Kunst in der Psychiatrie

Diagnose Querulantenwahnsinn

Von Edo Reents
14.09.2021
, 17:20
Mit dem einen sieht er besser: Caroline Macdonald malt „Louis XVI“ (18. Januar 1989) ungleichäugig.
Gibt es in der Psychiatrie etwas zu lachen? Durchaus. Heidelbergs Prinzhorn-Museum zeigt Patienten-Kunst: „Wahnsinnig komisch“ – stellt die Dinge und die Verhältnisse auf den Kopf.

Dass es in der Psychiatrie bisweilen auch etwas zu lachen gibt, weiß eine breitere Öffentlichkeit seit Milos Formans Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975). Auch in einer Anstalt ist Humor, wenn man trotzdem lacht. Die Redewendung „wahnsinnig komisch“ wird in der Regel zwar nicht gebraucht, um auf einen Zusammenhang zwischen seelischer Erkrankung und Humor, Komik ausdrücklich aufmerksam zu machen, lässt aber umso tiefer blicken. Bis in den Alltag hinein sind wir damit konfrontiert, wie die etwas aus der Mode gekommenen Aufkleber nach Art von „Die ganze Welt ist ein Irrenhaus, aber hier ist die Zentrale“ oder Sprüche wie „Wir behandeln die Falschen, die wahren Irren sitzen draußen“ zeigen. Solche Witze sind längst auserzählt und keineswegs noch originell; ganz falsch sind sie trotzdem nicht. Die Grenzen zwischen „gesund“ und „krank“, auch das gehört zum trivialen Wissen, sind eben fließend.

„Wahnsinnig komisch“ („Follement drôle“) ist die Ausstellung überschrieben, welche die Heidelberger Sammlung Prinzhorn soeben eröffnet hat. Diese wurde von 1919 bis 1921 von dem Psych­iater Hans Prinzhorn an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg zusammengestellt und umfasste schon damals mehr als fünftausend, man darf ruhig sagen: Patienten-Werke aus deutschen psychiatrischen Einrichtungen. Seit zwanzig Jahren gibt es dazu, direkt neben den alten Kliniken auf der südlichen Neckarseite, ein Museum, das es inzwischen zu beachtlichem Renommee gebracht hat.

Keine Diagnosehilfe

Dies ist nun eine Zusammenarbeit mit der französischen Schwester, dem Pariser Musée d’Art et d’Histoire de l’Hopital Saint-Anne (MAHHSA), das erheblich später angefangen hat zu sammeln, aber schon 1950, zum ersten Weltkongress für Psychiatrie, seinen Besitz zeigte. Es handelt sich also um eine recht lange, phasenverschobene und, wie der in sieben Segmenten – von gleichsam klassischen Karikaturen über reichlich Tiersatire bis hin zu allerlei Obszönitäten – abgesteckte Parcours mit 150 zwischen 1880 und 1990 in beiden Ländern entstandenen Zeichnungen, Aquarellen und Skulpturen lehrt, produktive und sorgfältig gepflegte gemeinsame Geschichte.

Auguste Millet, „Une famille de Macreuses venues à Paris pour être logées tranquillement“ aus dem Jahr 1927.
Auguste Millet, „Une famille de Macreuses venues à Paris pour être logées tranquillement“ aus dem Jahr 1927. Bild: Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Man muss gar keine Psychiatrie von innen gesehen haben, um zu wissen, dass die Insassen viel Zeit damit verbringen, Anstaltskritik zu üben. Wenn sie sich dabei nicht mit bloßer Meckerei begnügen, die hier, wie überall, immer auch etwas Wohlfeiles haben kann und oft einfach nur zum guten Ton gehört, sondern auch noch etwas herauskommt, umso besser. Die Disziplinen der bildenden Kunst gehören schließlich seit Langem zum Repertoire vieler Therapien. Schon insofern bedarf der Hinweis der Kuratorin Ingrid von Beyme, es handele sich bei den Bildern um „Bewältigungsstrategien“ ihrer Urheber, keiner weiteren Erklärung; wohl aber ihre These, die Exponate böten psychiatrisch geschulten Betrachtern keine Diagnosehilfe. Denn wenn man an die Erkenntnisse der Grafologie denkt, wird man solche auch hier nicht ganz ausschließen wollen. Einschlägig ist den psychiatriekritischen Bildern oft etwas Karnevalistisches, die Dinge und die Verhältnisse auf den Kopf Stellendes.

Voller Bosheit dem Irrenhausarzt Dr. X gewidmet

Als besonders produktiv erweist sich der Franzose Maurice Blin; aber der hatte auch am meisten Zeit und verbrachte einen großen Teil seines Lebens in psych­iatrischen Anstalten. Seine vielseitige, farbenprächtige Satire lässt in ihrer gleichsam verspätet neusachlichen Bissigkeit zuweilen an Otto Dix denken. Über die manchmal recht drastischen Züge seiner Arbeiten zur Rede gestellt, wiegelte er regelmäßig ab und sprach stur nur von „geometrischen Konstruktionen“. Sein Landsmann Auguste Millet tritt mit originell erdachten, struwwelpetermäßig naiv gemalten Mensch- und Tierszenen hervor.

Unter den deutschen Patienten hatte wohl Erich Spießbach den stärksten Impetus. Seine mit Bleistift, Feder und Tinte angefertigten Blätter, die seine Ansichten sentenzhaft vorbringen und dabei oft wie Flugblätter wirken, entfalten die durchschlagskräftigste Kritik. Zum Beispiel „Der deutsche medizinische Weltrekord“, voller Bosheit dem Irrenhausarzt Dr. X gewidmet, der das Kunststück fertigbrachte, seine Holzkopfprothese fünfzig Jahre lang von Holzwürmern hohl fressen zu lassen, ohne davon etwas zu bemerken. Sonderlich subtil ist das nicht; der Heidelberger Psychiatrie-Professor Thomas Fuchs bescheinigt ihm im Katalog-Interview denn auch eine „Holzhammer“-Methode, die sich wohl am ehesten aus Drangsalierungen und persönlichen Verletzungen erklärt.

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Wie ein Wimmelbild betrachtet man das Dummheitsdenkmal in Form eines wiehernd-zähnefletschenden Esels für die Universitätsstadt Münster, in deren Provinzialheilanstalt dieser sarkastisch selbst ernannte „dreifach diplomierte Idiot Erich Spießbach“ mit der seiner Kunst jedenfalls nicht widersprechenden Diagnose „Querulantenwahnsinn“ einsaß. Überhaupt wird man mit robust-vereinfachenden Begriffen konfrontiert, die längst aus der Mode gekommen und wissenschaftlich überholt sind, im zeitlichen Abstand aber ihrerseits schon wieder komisch wirken.

Nicht alles ist lustig

Neben anonymen Patienten werden auch durchaus namhafte wie Oskar Panizza, der selbst Irrenarzt war, oder der an Wilhelm Busch geschulte Adolf Oberländer präsentiert, dessen Frosch-Bilder zum handwerklich Besten der Ausstellung gehören, wie sich unter den Tierbildern überhaupt auffallend viele Frösche befinden; wer weiß, warum. Psychoanalytisch oder kunstgeschichtlich ist aus diesen Tieren, die einem auch hier sofort sympathisch sind, doch kaum etwas herauszuholen, weniger jedenfalls als bei Hunden, Eseln oder Ziegen.

Ungeachtet ihres Titels ist es keineswegs so, dass man in dieser Ausstellung aus dem Lachen gar nicht mehr herauskäme. Nicht alles ist lustig, aber das war es für die Patienten ja auch nicht. Dass ihr Alltag, den man sich nur als bedrückend ausmalen kann, Derartiges abgeworfen hat, ist eine Erkenntnis, die allein schon einen Besuch lohnt; die sorgfältige Auswahl und Präsentation sprechen ohnehin für sich. Vernünftigerweise wird man mit dem abgegriffenen Begriffspaar „Genie und Wahnsinn“ gar nicht erst behelligt; das Material gibt es einfach nicht her, dafür aber manches andere.

Wahnsinnig komisch – Follement drôle. Humor in der Psychiatrie. Museum Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, bis 23. Januar 2022. Der zweisprachige, instruktive, aber im hinteren Teil ungewöhnlich viele Flüchtigkeitsfehler enthaltende Katalog kostet in der Ausstellung 25 Euro, sonst 32 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
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