen, dann wäre der Nachrichtenfluss unterbrochen, Gottes Wort käme nicht mehr zu den Menschen. Und dann ist da noch der Adler, seit jeher der Begleiter des Evangelisten Johannes. Er fixiert den Teufel, jagt ihm, so scheint es, eine Mordsangst ein und hindert ihn daran, das Fass an sich zu bringen. Der Teufel aber hat neben sich eine Küchengabel stehen, länger als er selbst.

Die Sache steht auf der Kippe

Ob er mit ihrer Hilfe das Tintenfass stehlen und die Heilsgeschichte stören kann? Wer das Bild betrachtet, wird selbst abschätzen müssen, ob die Stummelärmchen des Teufels die Gabel überhaupt führen könnten. Er wird Vermutungen anstellen über die Entschlossenheit des Bösen, über die Kraft und Geschwindigkeit der satanischen Beine, zwischen denen ein schuppiger Schwanz wie ein drittes Bein hängt, und über die Reaktionszeit des Adlers auf einen teuflischen Vorstoß.

Eine Besucherin betrachtet das Gemälde „Der Landstreicher“.
Eine Besucherin betrachtet das Gemälde „Der Landstreicher“. Bild: AFP

Die Sache steht jedenfalls auf der Kippe. Sicherheit ist hier nicht zu haben, und man wüsste gern, wie die Mitglieder der mächtigen Liebfrauenbruderschaft im niederländischen ’s-Hertogenbosch das Bild aufgefasst hatten, als ihr neues Mitglied, der Maler Hieronymus van Aken, es nach 1488 für die Kapelle der Vereinigung in der Kathedrale Sint Jan fertigte. Und auf dem Bild zum ersten Mal mit dem Namen unterschrieb, der ihn weltbekannt machen sollte: Jheronimus bosch.

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Dass er in die Bruderschaft aufgenommen wurde, hatte für ihn nicht nur die Pflicht zur Folge, an zahlreichen Gottesdiensten und Aufführungen geistlicher Spiele teilzunehmen oder seine Mitbrüder zu verköstigen. Bosch war damit auch in der obersten Schicht seiner Heimatstadt angekommen, seine Kontakte reichten bis in den Adel hinein – sein Bewunderer Philipp der Schöne von Burgund bestellte bei ihm für eine phänomenale Summe ein Bild, und seine Beliebtheit bei Hofe trug wahrscheinlich mit dazu bei, dass seine Bilder zu seinen Lebzeiten und in den Jahrzehnten nach seinem Tod gern nachgeahmt oder kopiert wurden.

Sie leuchten wie lange nicht mehr

Geboren wurde er um 1450 in ’s-Hertogenbosch, sein Elternhaus stand am Marktplatz. Sein Vater war Maler, so wie es auch sein Großvater und sein Urgroßvater gewesen waren, und außer Hieronymus Bosch arbeiteten auch zwei seiner Brüder auf diesem Feld. Von anderen Interessen, gar einer anderen Berufswahl Hieronymus Boschs ist nichts überliefert, auch nicht von großen Reisen, und als er später heiratete, eine etwas ältere, ausgesprochen vermögende Frau, zog er mit seiner Familie in ein Haus, das ebenfalls am Markt und kaum entfernt von dem lag, in dem er aufgewachsen war.

Das Passionstryptichon.
Das Passionstryptichon. Bild: dpa

Anfang August 1516 ist er in seiner Heimatstadt gestorben, und das Jubiläum ist Anlass für eine Ausstellung im Nordbrabants Museum von ’s-Hertogenbosch. In sie sind die Ergebnisse eines umfangreichen Forschungsprojekts eingegangen, bei dem zum einen die Authentizität der von Bosch stammenden oder ihm zugeschriebenen Bilder neuerlich untersucht wurde – tatsächlich konnte dabei das zauberhafte Fragment „Die Versuchung des Heiligen Antonius“, entstanden nach 1500 und seit 1935 im Nelson-Atkins-Museum in Kansas City bewahrt, mit guten Gründen als tatsächlich von Bosch stammend eingestuft werden. Zugleich gab das Projekt den Anstoß für die Restaurierung einiger Bilder, die man nun in der Ausstellung leuchten sieht wie lange nicht mehr.

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Was hat der Landstreicher im Bauernhaus getan?

Vor allem aber gelang es den Kuratoren Matthijs Ilsink, Jos Koldeweij und Charles de Mooij, das nicht besonders umfangreich überlieferte Werk Boschs in erstaunlicher Bandbreite zu präsentieren und dabei etwa die seit gut zweihundert Jahren voneinander getrennten Fragmente „Narrenschiff“ und „Völlerei und Lust“, Leihgaben des Louvre und der Sammlung der Yale University, wieder zu vereinen. Offenbar gehörten sie zum sogenannten Landstreicher-Triptychon, entstanden zwischen 1500 und 1510, dessen erhaltene Teile inzwischen auf vier verschiedene Museen in Europa und Nordamerika verteilt sind, und allein dafür, sie hier nach- einander betrachten zu können, lohnt sich die Reise nach ’s-Hertogenbosch.

„Das jüngste Gericht“, um 1495-1505.
„Das jüngste Gericht“, um 1495-1505. Bild: Bosch Research and Conservation Project

Und den resignierten, zugleich ängstlichen Blick des Landstreichers, der auf dem äußeren, nur zugeklappt komplett sichtbaren Flügelbild des Triptychons über die Schulter zurück schaut, wird man lange mit sich herum tragen. Vielleicht ist er Hausierer, dann enthielte der Kasten, den er auf dem Rücken trägt, seine Ware. Er ist verletzt, sein linker Unterschenkel ist verbunden, vielleicht hat ihn der bösartige Hund schon einmal angefallen, der ihn jetzt vom Hof zu bellen scheint. Was aber hat er dann in dem verfallenden Bauernhaus mit dem löchrigen Dach getan, das er verlässt, an dessen Wand sich ein Mann erleichtert, während ein Paar sich, wie es scheint, wüst bei offen stehender Tür umarmt? Und vor allem wüsste man gern, ob der Landstreicher in all dem Schmutz nicht lieber geblieben wäre.

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Was sind das nur für Paradiese?

Versteht man das Triptychon allerdings als Allegorie auf den Lebensweg des Menschen, dann ist in diesen Bildern, selbst ohne das verlorene Mittelstück zu kennen, nicht viel an Hoffnung zu erwarten. Wir können uns in den Fahrgästen des frisch restaurierten Narrenschiffs erkennen, das steuerlos und überladen unmittelbar vor dem Kentern zu stehen scheint, was keinen der Fahrgäste stört. Oder wir sehen uns ganz am Ende der Szenenfolge im rechten inneren Flügel auf dem Sterbebett, den eintretenden grinsenden Tod im Blick, der mit einem quälend langen und dünnen Pfeil auf uns zielt, hinter uns ein Engel, der unseren Blick zu dem winzigen Kruzifix lenken möchte, das weit oben am Bildrand in einer Fensternische steht. Aber wahrscheinlich greifen wir zu dem Geldsack, den uns ein fischköpfiges Monster zuschiebt, um dem Tod dafür ein paar Stunden abzuhandeln.

Trichtermännchen und Zwergungeheuer: Die Versuchung des Heiligen Antonius.
Trichtermännchen und Zwergungeheuer: Die Versuchung des Heiligen Antonius. Bild: Noordbrabants Museum, 's-Hertogenbosch

Tatsächlich ist das die Frage, die man sich stellt, je weiter man durch diese Ausstellung läuft, je mehr man die Reihen der Heiligen abschreitet, die Darstellungen aus dem Leben Christi oder die allegorischen Bilder, die das Heilsgeschehen vom Paradies bis zum Jüngsten Gericht darstellen: Wo ist die Erlösung in einer Welt, wie Bosch sie malt, wo, etwa im berühmten „Heuwagen“-Bild aus den 1510er Jahren, unbekümmert der eine dem anderen gut sichtbar die Kehle durchschneidet, ohne dass irgendeiner der vielen Umstehenden davon auch nur Notiz nimmt? Was sind das für Paradiese, die Bosch gern bereits als vom Bösen kontaminiert malt, weil der Sturz der dunklen Engel bereits seine sichtbaren Folgen hatte und die doch eigentlich friedlich miteinander lebenden Tiere einander jagen und fressen – die Katze die Maus, der Vogel den Frosch, der Löwe ein Reh, während Gott gerade Eva zu Adam bringt, vor dem Sündenfall? Denn wenn man die vielen Höllen, die Bosch mit Fabelwesen vollstopft, deren Erfindungsgeist sich daran austobt, alles zu quälen, was sich dorthin verirrt, ja hinnimmt, weil es in der Hölle eben so zugeht, ist doch ein Gegenbild dazu nicht in Sicht. Und wo immer ein Schöpfer oder ein Erlöser ins Bild kommt, ist er an der Peripherie und blickt über uns hinweg.

Was sind das für widerwärtige, verzerrte Gesichter?

Am eindrucksvollsten zeigt sich das auf dem „Jüngsten Gericht“, entstanden zwischen 1495 und 1505, eine Leihgabe aus Brügge. Zwischen einem Paradies, das neuerlich keines ist, und einem prächtig apokalyptischen Höllenbach unter brandrotem Himmel zeigt eine Mitteltafel eine Szene voller grotesker Umkehrungen der Größenverhältnisse: Auf einer Klinge balancieren Menschen, sie fahren in einem Holzschuh auf einem Teich spazieren oder hausen in einem umgestürzten Krug. Vielleicht haben die Dinge ein Unmaß angenommen und sind gewachsen; wahrscheinlich aber sind die Menschen geschrumpft, um auf entsetzliche Weise als machtlos kenntlich zu werden. Und oben, weit über uns Zwergen, sitzt Christus in seiner Herrlichkeit und zeigt seine Wunden.

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Boschs illusionsloser Blick gilt aber auch dem Menschen, der sich mächtig fühlt und seinesgleichen das spüren lässt. Zu den bedrückendsten Exponaten dieser Ausstellung gehört eine Ecce Homo-Szene aus der Zeit um 1480: Christus wird ganz klassisch von Pilatus der Menge vorgeführt – aber was ist das für eine Menge! Was sind das für widerwärtige, verzerrte Gesichter, die grinsend ihre Macht genießen über einen, der da schwach, zitternd und blutig vor ihnen steht! In einer Welt ohne Mitleid, wie Bosch sie uns malt, ist von dem anderen jederzeit das Schlimmste zu erwarten, besonders, wenn es so leicht ist und die Machtverhältnisse geklärt sind.

Möchte man so leben, für immer?

Der berühmte „Garten der Lüste“ aus dem Prado allerdings, der durchaus einträchtige Menschen und Tiere zeigt und der das Bild ein bisschen zurechtrücken könnte, trotz mancher Irritation, fehlt dieser Ausstellung im Original. An seiner Stelle hängen Teile einer ordentlichen zeitgenössischen Kopie, und auch in diesen kann man sich verlieren, die vielen Rätsel goutieren, von denen die Nackten umgeben sind, die sonderbaren Früchte und Tiere, die Blase, von der zwei keusche Liebende eingehüllt sind, die feinen Glasröhrchen, die aus Früchten und Felsen ragen. In Arno Schmidts letztem vollendetem Roman „Abend mit Goldrand“ hängt eine Reproduktion des Bildes im Zimmer von Schmidts Alter ego, eine Gruppe seltsamer Hippies sieht in den Nackten des Bildes geistige Verwandte, und eine von ihnen betritt sogar das Bild und lässt sich von den Figuren dort beraten, wo ein solches Leben zu führen sei – in Tasmanien, wie die Gruppe hofft? Aber möchte man so leben, für immer?

Tatsächlich ist ein einziges Bild von Bosch überliefert, das einen Ausweg weist. In einem Zyklus, der aus je zwei Bildern zum Weg in die Hölle und in den Himmel besteht, ist dargestellt, wie Engel die Gestorbenen durch die Dunkelheit zu einem großen kreisrunden Tunnel geleiten. Das letzte Stück aber ins gleißende Licht geht jeder allein. Aber was uns dort erwartet, spart Bosch aus. Wahrscheinlich hatte er dafür einen guten Grund.

„Jheronimus Bosch – Visionen eines Genies“. Het Noordbrabants Museum, ’s-Hertogenbosch. Bis zum 8. Mai. Der von Matthijs Ilsink und Jos Koldeweij im Belser-Verlag herausgegebene Katalog kostet 24,99 Euro. Stefan Fischers reichbebildertes Werkverzeichnis liegt im Taschen-Verlag vor.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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