Junge Künstlerinnen

Die Kunst dieses Moments

Von Niklas Maak
15.08.2022
, 20:48
Die Künstlerin Olga Hohmann
Olga Hohmann und Nora Turato gehören zu einer neuen Generation von Künstlerinnen, die jenseits von Gattungsgrenzen Ausdrucksformen für die Gegenwart finden.
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Vor einiger Zeit, der Sommer hatte gerade begonnen, trafen sich auf der Dachterrasse eines Neubaus in der Nähe des Berliner Kurfürstendamms ungefähr achtzig Menschen. Das Haus gehört zu den seltsamen Neubauten, die hier in den letzten Jahren errichtet wurden – beige Sandsteinfassade, Eingang mit viel Marmor, diskrete Aufzüge mit braun bedampften Spiegeln, in denen man gesünder und weniger gestresst aussehen soll, als man es vielleicht ist, unten ein paar Büroetagen und oben höllisch teure Wohnungen, in denen nie jemand wohnt, weil sie bloß als Wertanlage gekauft wurden. Irgendwie aber hatte es der Galerist von Olga Hohmann geschafft, eine dieser Theaterwohnungen für einen Abend zu ergattern, und so zog eine erstaunte Gruppe meist jüngerer Menschen wie ein ethnologischer Expeditionstrupp durch die Hallen des neuen Geldes bis hinauf auf die Dachterrasse, unter der sich Westberlin in seiner ganzen verkorksten Komplexität ausbreitete.

Der Abend hatte etwas von einem Geheimtreffen: Die Performance war nur irgendwo auf Instagram angekündigt worden, man musste davon gehört haben. Ein Gewitter zog auf, der Mercedes-Stern am Europa-Center drehte sich und leuchtete wie ein letzter Vertreter des deutschen Wirtschaftswunders gegen dunkler werdenden Himmel an – was ganz gut passte zu den Texten, die hier gleich vorgelesen werden sollten und die unter anderem von einem Deutschen handelten, der als Atomforscher in den Fünfzigerjahren nach Norditalien umzog, von seiner Nuclear Family und dem Leben seiner Enkelin, die im Westberlin der Neunziger- und der Nullerjahre aufwuchs.

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Jemand rief, dass es jetzt losgehe, eine Musikerin legte Toncollagen auf, die Gäste saßen eng gedrängt auf dem Fußboden, und die Künstlerin Olga Hohmann betrat den Küchenblock und begann ein paar Texte vorzulesen, die so überraschend und klug waren, dass man unwillkürlich daran denken musste, dass keine zweihundert Meter entfernt von diesem etwas käsigen Luxusneubau vor etwas weniger als hundert Jahren eine junge Dichterin namens Mascha Kaléko im Romanischen Café saß und Gedichte schrieb und vorlas, die noch heute mehr über den Zauber und die Abgründe des Berlins der Zwanzigerjahre erzählen als die meisten Geschichtsbücher.

Bildstrategien totalitärer Systeme

Olga Hohmann ist eines der gleichzeitig unsichtbarsten und meistbesprochenen Phänomene Berlins. Sie ist für solche halb klandestinen Auftritte bekannt; mal lädt sie ein zu Abenden in ihre Wohnung, an denen sie kocht und singt, mal baut sie irgendwo in Westberlin in einer Unterführung eine Bar auf und zeigt Kunstfilme, mal liest sie Texte in einer Investorenwohnung. Und man kann nicht genau sagen, ob das, was dort stattfand, nun nach den klassischen Kategorien, auf denen der sortierfreudige deutsche Kulturbetrieb oft so verbittert beharrt, eine Lesung und damit „Literatur“ oder eine Performance und damit „Kunst“ war.

Die Künstlerin Nora Turato
Die Künstlerin Nora Turato Bild: Desiré von den Berg

Vielleicht ist diese Gattungssprengung aber auch bezeichnend für eine neue Generation von Künstlerinnen, die sich um genau diese Trennungen nicht mehr scheren, die anders mit Sprache umgehen und das Schreiben als Teil einer erweiterten künstlerischen Praxis auffassen. Sie gehen dabei weiter als etwa die Generation von Barbara Kruger, die als Pionierin der Wortbilder, Textplakate und Künstlerbücher gilt und die Textstrategien von Massenmedien und Werbung in ihren Arbeiten spiegelte. Schon vor drei Jahren hatte die 1991 geborene Cemile Sahin im Literaturbetrieb Erfolg mit ihrem Roman „Taxi“, gleichzeitig gilt sie im Kunstsystem als eine der wichtigsten neuen Stimmen, die Narrative und Bildstrategien totalitärer Systeme auseinandernimmt.

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Die 1988 in Minneapolis geborene amerikanische Künstlerin Calla Henkel, die im vergangenen Jahr auf der Shortlist für den Preis der Nationalgalerie stand, hat einen gefeierten und spannenden Thriller geschrieben, der in Berlin spielt (und unter dem Titel „Ruhm für eine Nacht“ im September auch auf Deutsch erscheint, bei Kein & Aber) und gleichzeitig eine Meta-Erzählung ist über Aufmerksamkeitsökonomie und Formen von Bildproduktion und -rezeption.

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Ein großartiges Psychogramm der Bundesrepublik

Für ihre Auftritte und Ausstellungen im Centre Pompidou und im New Yorker MoMA international gefeiert wird die 1991 in Zagreb geborene, in Amsterdam lebende Nora Turato. Sie nimmt wie sonst kaum jemand die Sprache von Chatverläufen, SMS, Instagram-Posts und politischen Onlineartikeln auseinander und verarbeitet sie in ihren Performances, Videos, Gemälden und Büchern, in denen die Machtstrukturen und Ideologien, die sich in diesen Sprachfragmenten zeigen, ganz neu sichtbar werden. In ihrer Ausstellung „Govern Me Harder“ in New York zeigte sie vor Kurzem Gemälde im Historienbildformat, auf denen in einer grotesk überdesignten Pop-Art-Typographie Satzfragmente der bisher nicht bildwürdigen SMS-Kommunikationen und hingeplapperten Voice-Nachrichten präsentiert wurden, als seien sie die Schlüssel zum Verständnis der vom Mobiltelefon geprägten Gegenwart. Auf einem schwarzen Hintergrund findet man das Treibgut von Alltagskommunikationen und Songs, Telefonaten und Kalenderphilosophie; einmal steht dort „and i’m like dah dah dah dah is this right that blah blah blah? And he’ll say yes, but think of THIS“.

Im Buch, das in der Ausstellung verkauft wird, lesen sich die Texte, als ob jemand mit eingeschaltetem Mikrofon durch die Straßen von New York gelaufen sei und alle herüberwehenden Fragmente wie ein Echolot registriert und unkommentiert aneinandergehängt hätte: „Skinny jeans are so dead holy shit…That was fun…Truly infuriates me that a job isn’t enough. Have to do sick shit like investing… Are you talented or are you hot? A good question to ask yourself in the mirror every morning“. Turato singt und schreit bei ihren Performances diese Zitate, tritt angezogen als Businessfrau auf, wenn sie die Werbung für „Wearable Devices“, smarte Uhren und vernetzte Kopfkissen auseinandernimmt. Ihre Auftritte sind immer eine Art Verkörperung von Sprache.

Die Texte, die Olga Hohmann bei ihren Auftritten vorträgt, sind dagegen mehr geprägt von der Tradition der literarischen Beobachtungen der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts, von Siegfried Kracauer, Walter Benjamin und Mascha Kaléko; sie spüren den Seltsamkeiten und Abgründen der Gegenwart im Privaten wie im Politischen mit einem ganz eigenen erzählerischen Ton nach. Teile dieser Texte sind nun auch in einem Buch nachzulesen (Olga Hohmann, „The Overview Effect“, Textem Verlag, 276 Seiten).

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Die smoothietrinkenden, beziehungsgestörten Gentrifizierer

In 77 oft anekdotenhaften, blitzlichtartigen Kurzkapiteln wird einerseits die Geschichte des Großvaters der Erzählerin ausgerollt, der als Physiker für Euratom arbeitete und später an Parkinson erkrankte. Das Buch beginnt mit seinem Tod: Jahrelang wurde jedes Weihnachten ein Foto mit dem „geschrumpften Pa­triarchen“ in der Mitte angefertigt. Nach seinem Tod „schien das Familienfoto-Unterfangen seiner Funktion beraubt. Wir rafften uns trotzdem auf. Weil es nun kein Zentrum des Bildes mehr gab (der gestützte Greis), hielten wir nun das Weihnachtsgeschenk, das uns jeweils am fotogensten erschien, in den Händen – mein Onkel einen Weltatlas, meine Großmutter einen Rollkoffer, mein Vater ein Nackenkissen und ich eine riesige Glühbirne (die ich mir über den Kopf hielt).“ Schon dieser Anfang ist typisch dafür, wie sich über eine liebevoll-lakonische Schilderung einer emotionalen familiären Bildproduktion der Nebel eines alles durchdringenden Surrealismus legt, der von den absurden Dingen ausgeht, mit denen die Menschen sich ihrer Zuneigung versichern.

Die hier entfaltete Familiengeschichte ist ein großartiges Psychogramm der Bundesrepublik. „Mein Großvater arbeitete im Sicherheits-Departement des Zen­trums… Jeden Tag stellte er einen Super-GAU in Miniaturversion her, um diesen dann bestmöglich in den Griff zu bekommen“, heißt es in einem Kapitel. Das Buch erzählt von der fortschreitenden Krankheit; wie dem, der alles unter Kontrolle haben musste, sein eigenes Leben immer fremder erscheint. Der zweite Strang schildert auf eine mal lakonisch-zarte, mal kühl-absurde Weise das Leben der Enkelin in Berlin, die ein Dinosaurier-Ei für Kinder im Museumsshop kauft, das man in warmes Wasser legen muss, damit der Plastik-Dino schlüpft. Sie schenkt es ihrem Freund, schließlich liegt das Ei aber monatelang zwischen ihnen in ihrem Bett, als müssten die beiden es ausbrüten.

„The Overview Effect“ ist auch eine Versuchsanordnung, die Gegenwart mit den Mitteln der Teilchenphysik zu fassen zu bekommen und das Verhalten der Menschen wie ein physikalisches Experiment zu Nähe, Anziehung, Distanz und höhere Formen von Magnetismus zu beobachten. Es geht um Trennungen und Schlaflosigkeit, um einen Zahnarzt, der aus Schüchternheit nur in Floskeln spricht; um eine Frau, die sich an der Suche nach einer verloren gegangenen Gruppenreisenteilnehmerin beteiligt, bis sie merkt, dass sie selbst es ist, die vermisst wird; um die smoothietrinkenden, beziehungsgestörten Gentrifizierer des Gleisdreiecksparks, die wie Avatare „ihre Handlungen nur zu simulieren scheinen“, und um die Schrecken des alten Schlagers „Ich hab mich so an Dich gewöhnt“. Aus all diesen Bruchteilen schafft Olga Hohmann es, ein Bild der Stimmung der Gegenwart zu bauen und eine Geschichte des von Kontrollwünschen überformten, erkalteten Umgangs miteinander, der seine Ursachen auch im Politischen hat.

Man kann das alles als eine experimentelle literarische Erzählung aus dem Herzen der Bundesrepublik lesen oder auch als Teil eines größeren Kunstprojekts verstehen. Vor allem ist es eine neue Art, jenseits der klassischen Sparten die noch ungehobenen Phänomene der Gegenwart sichtbar und beschreibbar zu machen. Für den Kunst- und Literaturbetrieb ist diese neue Entwicklung eine gute Nachricht. Es passiert ja selten genug, dass eine Person beide Welten gleichzeitig in Aufruhr versetzt und neu belebt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Maak, Niklas
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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