Thomas Demand in Moskau

Die Flucht des Spions in die Papiergruft

Von Kerstin Holm, Moskau
17.09.2021
, 06:09
Wie ein Ruheplatz im Jenseits: Thomas Demand, Asyl II
Thomas Demand eröffnet seine Retrospektive in der Moskauer Garage: Dank der Verbindungen des Museums kann er hier auch zeigen, wie Edward Snowden nach seiner Flucht nach Russland von seinem früheren Leben Abschied nahm.

Thomas Demand, der Künstler, der mit seinen Fotos von aus Papier rekonstruierten Erinnerungsorten den Blick von Au­ßerirdischen auf das menschliche Er­be vorstellbar macht, hat Freunde in der Stra­tosphäre der Kultur. In die Retrospektive seiner Werke, die Demand jetzt in der Moskauer Garage, dem Museum für Zeitgenössisches im Gorki-Park, er­öffnete, in­tegriert er auch seinen schöpferischen Dialog mit Alexander Kluge, der in drei Multikanalfilmcollagen zum Thema Russland und dem Planeten Erde vertreten ist, anzuschauen in von der Decke hängenden Raumschiffpavillons. Der Ge­schichts­mystifikator Kluge steu­erte zur Ver­nis­sage einen glühenden Vi­deogruß aus München bei, worin er dazu aufruft, den Algorithmen von Silicon Val­ley mit Algorithmen der Kunst entgegenzutreten, und die Garage als einen der wenigen Leuchttürme preist, die deren Signal über den Globus verbreiteten.

Dank des starken Signals der Garage kam auch Demands jüngstes Werk erst zustande, der maßstabgetreue Nachbau und die fotografische Inszenierung jenes hermetisch abgeschotteten Hotelzimmers im Transitbereich des Moskauer Flug­hafens Scheremetjewo, wo der aus Hongkong geflohene amerikanische Ex-Geheimdienstler Edward Snowden 2013 fünf Wochen zubrachte, bevor er in Russland Asyl erhielt. Er habe sich seit Jahren um Informationen über jene Räume be­müht, sagt Demand, journalistische Re­cher­cheure hätten ihm aber nicht helfen können. Erst die Garage – insbesondere der Einsatz von deren Mitbegründer Ro­man Abramowitsch, so ein Kurator – eröffnete unlängst einem Fotografen den Zutritt zu der 2013 gerade fertiggestellten Herberge, in der Snowden mehr als einen Monat als einziger Bewohner in einem – der Zwischenzone entsprechend – fensterlosen Zim­mer untergebracht war.

Im Kokon der Überwachung: Ansicht der Decke in Thomas Demands Serie „Asyl“ (2021).
Im Kokon der Überwachung: Ansicht der Decke in Thomas Demands Serie „Asyl“ (2021). Bild: Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bo

Die fünfteilige Bildfolge mit dem Titel „Asyl“ (Refuge) versetzt in die Pa­pier­replik jener einem Kokon von Überwachungstechnik gleichenden Gruft, wo Snow­den, der Überwachungsmethoden der ihn beschäftigenden Dienste publik gemacht hatte und daher vor einem Verfahren wegen Hochverrats mit möglichem Todesurteil floh, mit seinem bisherigen Leben abschloss. Die teils fein gefaserten, teils silbrig glatten, täuschend naturalistisch ausgeleuchteten Oberflächen wirken daher auch wie das monumentale Äquivalent jener auf Papier ge­druckten Güter, die man in China Verstorbenen mitgibt. Daran erinnert zumal das Kopfkissen aus schneeweißem Seidenpapier, das, gefüttert mit Schredderzellulose, un­ter der gelblichen Lampenscheibe transparent schimmert. Die wie stets bei De­mand als schematische Dummys kenntlichen Steckdosen, Rauchmelder, Telefonhörer, aber auch der kurze, enge, auf eine Wand zulaufende Hotelkorridor vermitteln das Gefühl völligen Kommunikationsverlusts. Der reale Snow­den, mit dem Demand in losem Kontakt stehen will, ist inzwischen freilich Familienvater, er hat erklärt, die russische Staatsbürgerschaft annehmen zu wollen, und wird, wie Kunstfreunde versichern, gelegentlich in der Tretjakow-Galerie gesehen.

Unter dem Titel „Spiegel ohne Ge­dächtnis“ zeigt Demand in Moskau die Vielfalt seines Werks. In der Lobby be­grüßt einen das aus präparierter Pappe gearbeitete Modell des dreistöckigen „Na­gelhauses“, jener Ikone des Widerstandes eines einzelnen Hausbesitzers ge­gen städtebauliche Großprojekte im chinesischen Chongqing, die Demand 2010 in Zürich symbolisch wiedererrichten wollte, was aber trotz Zustimmung des Gemeinderats die rechtspopulistische SVP per Volksentscheid verhindern konnte. Im „Nagelhaus“, dessen Titel den sprichwörtlich her­ausstehenden Störfaktor meint, der eingeschlagen werden muss, zeigt ein Video den einsamen Wi­derständler von Chongqing, aber auch das SVP-Plakat mit der goldenen Kloschüssel, das sich an dem – wegen der Pflicht zum Einbau eines Schweizer Fabrikats – hohen Preis für die Behindertentoilette entzündete.

Was die Erde mit den Jupitermonden verbindet

Die Schau mixt frühe und spätere Ar­beiten. Da sind die „Sprungtürme“ aus einem Münchner Frei­bad, die Demand als Student in London aus dem Gedächtnis formte, da sind die blassblau leuchtenden „Globen“, für die der Künstler außer Papier und Karton auch Luftballons benutzte. Auf sie antworten Alexander Kluges Filmanimationen von Eismonden des Jupiter, die infolge ihrer Was­serschicht Fontänen versprühen und schwach aquamarinfarbenes Licht aussenden wie unser Planet.

Von Demands Phantombildern von Schicksalsorten ist sein „Gate“, das die Sicherheitsschleuse nachstellt, die der At­tentäter des 11. Septembers, Mo­ham­med Atta, vor zwanzig Jahren passierte, zu sehen sowie seine Nachbildung des Bostoner Hinterhofs, in dem die aus Tschetschenien stammenden Brüder Zarnajew aufwuchsen, die 2013 das Attentat beim Ma­rathon verübten, wobei die Tristesse des Ortes mit den blühenden Kirschbäumen auf dem Nachbargrundstück kontrastiert. Und auf dem Bild „Ballot“ beschwören schachbrettartig angeordnete Wahlkabinen die demokratische Ur­prozedur, die bei den russischen Duma-Wahlen durch Kandidatendoppelgänger und Fälschungstraining für die Stimmenauszähler derzeit ad ab­surdum geführt wird.

Immer wieder geht es um das Konstruieren von Kultur. Die größte Fotoarbeit namens „Teich“, eine Hommage an die Seerosen von Claude Monet, aber mehr noch an dessen für Malzwecke angelegten Gartenteich, zeigt auf blau schimmernder „Wasserfläche“, die eigentlich eine Plastikplane war, Hunderte abgeknickte Pa­pierteller, durch Licht und Schattenspiel täuschend als Sumpfparadies inszeniert. Als eine Art Alter Ego beschwört Demand den späten, nur noch Scherenschnitte verfertigenden Henri Matisse in dem Bild „Atelier“, wobei das Raummodell einem historischen Foto nach­gestellt ist, natürlich abzüglich der dort abgebildeten Figur des Künstlers.

Ein gewisser Russland-Bezug lässt sich im Bild „Haltestelle“ ausmachen, das das Pappmodell jenes im alpinen Blockhausstil errichteten Wartehäuschens im sächsischen Loitsche fixiert, wo die Gründer der in Russland hochgeschätzten Band Tokio Hotel einst von künftigen Erfolgen träumten. In diesem Fall wurde nicht nur Demands Replik, sondern auch das Originalhäuschen zerstört, das, nachdem Fans es vandalisiert hatten, von der Gemeinde in Einzelteilen über Ebay verhökert wurde. Im Künstlergespräch stellt Demand sich obendrein noch als Kurator vor, hat aber auch für den jungen Mann, der lapidar fragt, wie man so erfolgreich wird wie er, einen Rat: viel arbeiten und viele Leute finden, denen diese Arbeiten gefallen.

„Spiegel ohne Gedächtnis“. In der Garage, Moskau, bis 30. Januar 2022. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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