Romreisen um 1800

Als die Orangen glühten

Von Tilman Spreckelsen
12.11.2021
, 12:46
Schloss Wilhelmshöhe erzählt die abenteuerliche Geschichte eines Künstlerstammbuchs, das 1810 in Rom für eine baltendeutschen Familie entstand. Dass es die Zeiten überdauerte, ist ein Wunder.
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Das „kleine Fest“, das am 16. Juli 1810 in Rom gefeiert wurde, war dem Morgenblatt für gebildete Stände in Stuttgart sogar einen Korrespondentenbericht wert. Veranstaltet hatte das Fest „die ausgezeichnete, allgemeine Werthschätzung genießende Familie Blanckenhagen aus Riga“, und der namenlose Korrespondent rühmt die „ansehnliche Gesellschaft, hauptsächlich von Fremden“, die sich in der von den Blanckenhagens für ihren Romaufenthalt gemieteten Villa Aldobrandini am Quirinal versammelt hatte. Nach einem Konzert „öffnete sich unvermutet der Eingang in den schönen Garten. Beym Schimmer der glänzendsten Mondnacht glühten die Orangen.“ Eine Reihe von „Schimmerlaternen“ erleuchteten die Alleen, ein transparentes Bild erschien, das den Genius der Blanckenhagen’schen Heimatstadt Riga verkörperte, der Dichter Zacharias Werner steuerte Verse bei, und „Musik und Tanz beschlossen das Fest“.

Ein dreiviertel Jahr blieben Wilhelm von Blanckenhagen (1761 bis 1840), seine Frau und seine vier Kinder im Verlauf ihrer dreijährigen Reise durch Westeuropa in Rom. Sie wurden mit Caroline von Humboldt bekannt, deren Mann Wilhelm 1802 als preußischer Ministerresident an den Vatikan entsandt worden war und die in Rom einen von zahlreichen deutschen Künstlern besuchten Salon unterhielt. Die Blanckenhagens kamen aber auch wohl in Neapel mit der Dichterin Friederike Brun in Kontakt, die in Rom ebenfalls über ein Netz von Beziehungen verfügte, das sich mit dem Caroline von Humboldts zum Teil überschnitt – ein schönes Aquarell von Bartolomeo Pinelli, geschaffen 1808, zeigt eine Abendveranstaltung in der römischen Wohnung der Friederike Brun, bei der neben vielen anderen auch Caroline von Humboldt anwesend ist.

Es waren die Künstler um Humboldt und Brun, deren Bekanntschaft die Familie Blanckenhagen suchte und denen sie auch Einnahmen verschaffte. So wurde etwa der Maler Gottlieb Schick, der zehn Jahre zuvor ein schönes Doppelporträtbild der Humboldt-Töchter Adelheid und Gabriele geschaffen hatte, mit einem ähnlichen Bild der Schwestern Eva und Emilie von Blanckenhagen beauftragt und großzügig dafür honoriert. Ihr schwerhöriger Bruder Johann Christoph wiederum freundete sich mit den in Rom lebenden Malern Franz und Johannes von Riepenhausen an, mit denen er sich später einige Zeit lang eine Wohnung teilte.

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Anlass, sich mit der Reise der vergessenen Balten und ihren römischen Kon­takten zu beschäftigen, bietet seit Ende 2019 der spektakuläre Ankauf eines 1810 auf Initiative Blanckenhagens entstandenen Sammelwerks von künstlerischen Arbeiten durch die Graphische Sammlung der Museumslandschaft Hessen-Kassel. Schon die Geschichte dieses Künstlerstammbuchs, das bis dahin im Familienbesitz geblieben war und einen Fast-Konkurs, einen Schlossbrand und zwei Fluchten überstanden hatte, ist abenteuerlich genug. Dass es nunmehr gelungen ist, die Blätter in eine öffentliche Sammlung zu überführen und dabei zu restaurieren, ist ein Glücksfall. Das gilt auch für die Sonderausstellung auf Schloss Wilhelmshöhe, die der Mappe nun gewidmet ist.

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Darin begegnet man den Blättern erst im dritten Teil der Ausstellung, für die sich der gewohnt lang gestreckte, fast schlauchartige Raum als ausgesprochen passend erweist, weil er eine klare Gliederung ermöglicht. Kleine Vorhang-Spaliere trennen die vier Bereiche voneinander ab: Der erste ist der Stadt Rom um 1800 gewidmet, der zweite stellt die Familie Blanckenhagen und ihre Reise vor, der dritte konzentriert sich auf die Stammbuchblätter, die auf einer lang gestreckten Lesepultvitrine einzeln gezeigt werden, während der vierte noch zum Vergleich weitere in Rom entstandene Arbeiten jener Zeit präsentiert.

Ein Dankeschön, aber keinen Pfennig

Auf Zeichen des Reichtums stößt man an jedem Punkt der Ausstellung: sei es in der Fülle der von Blanckenhagen schon Jahrzehnte vor der Familienreise zusammengetragenen Arbeiten – etwa eine Zeichnung des populären Jakob Philipp Hackert von 1781, die den See von Bracciano darstellt, oder die lässig in einer Vitrine ausgebreiteten Drucke mit Landschaften oder Porträts aus Familienbesitz –, sei es in den Hinweisen auf Bekanntschaften aus der gehobenen Gesellschaft. Aber auch Spuren von Knauserei, vielleicht auch nur von Gedankenlosigkeit, sind sichtbar: etwa im Murren eines Beiträgers zu dem Album, der moniert, der reiche Balte habe ihm für seine Arbeit ein herzliches Dankeschön, aber sonst keinen Pfennig entrichtet.

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Warum also nahmen Künstler wie Friedrich „Maler“ Müller, Christian Daniel Rauch, Johann Friedrich Overbeck oder die Brüder Riepenhausen – ungewöhnlich genug nicht mit einem gemeinsamen Werk, sondern mit zwei einzelnen – daran teil? Manche sicher aus Freundschaft, andere mögen sich bezahlte Aufträge erhofft haben, die auch wirklich an Künstler aus dem Kreis ergingen.

Manches davon hat sich erhalten, als der wohl auch durch die Reise in finanzielle Schieflage geratene Blanckenhagen Teile seiner Sammlung bald nach der Rückkehr ins Baltikum verkaufen musste und heute in Dorpat oder in Woronesch zu finden ist. Anderes, so auch Gottlieb Schicks Porträt der Damen Blanckenhagen, ist verloren; immerhin sind Skizzen dazu als Leihgaben in Kassel zu sehen. Denn die Ausstellung lebt nicht nur vom Ensemble der großartigen Gelegenheitsarbeiten im Künstlerstammbuch. Sondern ebenso von den sie umgebenden Exponaten, die den Blanckenhagen-Aufenthalt in Rom wie mit Schimmerlaternen beleuchten.

Treffpunkt Rom 1810. Die Geschichte eines Künstlerstammbuchs. Schloss Wilhelmshöhe, Kassel; bis 30. Januar. Der Katalog kostet 29,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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