Serie „Spur der Steine“

Eine Stadt, auf Obsidian gebaut

Von Ulf von Rauchhaupt
27.07.2021
, 21:18
Blick über die Ruinenstadt Teotihuacán in Mexiko: rechts die Sonnenpyramide.  Zentrum der Anlage ist eine zwei Kilometer lange Zeremonialstraße, die die Pyramide des Mondes und die der Sonne verbindet.
Ausgedehnt: Das rätselhafte Teotihuacán im zentralen Hochland von Mexiko war nicht nur ein magischer Ort, sondern mit seinen 2000 Mehrfamilienhäusern auch eine wohnliche Metropole.

Teotl bedeutet „Gott“ in der Sprache der Azteken – ein merkwürdiger linguistischer Zufall, denn irgendeine Verwandtschaft mit dem Wort hinter „Theologie“ oder „Theodizee“ besteht nicht. Teotihuacán wird oft gedeutet als „Ort, an dem die Götter geboren wurden“. Nach dem aztekischen Schöpfungsmythos beendeten aber zumindest zwei von ihnen hier ihr Dasein: Sie opferten sich, um die Sonne in Bewegung zu setzen und so das aktuelle fünfte Zeitalter beginnen zu lassen.

Wo sonst hätte sich Derartiges zutragen können? Teotihuacán ist magisch, auch heute noch. Vierzig Kilometer nordöstlich des Beton- und Asphaltdschungels von Mexiko-Stadt erstreckt sich die Stätte über eine hügelumstandene Agrarlandschaft. Zwei enorme Pyramiden lenken alle ersten Blicke der Besucher auf sich. Die „Pyramide des Mondes“, Fluchtpunkt einer megalomanen, am Sonnenlauf ausgerichteten Avenue, ist mit 43 Meter Höhe fast so groß, wie es die beiden Haupttempel in Tenochtitlán gewesen waren, der heute unter dem Stadtzentrum von Mexico-Stadt verschwundenen Hauptstadt des Aztekenreiches. Die „Pyramide der Sonne“ wiederum hat gar die Grundfläche, wenn auch nur die halbe Höhe der Cheopspyramide.

Die anderen Wunder von Teotihuacán offenbaren freilich erst der zweite und der dritte Blick: Steingefasste Plattformen sonder Zahl sowie Grundmauern von Palästen und mehr als zweitausend Mehrfamilienhäusern etwas einfacherer Ausstattung, die gleichwohl noch heute in den meisten Weltgegenden als großzügig bis luxuriös gelten würden. Diese Stadt muss unermesslich reich gewesen sein, aber nicht in dem Sinne, wie Rom es war oder London heute ist. Vielmehr bot sie Urbanität ohne Enge. Ihre 130 000 Einwohner – eine für vorindus­trielle Städte enorme Zahl – verteilten sich auf mehr als zwanzig Quadratkilometer bebaute Fläche. Damit ist Teotihuacán die räumlich größte Stadt des präkolumbischen Amerikas. In Tenochtitlán dagegen drängten sich doppelt so viele Menschen auf kaum dem halben Raum – dabei war bereits die Aztekenmetropole bis zur Eroberung durch die Spanier vor fünfhundert Jahren die mit Abstand wohnlichste Stadt des Planeten gewesen. Das war aber kaum der Grund, warum schon die Azteken Tenochtilán bewunderten.

Überreste von Geopferten

Denn nein, diese Stadt wurde nicht von den Azteken erbaut oder auch nur bewohnt. Auch nicht von den Tolteken, wie die Archäologen zunächst glaubten. Das waren Angehörige einer anderen bedeutenden mesoamerikanischen Kultur, die im zehnten bis zwölften Jahrhundert blühte und ihr Zentrum etwas weiter nördlich hatte. Tatsächlich ist Teotihuacán noch einmal tausend Jahre älter. Die drei großen Pyramiden – neben der der Sonne und des Mondes gibt es noch die reich verzierte „Pyramide der gefiederten Schlange“ – wurden im späten zweiten Jahrhundert nach Christus errichtet, und um 550 nach Christus herum, mehr als achthundert Jahre bevor die Azteken überhaupt historisch greifbar werden, ging Teotihuacán plötzlich unter. Die mit Stuck und farbenfrohen Fresken überzogenen Gebäude im Zentrum gingen in Flammen auf, vielleicht auch die Tempel oben auf den Pyramiden, Götterbilder wurden zerschlagen. Wenn es eine Revolution war, dann verbesserte auch diese nicht die Lage der Menschen. Die Einwohnerzahl sank drastisch.

Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange, in der Ruinenstadt Teotihuacán
Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange, in der Ruinenstadt Teotihuacán Bild: ddp

Aber niemand weiß wirklich, was damals passiert ist. Wie auch sonst wenig bekannt ist über den Staat hinter der Stadt. Wie alle altamerikanischen Kulturen mit Ausnahme der Maya benutzten die Teotihuacanos keine entwickelte Schrift. Es fanden sich nur schwer deutbare Glyphen, die wohl aber eher Embleme gewesen sein dürften, als dass sie Sprache kodierten. Auch bildliche Chroniken gibt es keine. Wir wissen nichts über ihr Regierungssystem, auch wenn die mexikanische Archäologin Linda Manzanilla Hinweise darauf gefunden hat, dass die Stadt zumindest zeitweise von einem Kollegium aus vier Herrschern regiert worden sein könnte, von denen jeder einem Stadtviertel vorstand. Es gibt zwar herrschaftliche Anwesen wie den teilrekonstruierten zauberhaften „Palast des Quetzalpapálotl“ (eines Mischwesens aus Vogel und Schmetterling), die sicher von Angehörigen einer Oberschicht bewohnt wurden – aber nichts, was sich als Herrscherpalast ansprechen ließe. Und nie hat jemand hier irgendwo ein Königsgrab gefunden. Die Pyramiden jedenfalls sind keine, sondern Substrukturen für Tempel. Skelette, die man dort fand, sind Überreste von Geopferten. Auch Darstellungen wichtiger Persönlichkeiten oder gar von Herrschern, wie man sie von den Maya kennt, fehlen völlig. Die Individuen, die diese Bauwerke veranlasst und organisiert hatten, gerieten genauso in Vergessenheit wie die Freskenmaler, Kalkbrenner und Steineschlepper, die sie ausführten.

Doch ihre Werke blieben. Für die Azteken und vor ihnen die Tolteken war Teotihuacán nicht nur eine mythische Stätte, sondern auch ästhetisches Vorbild. Die Bezeichnungen sämtlicher Strukturen, die Archäologen wie Fremdenführer heute verwenden, insbesondere die Namen der drei bedeutendsten Pyramiden sowie der dargestellten Gottheiten, sind alle aztekischen Ursprungs. Selbst der ursprüngliche Name der Stadt ist nicht überliefert, wie man ja nicht einmal weiß, zu welcher Familie die Sprache gehörte, die dort gesprochen wurde. Auch Tolteken und Azteken kannten den Ort nur als Ruinenstätte, besuchten ihn aber, gruben dort nach Kunstgegenständen, kopierten Formideen – ganz so, wie die Europäer sich spätestens seit der Renaissance bei Griechen und Römern bedienten. Statt Eierstab oder kannelierter Säulen waren es hier zum Beispiel der „Talud-Tablero“, der Wechsel von Schräge (Talud) und Senkrechte (Tablero) bei der Gestaltung von Plattformflanken. Überall in Mesoamerika begegnet einem dieses teotihuacanische Design.

Bild: F.A.Z.

Nach den Azteken kamen die Archäologen. Sie begriffen Teoctihuacán zunächst allerdings gar nicht als dauerhaft von vielen Menschen bewohnte Stadt, sondern als Zeremonialzentrum – wohl nicht nur, weil man sich zunächst natürlich vor allem den gewaltigen Sa­kralstrukturen zuwandte, sondern auch, weil man einer derart frühen Epoche Urbanität auf solcher Skala nicht zutraute. Das hat sich mit systematischen Ausgrabungen und vor allem der sorgfältigen Kartierung des Geländes mit Hilfe von Luftbildern in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren gründlich geändert. In den letzten Jahrzehnten ist eine weitere Facette hinzugekommen: In verschiedenen Teilen der Stadt kamen Quartiere zum Vorschein, in denen offenbar Menschen sehr verschiedener Herkunft gelebt hatten: Zapoteken aus dem Süden, aus dem am Pazifik gelegenen heutigen mexikanischen Bundesstaat Oaxaca, Menschen aus der Gegend von Vera Cruz an der Golfküste, welche aus dem Westen und aus dem mehr als tausend Kilometer südöstlich gelegenen Gebiet der Maya. Offenbar wurden hier neben der un­bekannten Sprache der angestammten Teotihuacanos noch vier oder fünf andere Idiome gesprochen, und zumindest Zapoteken und Golfküstenleute bildeten offenbar geschlossene ethnische Viertel, vergleichbar mit Chinatown oder Little Italy in New York.

Damit verschob sich auch die Antwort auf die Frage nach der Quelle des Reichtums von Teotihuacán. Der Aufstieg der Stadt wird nach wie vor mit einem katas­trophalen Ausbruch des Vulkans Popocatépetl im späten ersten Jahrhundert nach Christus in Verbindung gebracht. Dessen Auswürfe scheinen die Handelsrouten konkurrierender Städte blockiert und Abwanderungen in das Tal von Teotihuacán ausgelöst zu haben, wo es zudem Quellen gab und vor allem Obsidian. Geräte aus dem vulkanischen Glas, aus dem man nicht zuletzt Messer fertigte – Metallwerkzeuge waren im präkolumbischen Amerika unbekannt –, wurden als ein Hauptgrund für die dauerhafte Prosperität der Stadt gesehen. Fisch von den Küsten, zapotekischer Glimmer oder Jade aus dem fernen Gebiet der Maya ließen sich dagegen eintauschen. Lauscht man aber heute mit Teotihuacán befassten Forschern, insbesondere denen aus den Vereinigten Staaten, so ist es die Immigration fremder Völker, die sich gleichwohl ihre Identität bewahrten, Multiethnizität also, die als Grundlage für die in die Ferne wirkende Handelsmacht und damit für den Wohlstand der Stadt angesehen wird. Jede Zeit, so scheint es, erzählt über Teotihuacán die Geschichten, die ihr wichtig sind.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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