Theaterfotografin Ruth Walz

Gesichter aus der Tiefe der Zeit

Von Andreas Kilb
24.10.2021
, 09:26
Dame in Weiß: Asmik Grigorian in Romeo Castelluccis Inszenierung der „Salome“ von Richard Strauss, Salzburger Festspiele 2018
Ruth Walz hat das Theater in seiner besten Zeit mit der Kamera begleitet. Viele Jahre dokumentierte sie die Arbeit der Berliner Schaubühne, heute fotografiert sie Inszenierungen in ganz Europa. Eine Ausstellung zeigt ihr Lebenswerk.
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Auf den ersten Blick könnten sich Theater und Fotografie nicht fremder sein. Das eine bringt die Zeit zum Fließen, die andere bringt sie zum Stehen. Das eine ist auf Vergänglichkeit, die andere ist auf Dauer ge­stellt. Wer versuchen wollte, einen Theaterabend aus Einzelfotos zu rekonstruieren, wür­de die Erfahrung des Gerichtsmediziners machen: Der Körper wäre vollständig, aber das Leben darin erloschen. Kein Bild brächte die Energie der Szene zurück. Und keine Geste, kein Re­qui­sit die innere Bewegung des Dramas.

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Trotzdem haben die Kunst der Bühne und die des Fotoapparats zusammengefunden. Dabei blieb die Fotografie immer an ihre Aufgabe gebunden, das Theatergeschehen zu dokumentieren, sei es für Werbeaushänge oder als Zeitungsillustration. Der Theaterfotograf war ein Reporter, kein Rezensent. Aber schon die ersten besseren Vertreter der Profession schufen ihren eigenen Stil. Ein Bühnenfoto von Ludwig Gutmann sieht anders aus als eines von Ursula Richter. Der zeichnerisch geschulte Blick von Abisag Tüllmann schlägt auch in ihren Theaterbildern durch. Es hat einige Zeit gedauert, mehr als ein Jahrhundert, bis die Fotografiehistoriker diese Art der Kunstbeobachtung als eigene Kunstform begriffen haben. Doch jetzt ist es soweit.

Die Ausstellung ist selbst ein Schauspiel

Schon am Eingang zur Werkschau der Fotografin Ruth Walz im Berliner Mu­se­um für Fotografie sieht man, dass hier eine be­son­de­re Form des Bildermachens gefeiert wird. Die Tür ist ein Vorhang, die Schmalseiten des Museumssaals sind mit wand­hohen Schauspielerporträts und An­sich­ten einzelner Aufführungen dekoriert. Die Ex­po­na­te sind nicht chronologisch, sondern nach Themen und Stichworten geordnet. Die Ausstellung selbst ist eine Inszenierung ihrer Be­stän­de, ein Schauspiel der Fotokunst. Auf dieser Bilderbühne er­scheint das Theater in seiner besten Zeit.

Ruth Walz ist sechsundzwanzig, al­leiner­zie­hen­de Mutter und Studentin am Berliner Lette-Verein, als sie bei einem Gastspiel von Giorgio Strehler ihr erstes Theaterfoto macht. Neun Jahre später, 1976, wird sie festangestellte Fotografin der Schaubühne am Halleschen Ufer. Die ältesten Aufnahmen in der Ausstellung zeigen Ansichten von Klaus Michael Grübers Hölderlin-Projekt im Olympiastadion. Man spürt die Kälte und Leere des riesigen dunklen Raums und die ekstatische Stimmung, die darin herrscht. Und die Kamera ist überall, auf der Tribüne, unter den Schauspielern auf dem Rasen und vor der Schale mit der olympischen Flamme. Das Durchhaltevermögen von Ruth Walz ist in der Branche legendär. Nach den Proben und Premieren zog sie sich, während die Schauspieler in die Kneipe gingen, ins Labor zurück und entwickelte bis zum Morgengrauen ihre Bil­der. Noch heute, mit achtzig, fotografiert sie drei- oder vierstündige Operninszenierungen im Stehen, oh­ne zu ermüden.

Dabei nimmt sie, anders als viele frühere und heutige Kollegen, durchweg die Per­spektive des Zuschauers ein. In ihren wilden Jahren wollte die Schaubühne die un­sichtbare Wand zwischen Theater und Publikum einreißen. Der Impuls erlosch mit dem Umzug an den Lehniner Platz, aber bei Ruth Walz wurde er zur fotografischen Haltung. Eine ihrer ikonischen Aufnahmen stammt von 1978. Sie zeigt das Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann zu Botho Strauß’ „Trilogie des Wiedersehens“. Der Schauplatz ist ein Wohnzimmer, das von zwölf Personen in unterschiedlichen Posen bevölkert wird. Um das Geschehen als Ganzes einzufangen, hat sich die Fotografin im oberen Teil des Parketts postiert. Indem sie die Köpfe des Publikums in den Vordergrund rückt, erzeugt sie zugleich perspektivische Distanz und ästhetische Nähe. Das Theater und die, zu denen es spricht, kommen in ein Bild.

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Auch elf Jahre später, in den Aufnahmen zu Luc Bondys Inszenierung von Strauß’ „Die Zeit und das Zimmer“, ist das Publikum anwesend, selbst da, wo es nicht sichtbar wird. Es drückt sich im Blick der Fotografin aus, die auch als Profi Zuschauerin bleibt. Weil ihr Staunen über die Wunder der Bühne nie aufhört, springt es mühelos auf den Betrachter über. Seit dem Ende ih­rer Berliner Festanstellung 1990 hat Ruth Walz in London, Paris. Amsterdam, Wien, München und Salzburg Bühnenbilder von Bill Viola, Anish Kapoor, William Kent­ridge und anderen be­rühmten Künstlern aufgenommen, aber ihr Blick ist dabei nicht zum Conaisseursblick geworden. Ihr Auge wirft sich dem Schauspiel nicht an den Hals, sondern umwirbt es aus der Distanz. So hört die Liebe niemals auf.

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Eine Annäherung an das Unfassbare

Sein Ziel erreicht der werbende Blick in der Großaufnahme. Eine ganze Serie von Fotos dokumentiert in der Ausstellung den Augenblick, in dem Edith Clever in Peter Steins Inszenierung der Orestie des Aischylos mit den Leichen von Agamemnon und Kassandra auf die Bühne tritt. Im Katalog erklärt der amerikanische Regisseur Peter Sellars im Gespräch mir Martin Walz, dem Sohn der Fotografin, die Kamera von Ruth Walz treffe immer genau den richtigen Mo­ment einer Aufführung. In der Clever-Serie kann man sehen, dass dieser Moment aus vielen Augenblicken besteht. Die Fotografie ist immer nur Annäherung an das Un­fass­ba­re, das zwischen den Bildern liegt.

Die Sympathien der Fotografin sind klar verteilt. Neben Clever, der Strahlenden, be­herrscht die schimmernde Jutta Lampe die Auswahl, dazu Otto Sander, Udo Samel, Libgart Schwarz, Corinna Kirchhoff, Thomas Holtzmann, Gert Voss, Peter Fitz, Hans-Michael Rehberg, die großen Theaterköpfe ihrer Zeit. Aber auch Jessye Norman, Erland Josephson, Michel Piccoli und Asmik Grigorian be­kommen ihren Auftritt. Und, als Einziger der Regisseure, Peter Stein, mit Stoffbahnen gefesselt in einer Kostümprobe zu „Agamemnon“.

Der letzte Akt der Ausstellung gehört Bruno Ganz. Mit ihm, der die Schaubühne für das Kino verließ, aber das Theater nie ganz aufgab, hat Ruth Walz jahrzehntelang zusammengelebt. In ihren Porträts lässt sie die Arbeitssituation am Bühnenrand hinter sich, ohne ihre szenische Intuition abzulegen. In einer Aufnahme, die Ganz mit Bo­tho Strauß in einem Restaurant in Subiaco zeigt, fällt das Sonnenlicht von schräg hinten auf sein Gesicht, sodass es aufleuchtet wie in ei­nem Gemälde von George de la Tour. Man könnte sich das Foto gut als Stillleben in einem Theaterstück von Strauß vorstellen, inszeniert von Peter Stein.

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Das Wort Lebenswerk kommt einem bei manchen Reportagefotografen übertrieben vor. Hier ist es am Platz. Denn Ruth Walz hat dem Theater nicht nur ihr Leben ge­widmet, sie hat ihm auch ein zweites Leben in ihren Bildern geschenkt. Man verlässt die Ausstellung mit dem Gefühl, in die Tiefe der Zeit geblickt zu haben. Das alles kommt nicht wieder. Aber hier tritt es noch einmal auf.

Ruth Walz: Theaterfotografie. Im Museum für Fotografie, Berlin; bis zum 13. Februar 2022. Der Katalog kostet 54 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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