Frankfurter Romantik-Museum

Verstand und Gefühl

EIN KOMMENTAR Von Sandra Kegel
13.09.2021
, 11:42
Versprechen von Unendlichkeit: Der blaue Erker im Frankfurter Romantik-Museum.
Nach zehn Jahren der Vorbereitung wird in Frankfurt das Romantik-Museum eröffnet. Es schenkt der schwer zu fassenden Epoche der Träumerischen und Sehnsüchtigen einen spektakulären Denkraum.

Der romantische Gedanke, dem ein ganzes Museum in Frankfurt gewidmet ist, dringt bis in die Details des Neubaus mit seinen Vorsprüngen, Winkeln und optischen Täuschungen vor. Im obersten Stockwerk findet sich ein winziges Guckloch, das aus dem Museumsdunkel den Blick freigibt auf die im Sonnenlicht funkelnden Turmspitzen von Paulskirche, Dom sowie Europäischer Zentralbank und so, ganz typisch für die Romantik, das Heterogene, hier Politik, Glaube und Geld, wie ein Kaleidoskop in ungeahnter Perspektive neu zusammensetzt.

Das Romantik-Museum, das nach zehn Jahren der Vorbereitung und des Bauens an diesem Montag mit einem Festakt eröffnet wird, schenkt der facettenreichen, vielfach gebrochenen und deshalb so schwer zu fassenden Epoche der Träumerischen und Sehnsüchtigen in Nachbarschaft zum Goethe-Haus einen spektakulären Denkraum. Der Parcours durch die Ausstellungshallen macht dabei schnell klar, dass die Bewegung viel mehr ausmacht als Empfindsamkeit, sondern die Reflexion in sich trägt, so wie das auch die Aufklärung tut, zu der sie im dialektischen Spannungsverhältnis steht. Selbst die leicht entzündbaren Romantikerseelen wussten mit Novalis: Zu viel Begeisterung kann gefährlich sein.

Eine europäische Affäre

Den Schwerpunkt des Museums bildet eine Sammlung einzigartiger Originalmanuskripte und Briefe von Novalis, Schlegel, den Brentanos oder Eichendorff, die das Freie Deutsche Hochstift und Träger des Museums seit mehr als hundert Jahren zusammengetragen hat. Ergänzt werden die lichtempfindlichen Stücke von Werken aus der bildenden Kunst und der Musik. An 35 Stationen befragt das Museum das Wesen der romantischen Idee: Ist es ästhetisches Programm? Geisteshaltung? Intellektuelle Radikalisierung? Oder Kitsch?

Hierzulande gab es bislang kein vergleichbares Museum, was erstaunlich ist. Das mag auch damit zu tun haben, dass der Epoche, obwohl sie ganz Europa erfasste und als solche auch im Romantik-Museum behandelt wird, als vermeintlich deutsche Affäre lange Zeit nur mit Zurückhaltung begegnet wurde. Es galt zeitweise als ausgemacht, dass sie der Auftakt zur deutschen Katastrophe war.

Dass Redebedarf besteht über die Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus, auch das formuliert das Museum als Anliegen. Denn der Literaturwissenschaftlerin und Hochstift-Leiterin Anne Bohnenkamp greift diese Lesart zu kurz. Sicher, die Nationalsozialisten haben Vorstellungen von „Volk“ oder „Nation“ vor allem derjenigen Romantiker, die durch die Befreiungskriege gegen Napoleon geprägt waren, für ihre Zwecke missbraucht. Diese Denkfigur, wie sie in Thomas Manns „Doktor Faustus“ angelegt ist oder in Ausstellungen wie „De l’Allemagne“, die vor einigen Jahren in Paris eine direkte Linie von Caspar David Friedrich zu Leni Riefenstahl zog, findet im Romantik-Museum einen wichtigen Reflexionsraum, der in den kommenden Wechselausstellungen gewiss vertieft werden wird.

Erstaunlich ist, wie nah das Museum uns die Romantiker bringt, die Art, wie sie dachten, wie sie dichteten und wie viel das mit Vorstellungen künstlerischer Arbeit heute zu tun hat. Die Idee von der Autonomie der Künstler, die sich voraussetzungslos die Welt nach eigenen Vorstellungen neu erschufen und sich jenen Fragen zuwendeten, die nach Kant vom Verstand nicht mehr zu greifen sind, aber zum Menschsein gehören, wurde damals entwickelt. Der transzendentalen Obdachlosigkeit, in die der Mensch durch die Aufklärung geraten ist, setzten die Romantiker neue Obdächer entgegen, die sie in der Imagination schufen, in der Einbildungskraft, in der Kunst. Und diese Kunst bricht mit aller Schulgelehrsamkeit, wirft alte Regeln über Bord und lässt Gattungsgrenzen beiseite, indem sie etwa Naturwissenschaften mit Spekulation verknüpft und sich den Schattenseiten der menschlichen Psyche zuwendet, dem Unbewussten, dem Metaphysischen, Irrealen.

Die romantische Aura ist auch zu hören

Die offene Form, das Spielerische, reflektiert das Museum der Handschriften und Autographen, wenn es andere Medien wie Film, Klanginstallationen oder Computeranimationen hinzuzieht. Die Effekte verfremdender Installationen etwa von Schuberts „Winterreise“ zielen auf einen Museumsbesucher, der nicht nur sieht und liest, sondern auch hört und spüren will, was das ist, die romantische Aura der gezeigten Werke.

Vor zehn Jahren, als Anne Bohnenkamp mit den Planungen begann, war für sie der Gedanke Programm, mit dem Haus auch auf die Notwendigkeit emotionaler Bezugnahme zur Welt zu verweisen. Die Realität des Jahres 2021 erweist sich nach dem Brexit, dem Ausbruch einer Pandemie sowie dem Aufschwung nationalstaatlicher Bewegungen als eine veränderte. Nun ist es als Obdach für Reflexion und kritisches Innehalten gefragt. Wie passend, dass die Romantik weder hier noch da zu verorten ist, nicht allein Leidenschaft und Emphase ist, nicht nur Spiegelung und Betrachtung, sondern immer mit beidem arbeitet. Dies wird zu einer Erfahrung, die sich dank der Ausstellungsarchitektur jedem Besucher vermittelt, der sich auf das Abenteuer Romantik einlässt.

Quelle: F.A.Z.
Sandra Kegel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.
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