Ausstellung zu Schattentheater

Der dunkle Lord ist so flach wie nie

Von Tilman Spreckelsen
16.11.2015
, 06:31
Klassisches Drama trifft moderne Verkehrserziehung: Eine Ausstellung im Stuttgarter Linden-Museum zeigt die vielen Wandlungen und Funktionen des Schattentheaters.
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Karagöz kann es nicht glauben: Die Gentrifizierung Istanbuls hat nun auch den Stadtteil seines Freundes Sehmuz erreicht. Als er ihn auf der Straße trifft, beklagt der sich bitter über den Hausbesitzer Hacivat, der die Mietwohnungen luxussanieren will, so dass sie sich nur die Besserverdiener leisten können. „Ab jetzt werden hier nur noch der Kapitalist Hacivat, der Imam Hacivat und der Künstler Hacivat leben“, sagt Sehmuz. Und Karagöz wackelt dazu heftig mit dem Oberkörper.

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Das muss er auch, schließlich verkörpert er, so wie er 2012 im Film „Kazin Ayagi“ des in Berlin lebenden Künstlers Mario Rizzi auftritt, eine lange Tradition, zu der eben auch das Wackeln gehört. Karagöz und sein Gegenpart Hacivat sind die beiden klassischen Protagonisten im osmanischen Schattentheater, so wie es sich seit dem siebzehnten Jahrhundert entwickelt hat. Sie sind bemalte Silhouetten, die mittels an ihren Körpern angebrachten Stäben vor einer Leinwand agieren, eng an diese gepresst, so dass sie von der gegenüberliegenden Seite als ganz leicht verschwommene farbige Schattenfiguren erscheinen. Karagöz ist der einfache, eher bauernschlaue Mann, während der weltgewandte Hacivat mit seiner Bildung protzt und von Karagöz oft missverstanden wird, was dann zur traditionellen Prügelei am Ende des jeweiligen Stückes führt - die gedrungene Physiognomie des Karagöz, der an einen Boxer erinnernde aggressiv ruckartig nach vorn bewegte Oberkörper, unterstützt dieses spezielle Ende aufs einleuchtendste.

Doch ihre Kabbeleien dienen seit jeher nicht nur der Belustigung des Publikums. In den Stücken des Karagöztheaters werden politische und gesellschaftliche Verhältnisse dargestellt und kommentiert, sie zielen auf Arroganz, Trotz und Blindheit in allen Schichten und dies, je nach politischer Lage, mehr oder weniger konkret. Gegenwärtig spielen die türkischen Karagözkünstler häufig vor Schulklassen und warnen etwa vor den Gefahren des Straßenverkehrs oder - wie im Stück „Das Müllmonster“ - vor leichtfertigem Umgang mit Ressourcen.

Wo aus Karagöz ein Karagiozis geworden ist

Karagöz und seinen Freunden ist ein Schwerpunkt in der Ausstellung „Die Welt des Schattentheaters“ gewidmet, die das Stuttgarter Linden-Museum gegenwärtig zeigt. Sie beleuchtet die regional unterschiedlichen Traditionen dieser Kunstform in China, Thailand, Indien oder Indonesien, fragt nach ihren Adaptionen in Ägypten unter den Mameluken, im Osmanischen Reich und im heutigen Griechenland, wo aus Karagöz ein Karagiozis geworden ist. Und sie setzt das multimediale Arsenal, das moderne Ausstellungsmacher sonst oft bis zum Überdruss verwenden, ausgesprochen sinnvoll ein, indem in den einzelnen Stationen nicht nur das zu den Aufführungen Nötige gezeigt wird - Silhouettenfiguren und ihre Stäbe, Musikinstrumente, Leinwände oder Kulissen -, sondern auch diese Aufführungen selbst: abgefilmt und auf kleine Monitore gebracht oder auf die große Leinwand projiziert.

Schnell wird dabei deutlich, dass der Name „Schattentheater“ in die Irre führt. Anders als die europäische Variante, die auf schwarze Silhouetten setzt und unter dem Titel „Ombres Chinoises“ um 1800 auch in Deutschland ausgesprochen beliebt war, sind die hier ausgestellten Figuren zum größten Teil transparent und vor allem farbig - oder sie waren es einmal.

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Die Kommentare der spöttischen Diener

Speziell im indonesischen Wayang-Theater, das eine mindestens tausendjährige Tradition besitzt, ist überdies die Betrachtung der Schatten nur die eine von zwei Rezeptionsmöglichkeiten, die dem Publikum angeboten werden. Denn die Zuschauer sind auf beiden Seiten der dünnen Leinwand, die als Bühne fungiert, zugelassen: Die einen beobachten den Dalang, den Figurenführer, bei der Arbeit, sie sehen ihm dabei zu, wie er an dünnen Stäben die einzelnen Gliedmaßen seiner zweidimensionalen Protagonisten zum Laufen, Springen, Tanzen bringt, das Kämpfen nicht zu vergessen. Sie sehen die Musiker, die seine oft nächtelangen Aufführungen begleiten. Und sie können verfolgen, wie die Lichter die Farben der Puppen zum Leuchten bringen.

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All dies sehen die Zuschauer auf der anderen Seite nicht, die dafür in den Genuss der weiter reichenden Illusion kommen, lebendigen Wesen beim Agieren zuzusehen. Hier heißt das etwa, dass Gestalten der großen, aus Indien importierten Epen ihre gewohnten heroischen Taten vollbringen, dabei aber die Kommentare der Panakawan, ihrer spöttischen Diener, ertragen müssen.

Die Ausstellung schöpft zum größten Teil aus den eigenen Beständen des Museums, ergänzt durch wenige Leihgaben etwa aus Schwäbisch Gmünd, wo in diesem Jahr wieder ein Festival zum zeitgenössischen Schattentheater abgehalten wurde, und aus dem Stadtmuseum München, das eine große Sammlung mit neugriechischen Figuren besitzt. Die einzelnen Regionen stehen dabei in keiner hierarchischen Ordnung. Es geht ersichtlich nicht um die Frage nach einem Ursprung, die ohnehin nur mit Spekulationen zu beantworten wäre - was, wenn das Spiel mit Licht, Schatten und Farbe ein universelles Phänomen wäre, gekoppelt daran, dass eine Kultur lernt, Beleuchtung so einzusetzen, dass man damit eine Geschichte erzählen kann?

Weit interessanter ist die Beobachtung, wie sich das Medium Schattentheater offen zeigt für Beeinflussungen aller Art, wie erzählerische und ästhetische Motive wandern und doch jede Kultur einen eigenen Schwerpunkt setzt: Da ist der filigrane Reichtum der chinesischen Figuren, die spektakuläre Silhouettentechnik der ägyptischen Tiere und Menschen, die am ehesten mit der europäischen Ausprägung dieser Kunstform korrespondieren.

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Und da ist die Offenheit mancher Regionen für neue Themen, die mit den Mitteln des Schattentheaters auf die Bühne gebracht werden. Aus Malaysia stammen zwei Figuren namens Songkala Vedeh und Tuan Puteri Leia. Dem dunklen Lord und der Prinzessin aus den „Star Wars“-

Filmen ähneln sie durchaus. Wie eigenständig sie dennoch agieren, zeigt eine kurze Sequenz, die in der Ausstellung projiziert wird.

Die Welt des Schattentheaters. Im Linden-Museum Stuttgart; bis zum 10. April 2016. Der Katalog kostet 29,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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