FAZ plus ArtikelHäusliche Gewalt in Russland

Der Chirurg und die Galerie der Gewaltopfer

Von Kerstin Holm
15.03.2021
, 10:05
Kieferfraktur mit Knochenverschiebung und mehrere Hämatome: So dokumentiert der Arzt Ruslan Mellin die Verletzung einer Patientin.
Der sibirische Gesichtschirurg Ruslan Mellin behandelt Menschen, die von ihren Lebenspartnern verprügelt wurden – und dokumentiert die Verletzungen in Zeichnungen. Mit der Pandemie hat sich die Lage noch verschärft.
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Zum Künstler machten den sibirischen Gesichts- und Kieferchirurgen Ruslan Mellin seine Erfahrungen als Mediziner und der Wunsch, das Leid seiner Patienten zu dokumentieren. Im vergangenen Jahr wurde im Krankenhaus der Bergbaustadt Kemerowo, wo der heute 27 Jahre alte Mellin arbeitet, eine Corona-Station eingerichtet, wo er in Federzeichnungen festhielt, wie Ärzte sich in mehrschichtige Schutzkleidung hüllen, Schwerkranke auf der Intensivstation behandeln, wie alte Leute um ihr Leben ringen. Zugleich sei die Zahl von Opfern häuslicher Gewalt in seiner Praxis deutlich gestiegen, berichtet Mellin beim Videotelefonat und merkt an, durch eine Schlägerei lädierte Männergesichter seien Teil seiner Routine. Doch seit Corona müsse er immer mehr Frauen behandeln, die von ihrem Partner verprügelt wurden, so der Arzt, darunter auch solche aus nichtprekären Verhältnissen. Unter diesem Eindruck schuf Mellin eine Porträtgalerie von Gewaltopfern, wobei er von ihm behandelte Traumata mit den Gesichtszügen von Freunden und Kollegen kombinierte.

Mellin, der in der Kleinstadt Minusinsk selbst mit einem die Mutter schlagenden Vater aufwuchs, besuchte als Gymnasiast auch eine Kunstschule, wo sein Hang zur anatomischen Detailwiedergabe bei der Lehrerin und der sonst nur aus Mädchen bestehenden Klasse aber nicht gut ankam, erinnert er sich. Deren Ideal sei ein pastoser, farbstarker „Impressionismus“ gewesen, während er den präzisen Körperstudien der alten italienischen und niederländischen Meister nachgeeifert habe. Bei der Arbeit stütze er sich auf seine genaue Kenntnis der kleinsten Gesichtsknochen und -muskeln sowie auf sein fotografisches Gedächtnis für Verwundungen, sagt der Arzt. Im kommenden Sommer will die medizinische Hochschule von Kemerowo Mellins Serie unter dem Titel „Gewalt in Gesichtern“ (Nasilie w lizach) in einer Ausstellung präsentieren.

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Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
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