Sammlung Morosow in Paris

Moskauer Krösus mit Geschmack

Von Marc Zitzmann, Paris
23.09.2021
, 14:33
              Bildhunger: Einer der 13 Gauguins von Morosow war das Tahiti-Bild „Eu haere ia oe (Wohin gehst du?)“ von 1893.
Das Scheckbuch hilft: Eine der prächtigsten Sammlungen der Moderne ist zu Gast in der Fondation Louis Vuitton in Paris.
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Es ist eine durch und durch russische Geschichte. Eine Geschichte von maßlosem Reichtum und von fanatischer Kunstliebe. Ge­tragen wird sie durch ungewollt tragische Helden, die ein Doppelleben als Großkapitalisten und Sammler führten, angereichert durch profilierte Nebenfiguren: Matronen aus Granit, rabiate Saufbrüder, wohltätige Witwen, spendable Theaterliebhaber, Reformatoren und Revolutionäre. Es ist eine Geschichte, die in der So­wjetzeit totgeschwiegen wurde und erst seit Auflösung der UdSSR wieder Erzähler findet: Zwei der hochwertigsten und avanciertesten Kunstkollektionen, die existierten, wurden während des Silbernen Zeitalters des Zarenreichs (von etwa 1890 bis zum Ersten Weltkrieg) in der damaligen Handelskapitale Moskau zusammengetragen. Und zwar nicht durch aristokratische Ästheten oder freidenkerische Kosmopoliten, sondern durch altgläubige Indus­trielle und Geschäftsmänner.

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Die Pariser Fondation Louis Vuitton, selbst geschaffen durch einen kunstliebenden Großkapitalisten, den Gründer des LVMH-Luxusgüterkonzerns, Bernard Ar­nault, hatte schon vor fünf Jahren der Sammlung des Fabrikanten und Grossisten Sergei Schtschukin eine Schau gewidmet. Diese wurde mit 1,3 Millionen Besuchern zur meistbesuchten französischen Kunstausstellung. Nun beleuchtet die in einer Glasgaleone von Frank O. Gehry beheimatete Stiftung die Kollektion der Brüder Morosow, das Pendant und Komplement zu jener von Schtschukin.

Menschlich ganz anders als der Bruder, doch ebenso kunstaffiziert: Auf Valentin Serows Porträt des Großsammlers Ivan Morosow hängt hinter ihm hängt ein Matisse-Früchtestillleben, das er besonders liebte. Nach dem frühen Tod des älteren Bruders Michail baute Ivan die Sammlung noch massiv aus.
Menschlich ganz anders als der Bruder, doch ebenso kunstaffiziert: Auf Valentin Serows Porträt des Großsammlers Ivan Morosow hängt hinter ihm hängt ein Matisse-Früchtestillleben, das er besonders liebte. Nach dem frühen Tod des älteren Bruders Michail baute Ivan die Sammlung noch massiv aus. Bild: Fondation Louis Vuitton

Michail Morosow (1870 bis 1903) war die Verkörperung des Sanguinikers. Er aß und trank ohne Halt (was zu seinem frühen Tod führte), war den Damen und dem Kartenspiel zugetan, mehr noch je­doch den Künsten und Wissenschaften. Rezensionen und historische Abhandlungen aus seiner dilettierenden Feder zeitigten bloß Häme, ein psychologisierender Roman rief immerhin die Zensur auf den Plan. Doch 1894 begann er zeitgenössische Gemälde aus seiner Heimat zu sammeln, ab 1899 auch solche aus Westeuropa. Schon bald zog es ihn zu einer von allem Akademischen losgelösten Avantgarde hin. So erwarb er den ersten Gauguin, der ins Zarenreich kam, dann den ersten van Gogh, dann den einzigen Munch, der sich heute in Russland findet. Dazu Erstklassiges von Manet und Renoir sowie Hochkarätiges von Degas, Monet und Toulouse-Lautrec. Als Michail Morosow Ende 1903 starb, zählte seine Sammlung neununddreißig westliche und vierundvierzig russische Werke. Vor Ankäufen suchte er den Rat befreundeter Künstler wie Walentin Serow, Sergei Winogradow und Michail Wrubel. Ihre Werke sind in den Sammlungen der Morosows zahlreich vertreten – und dankenswerterweise auch in der Schau mit einer Auswahl, die sich nicht nur auf die einleitende Porträtgalerie beschränkt. Diese stellt die wichtigsten Mitglieder der Familie und des Freundeskreises vor, un­ter ihnen – für die Kunst-, Musik- und Theatergeschichte bedeutend – Schtschukin, der Bass Schaljapin, Michails Gattin Margarita (Mäzenin des Komponistengenies Skrjabin) und der Vetter Sawwa Morosow (Hauptaktionär des Künstlertheaters, an dem Stanislawski Tschechows späte Dramen zeigte).

Erstmals sind die meisten der einst zweihunderteinundvierzig Werke zu sehen

Sein Bruder Iwan war als Leiter der Morosowschen Textilmanufaktur eine ungleich gesetztere Figur. Er begann erst nach dem Tod des Bruders in großem Umfang französische Kunst zu sammeln. 1904 reiste er erstmals zum neu gegründeten Salon d’Automne nach Paris, von da an zweimal jährlich zu diesem sowie zum Salon des Indépendants. Die bedeutendsten Galerien der Lichterstadt – Bernheim-Jeune, Druet, Durand-Ruel, Vollard, später auch Kahnweiler – rollten dem Textil-Tycoon den roten Teppich aus. Der Ausstellungskatalog, der erstmals ein vollständiges Inventar des westlichen Teils der Morosow-Sammlung erstellt, kommt für Iwan auf zweihunderteinundvierzig Werke. Diese erwarb er fast alle zwischen 1905 und 1914.

Unverkennbar, aus welcher Periode des Meisters dieses Bild stammt: Pablo Picassos „Acrobate à la boule“ aus der Sammlung Morosow, 1905.
Unverkennbar, aus welcher Periode des Meisters dieses Bild stammt: Pablo Picassos „Acrobate à la boule“ aus der Sammlung Morosow, 1905. Bild: Succession Picasso 2021, Courtesy Musee d'Etat des Beaux-Arts Pouchkine, Moscou/ VG Bildkunst, Bonn 2021

Bei Kriegsausbruch wurde das Reisen nach Frankreich unmöglich, drei Jahre später brachte die Oktoberrevolution die Bolschewiki an die Macht. Doch noch bis kurz vor der Zwangsverstaatlichung erweiterte Morosow seine Kollektion um russische Werke. Letzter Ankauf war im Juni 1918 ein Tableau von Korowin mit dem prophetischen Titel „Lagerfeuer“. Bald würde der enteignete Milliardär selbst in drei Zimmern seines zum Museum um­funktionierten Stadtpalais kampieren müs­sen. Wenige Jahre nach der Emigration erlag er einem Herzinfarkt. Und auch seine Kollektion wurde malträtiert: mit jener von Schtschukin zusammengelegt (was die Sammler intendiert hatten), dann aber brutal auseinandergerissen, wegen Formalismus angeprangert, zwecks Dollars zweier ihrer Juwelen beraubt, endlich als museale Institution 1948 liquidiert.

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Die Zeiten ändern sich, aber nicht so sehr. Auch heute leiden Russlands Museen unter Geldnot. Nicht zuletzt wohl dank Bernard Arnaults Scheckbuch (das die Restaurierung zahlreicher Exponate er­möglichte) hatte die Kuratorin Anne Baldassari bei der Auswahl der Leihgaben freie Hand. Mehr noch als bei Schtschukin hat man den Eindruck, es stünden ganze Saalfolgen in der Eremitage leer. Der Pe­tersburger Kunstpalast ist Hauptleihgeber der Schau, vor dem Moskauer Puschkin-Museum und – was den russischen Teil der Sammlung angeht – der Tretjakow-Galerie daselbst. Bis auf wenige Gemälde, auf die Baldassari aus konservatorischen oder sonstigen guten Gründen verzichten muss­te, ist der Überblick über die Sammlung derart repräsentativ, dass man ihn vollständig nennen kann.

Der Postimpressionist Pierre Bonnard war in der Sammlung der Morosows stark vertreten. Hier steht eine Besucherin der Morosow-Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton vor “Herbst. Obsternte“ des französischen Malers aus dem Jahr 1912.
Der Postimpressionist Pierre Bonnard war in der Sammlung der Morosows stark vertreten. Hier steht eine Besucherin der Morosow-Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton vor “Herbst. Obsternte“ des französischen Malers aus dem Jahr 1912. Bild: AFP

Glanzpunkte sind die Gauguin und Cézanne gewidmeten Säle. Die dreizehn Gauguins der Kollektion (von denen zehn ausgeliehen wurden) stammen bis auf das „Café à Arles“ aus der polynesischen Zeit: enigmatische Landschaftsbilder und Alltagsszenen, in denen der zivilisationsmüde Maler mit reinen, unmodulierten Farben die Essenz eines Edens ohne Schatten einzufangen sucht. Die achtzehn Cézannes (bis auf das 1933 zusammen mit van Goghs „Nachtcafé“ nach New York verkaufte „Porträt von Frau Cézanne im Gewächshaus“ allesamt zu bestaunen) decken von der frühen „période couillarde“ bis zum Spätwerk alle Schaffensphasen ab, mit Fo­kus auf kon­struktive und synthetische Landschaften in den unverwechselbaren Blau- und Grüntönen.

Auch thematische Säle gibt es. Van Goghs Ausnahmetableau „La Ronde des prisonniers“ hängt wie ein Solitär in einem separaten Saal. Matisse und Picasso sind mit Würfen wie dem Auftragswerk „Triptyque marocain“ beziehungsweise dem von Leo und Gertrude Stein übernommenen „Acrobate à la boule“ vertreten. Endlich zeigt die Schau auch die bei Bonnard und Maurice Denis bestellten mediterranen beziehungsweise mythologischen Wandbilder – vollständiger als im Essener Mu­seum Folkwang 1993. Dank den beiden Pariser Schauen zu diesen Figuren ist die Geschichte der Moskauer Kunst-Krösusse jetzt gründlich aufgearbeitet – endlich.

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La Collection Morozov. In der Fondation Louis Vuitton, Paris; bis zum 22. Februar 2022. Der Katalog kostet 49,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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