Erbe eines NS-Ideologen

Schultze-Naumburg wird entgiftet

Von Ulf Meyer
15.01.2022
, 20:33
Geschwungener Pfad, schwieriges Terrain: Dorte Mandrup beschwört mit kleineren Interventionen den neuen Geist von Saaleck.
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Wider das nationalsozialistische Erbe: Eine Designakademie soll aus Saaleck, wo Rasseideologen ein- und ausgingen, einen Ort der Freiheit und Wachheit machen.
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Wer in das Dörfchen Saaleck fährt, sieht außer heruntergelassenen Rollos und menschenleeren Straßen nur ein großes Plakat, das zum Protest gegen den Bau einer neuen Straßenbrücke durch das Saaletal aufruft. Die Sorge über „Umweltzerstörungen und die Disharmonie der Moderne“ hatte auch den berühmtesten Bürger des Ortes, Paul Schultze-Naumburg, vor hundert Jahren schon umgetrieben: Der Siegeszug der Technik zeige, „dass das so maßlos erleichterte Leben auf der entstellten Erde nicht mehr lebenswert ist, dass wir zwar alles an uns gerissen haben, was unser Planet herzugeben hatte, dass wir aber bei dieser Wühlarbeit ihn und damit uns selbst zerstört haben.“

Schultze-Naumburg den radikalsten Architekten des Nationalsozialismus zu nennen, wie das mitunter geschieht, ist zugleich eine Unter- und eine Übertreibung. Denn einerseits war der Künstler aus Naumburg ein geifernder Antisemit und Propagandist der NS-Rassenlehre, andererseits lehnte er die herrische, übersteigerte NS-Architektur ab und bemühte sich zeitlebens um eine neue vernakuläre Architektur, die man damals „völkisch“ genannt hätte und die heute unter dem Schlagwort „regionales Bauen“ wieder in die Zeit zu passen scheint. Mit jeweils mehr als hundert Aufsätzen und fertiggestellten Gebäuden war Schultze-Naumburg in Theorie und Praxis einer der produktivsten Architekten seiner Zeit.

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Minimalinvasive Architektur

Die interessante Ambiguität im Werk von Schultze-Naumburg ist das Erbe, mit dem sich die neugegründete Design-Akademie Saaleck mit dem pfiffigen Kurz-Namen „dieDAS“ auseinandersetzen muss. Die Voraussetzungen für einen Erfolg sind zugleich gut und schlecht: Auf der einen Seite hat die im Aufbau befindliche „Akademie für Gestalter im Handwerk, Designer, Architekten und Unternehmer“ einen phantastischen Sitz in einer „bukolisch-perfekten Landschaft“, wie der Kopf der Akademie, der Hamburger Kulturwissenschaftler und Denkmalpfleger Arne Wasmuth, es nennt. Zehn Millionen Euro an Steuergeldern zur Re­no­vierung der von Schultze-Naumburg er­richteten Anlage mit Villa, Werkstätten und weiteren Nebengebäuden wurden bewilligt, und auch an einem Konzept zur behutsamen Umgestaltung mangelt es nicht mehr, seit die dänische Architektin Dorte Mandrup sich mit ihrem sensiblen Plan bei einer Auswahl durchsetzte. Ihr Entwurf wird in den nächsten Jahren in Zusammenarbeit mit dem Büro Arc Architekten aus Magdeburg umgesetzt.

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Die Stiftung des Berliner Kunstsammlers und Mäzens Egidio Marzona hat 2018 das Ensemble erworben, ein Stiftungsvermögen steht darüber hinaus aber nicht zur Verfügung. Marzona hatte keine Angst vor dem unbequemen Denkmal, aus dem er „einen Ort der Freiheit, Wachheit und Grenzenlosigkeit“ machen will. Dazu passt, dass Mandrup ihre Architektur als „change agent“ betrachtet, also als Träger eines Wandels. Im Falle des Ensembles unterhalb der Burg Saaleck im hintersten Zipfel von Sachsen-Anhalt ist dies angesichts der Geschichte keine kleine Anforderung. Die Ausstellung zum Leben und Wirken von Schultze-Naumburg wird in dem ehemaligen Hühnerstall eingerichtet, der sich mit einer Glas-Holzfassade zum Garten hin öffnet.

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Auch den Garten will Mandrup neu interpretieren. Die große Westterrasse soll ein „Freidenker-Theater“ werden, von dem aus der Blick weit schweifen kann. Saale-Unstrut ist eine der schönsten Weinbauregionen Deutschlands. Auf einer eleganten, skulpturalen Wendeltreppe aus Stahl im Garten, wo „Blick und Denken ihre Richtung ändern können“, wie die Architektin es nennt. Mandrups minimal-invasiven architektonischen Interventionen sollen sich durch ihre Farbigkeit von den weiß-grauen Fassaden der bestehenden traditionalistischen Bauten absetzen.

Akademie-Gründer Wasmuth hat den Ort 2015 auf dem Weg zu einer Tagung über Schultze-Naumburg in Weimar entdeckt. Er war beeindruckt von der malerischen Lage auf schroffen steinernen Steilhängen über der Saale.

Die Moderne und ihre Kritik

Zwei Jahre später stand die Anlage zum Verkauf, und Marzona griff zu. Wasmuth und Marzona wollen die „Vergangenheit des Ortes ernst nehmen und vermitteln, aber sich nicht davon einschüchtern lassen, sondern mit Mut und Haltung in die Zukunft blicken“, so Wasmuth. Wenn es in Saaleck gelingen soll, einen Ort wie sein Vorbild, die Domaine de Boisbuchet südlich von Paris, zu schaffen, braucht es jedoch nicht nur Kapital, sondern auch ein pointiertes intellektuelles Konzept, das nicht nur Kritik an der Moderne-Kritik übt, sondern auch an der Moderne selbst.

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Schulze-Naumburgs Anwesen, eine Kreuzung aus Manor House und den Werkstätten Hellerau, bietet reichen Stoff für ein „Re-Purposing“, wie Wasmuth die geplante Umwidmung nennt. Den Kunsttheoretiker, Publizisten und Politiker Schultze-Naumburg abzulehnen fällt (allzu) leicht: Der Jugendfreund von Friedrich Nietzsche war nicht nur Architekt und Leiter der Werkstätten, er verband auch die Reformarchitektur mit der „Baukunst um 1800“-Bewegung, die sich am Stilempfinden der Goethezeit orientierte. Wie in keinem zweiten Oeuvre zeigt diese krude Melange, wie sehr er (und viele seiner Zeitgenossen) sich weigerte, den „Sozialismus“ im Nationalsozialismus zu erkennen. In seinem schriftlichen Opus Magnum, den „Kulturarbeiten“, arbeitete der Autodidakt minutiös heraus, wie eine „Architektur ohne Architekten“ typologisch systematisiert werden könnte. Von einer neo-klassizistischen Massenarchitektur wollte er nichts wissen. Die Nähe zur Moderne-Kritik aus dem links-alternativen Milieu um Christopher Alexander in Berkeley fünfzig Jahre später ist frappierend: Der kalifornische Architekturtheoretiker hatte ebenfalls versucht, in seinem Werk „Eine Mustersprache“ einen als postmodern-reaktionär kritisierten Zu­gang zu zeitlosen Entwurfsmustern zu finden.

Schultze-Naumburg gehörte 1907 zu den Mitbegründern des Deutschen Werkbundes, der bis heute Einfluss und Ansehen in Deutschland genießt. Heute hat die Bundesrepublik ein Riesen-Ministerium, das „Heimat“ im Namen trägt, aber den toxischen Begriff Heimatschutzarchitektur benutzt aus gutem Grund schon lange kein Planer mehr. Die Wende zur Moderne hatte Schultze-Naumburg verpasst: Als geistiger Vater einer „nordisch-germanischen Architektur“, die das Flachdach ablehnte, forderte er einen auf der NS-Rassenideologie be­gründeten „völkischen“ Baustil. Seine einstige Sorge über „Umweltzerstörungen und die Disharmonien der Moderne“ steigerte sich zu einer Radikalisierung, die in blankem Rassismus endete.

Schultze-Naumburg war gut vernetzt: Größen seiner Zeit wie Heinrich Tessenow, Otto Bartning, Paul Bonatz, Werner March und Paul Schmitthenner verkehrten in Saaleck, auch Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Wilhelm Frick und Heinrich Himmler kamen zu Besuch. Bartning hatte sogar Saaleck als Modell in Erinnerung, als er 1919 mit Walter Gropius den Lehrplan des Bauhauses entwickelte. Walther Darré hat in Saaleck sein Buch „Neuadel aus Blut und Boden“ geschrieben. Die Moderne galt Schultze als „entartet“ und als Werk von „Kretins“, die Neue Sachlichkeit bekämpfte er nach Kräften. Das Bauhaus, eine „Hochburg zur Bekämpfung des Deutschtums“, galt ihm als „Kathedrale des Marxismus mit vielen Bezügen zur Synagoge“. Ihre „Hausbauten sahen alle aus wie aus Syrien“, schrieb er.

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Inspiration für junge Designer

Dennoch war Schultze-Naumburg kein „NS-Architekt“: Als er von Hitler 1935 den Auftrag bekam, das Opernhaus in Nürnberg umzubauen, kam es zum Eklat: Schultze-Naumburgs Heimatstil passte nicht in das Bild der monumentalen Herrschaftsarchitektur, er bekam keine Aufträge mehr, nach einem Parteiausschlussverfahren aus der NSDAP wurde er verwarnt. Der Agitator und Vordenker einer „völkischen“ Kunst war passé.

Neben dem Bau eines Dokumentationszentrums hat sich dieDAS noch eine zweite Aufgabe gestellt: Aufbauend auf internationalen Design-Workshops, die bereits an Ort und Stelle stattgefunden haben, sollen jedes Jahr Fellowships 16 junge Talente in das Dorf Saaleck locken. Die Stipendiaten sollen sich vier Monate lang mit Themen der „Material-Kultur“ auseinandersetzen, worin Mentoren und Dozenten sie unterstützen. Dabei wird das „janusköpfige Projekt der Moderne“, das die Geschichte der Werkstätten prägte, die Gäste in Saaleck beschäftigen. Bis 2027 werden 16 Wohnzimmer und Ateliers, Seminarräume und eine Bibliothek in Schultze-Naumburgs Haus gebaut. So wie Wasmuth Marzona mit seiner Begeisterung für das Baudenkmal in Saaleck einst ansteckte, sollen die Anlage und die umgebende Landschaft junge Designer inspirieren. Es ist eine Ironie der Ge­schichte, dass Marzona als Sohn eines Be­­tonfabrikanten sein Vermögen dem Bau von Brücken und Straßen verdankt – wie jener, gegen die in Saaleck derzeit plakatiert wird.

Die Auseinandersetzung mit dem Gründer der Werkstätten Saaleck und dem Ort hat gerade erst begonnen. Die Vorstellungen eines „naturnahen Lebens“ kippten bei Schultze-Naumburg in aggressiv-exklusives Denken um. Die Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung ist für die Gegenwart relevant. Auch während der Baumaßnahmen, die im Frühjahr beginnen, wird dieDAS sich mit Sumer Schools, Workshops und Veranstaltungen dieser Aufgabe annehmen.

Quelle: F.A.Z.
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