Unesco hat entschieden

Mathildenhöhe, Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind Welterbe

24.07.2021
, 14:58
Blick auf die Mathildenhöhe mit Hochzeitsturm, Ausstellungsgebäude und Russischer Kirche.
Die Darmstädter Mathildenhöhe, die Kurorte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen werden in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Das entschied die UNESCO. Deutschland hat jetzt 47 Welterbestätten.

Die UNESCO hat das Jugendstilensemble auf der Darmstädter Mathildenhöhe und die drei deutschen Kurorte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen als neues Welterbe ausgezeichnet. Das zuständige Komitee der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (UNESCO) traf die Entscheidung am Samstag auf seiner laufenden Sitzung im chinesischen Fuzhou. Die UNESCO zeichnete Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen zusammen mit acht anderen europäischen Kurorten als „Große Bäder Europas“ als Welterbe aus. Das Komitee der UNESCO traf die Entscheidung auf seiner 44. Sitzung. Mit dem begehrten Titel werden nur Kultur- und Naturstätten von herausragendem universellen Wert ausgezeichnet.

Die „Großen Bäder Europas“ sind Kurorte, die vom späten 18. Jahrhundert bis ins frühe 20. Jahrhundert internationale Bedeutung erlangten. Natürliche Thermalwasser sind Grundlage einer Epochen übergreifenden Tradition der europäischen Badekultur. Zu den elf Kurstädten, die den Welterbetitel erhielten, zählen auch Spa (Belgien), Vichy (Frankreich), Bath (Vereinigtes Königreich) sowie Karlsbad, Franzensbad und Marienbad aus der Tschechischen Republik.

Im Stadtbild zeichnen sich die Kurorte bis heute mit Bauten aus, die auf medizinische, therapeutische und gesellschaftliche Funktionen ausgerichtet sind. „In diesen mondänen Stätten der Gesundheitspflege, der Muße und des geselligen Umgangs bildeten sich architektonische Prototypen und eine städtebauliche Typologie heraus, für die es keine frühere Parallele gibt“, teilte Baden-Baden zu der Nominierung mit.

Große Welt am Rand des Schwarzwalds: Baden-Baden ist bis heute ein Epizentrum des Mondänen.
Große Welt am Rand des Schwarzwalds: Baden-Baden ist bis heute ein Epizentrum des Mondänen. Bild: Laif

Die Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission, Maria Böhmer, begrüßte die Auszeichnung der deutschen Kurorte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen zusammen mit acht weiteren europäischen Bädern als neues Welterbe. „Mit ihrer Kurtradition und ihren städtebaulichen Besonderheiten bringen sie auf einzigartige Weise das Phänomen der europäischen Kurstadt zum Ausdruck“, sagte Böhmer am Samstag nach dem Beschluss des Unesco-Komitees.

„In den Kurstädten spiegelt sich Europa“

„Im Antlitz der heute ausgezeichneten Kurstädte spiegelt sich Europa“, sagte Böhmer. „Vielfalt und Einheit gehen hier Hand in Hand. Die Tradition der Kurbäder und ihre besondere Architektur, ihre Gemeinsamkeiten und Eigenheiten offenbaren sich hier wie nirgendwo sonst.“ Zur Auszeichnung der Darmstädter Mathildenhöhe sagte Böhmer: „Die Mathildenhöhe ist ein weltweit herausragendes Beispiel visionärer Gestaltungskunst". Künstlerinnen und Architekten hätten „hier an der Nahtstelle von Jugendstil und Neuem Bauen Pionierarbeit geleistet.“ Vierzehn Jahre lang, von 1901 bis 1914, sei die Mathildenhöhe eines der wichtigsten Zentren moderner Kunst und Architektur in Europa und der Welt gewesen. Vier internationale Ausstellungen trugen in dieser Zeit dazu bei, Architektur und Design in ein neues Zeitalter zu führen.

Der Welterbe-Antrag der Kurstädte war von Deutschland gemeinsam mit Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich und Tschechien erarbeitet worden.Die Tradition der Kur habe sich in Europa auf besondere Art herausgebildet, hob die UNESCO hervor. Rund um Heilquellen entstanden Kurstädte mit einem eigenen städtebaulichen Typus. Ihre Blüte erlebte die Bäderkultur zwischen 1700 und den 1930er Jahren. Das Wissen um die Heilkraft des Wassers wurden systematisch untersucht und angewandt. Von England bis Rumänien entstanden rund 1500 größere und kleinere Kurorte. Architekten von Rang wurden verpflichtet, Trinkhallen, Kurhäuser, Kolonnaden, Grand Hotels, aber auch private Villen und Sakralbauten für Glaubensgemeinschaften zu entwerfen. Hinzu kamen Kurgärten, Parks, Theater und Casinos.

Basilika als Vorbild: die Wandelhalle im Kurpark von Bad Kissingen.
Basilika als Vorbild: die Wandelhalle im Kurpark von Bad Kissingen. Bild: dpa

„Ich freue mich riesig für Baden-Baden“, erklärte Baden-Württembergs Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, Nicole Razavi (CDU), in einer Pressemitteilung. „Die Stadt kann wirklich stolz sein auf das, was sie zu bieten hat, und auf die Menschen, die sich für sie einsetzen.“ In Baden-Baden brach nach der Entscheidung Jubel aus. Viele der Zuschauer, die am Samstag im Kurpark die Entscheidung des UNESCO-Komitees live auf Leinwänden verfolgten, sprangen bei der Verkündung auf und jubelten, wie eine Sprecherin des Ministeriums sagte, die mit Ministerin Razavi vor Ort dabei war. Die Anspannung sei groß gewesen, denn das Komitee habe zuvor lange über ein anderes Thema gesprochen. „Die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste ist eine großartige Anerkennung für die Stadt“, erklärte Nora Waggershauser, Geschäftsführerin der Baden-Baden Kur- und Tourismus GmbH. Baden-Baden habe sich stets verantwortungsvoll ihrem Erbe als weltbekannte Kurstadt und Sommerhauptstadt Europas im 19. Jahrhundert gestellt. „Gleichzeitig hat sie es verstanden, ihre Werte nicht nur zu bewahren, sondern modern zu interpretieren und weiterzuentwickeln, so dass sie unmittelbar erlebbar sind.“ Vom Welterbe-Status erhoffe sie sich Chancen für den Tourismus - und das, obwohl Baden-Baden bereits international sehr bekannt sei.

Bad Kissingens Oberbürgermeister Dirk Vogel (SPD) sieht den Welterbetitel für die unterfränkische Kleinstadt als große Chance. Nun sei es leichter möglich, Unternehmen und Bürger für die Stadt zu gewinnen, „weil wir mit der Anerkennung nun in der Champions League in der öffentlichen Wahrnehmung deutscher Städte sind“, sagte er am Samstag in einem Videoclip, der auf der Webseite der Kommune zu sehen war. „Wir wollen kein Museum werden, sondern wir wollen gelebte Geschichte mit Anspruch hier in Bad Kissingen haben.“ Gebäude und Prachträume wie der Max-Littmann-Saal sollten nun auch für die Öffentlichkeit zugänglich sein, „dass man sie mehr erleben kann“. Welterbe zu sein bedeute Verantwortung und Chance zugleich.

In den tschechischen Bäderorten Karlsbad, Marienbad und Franzensbad wurde die Auszeichnung als UNESCO-Welterbe ebenfalls mit großer Freude begrüßt. Für ihre Stadt sei das ein „historischer Meilenstein“, teilte Andrea Pfeffer-Ferklova, die Oberbürgermeisterin von Karlsbad (Karlovy Vary), am Samstag mit. Es sei die Krönung mehr als zehn Jahre währender Anstrengungen. Der Bürgermeister von Marienbad (Marianske Lazne), Martin Kalina, hofft, dass Touristen nun vermehrt für längere Aufenthalte bleiben werden. Das sogenannte böhmische Bäderdreieck ist bekannt für seine warmen Mineralquellen, denen heilsame Eigenschaften zugeschrieben werden. In Karlsbad findet zudem alljährlich ein bedeutendes Filmfestival statt. Das 30 Kilometer entfernte Marienbad hatte es schon dem deutschen Nationaldichter Johann Wolfgang von Goethe angetan, der dort Anfang des 19. Jahrhunderts mehrere Sommer verbrachte. Franzensbad (Frantiskovy Lazne) bei Cheb (Eger) ist mit knapp 5500 Einwohnern der kleinste und westlichste Ort des Bäderdreiecks.

1100 Welterbestätten in 167 Ländern

Das Welterbekomitee tagt noch bis zum 31. Juli online und vor Ort. Es setzt sich aus 21 gewählten Vertragsstaaten der Welterbekonvention zusammen. Es entscheidet in der Regel jährlich über die Einschreibung neuer Kultur- und Naturstätten in die Welterbeliste und befasst sich mit dem Zustand eingeschriebener Stätten. Wegen der Pandemie war die Tagung im vergangenen Jahr verschoben worden. Auf der Welterbeliste stehen mehr als 1100 Kultur- und Naturstätten in 167 Ländern. 51 davon gelten als bedroht. Deutschland hat jetzt 47 Welterbestätten.

Auf der Tagesordnung stehen insgesamt fünf Bewerbungen mit deutscher Beteiligung: Darunter am Sonntag der Donaulimes als Teil der römischen Grenze. Am Dienstag soll es um das jüdische Kulturerbe in Mainz, Speyer und Worms und den Niedergermanischen Limes gehen

Quelle: FAZ.NET/dpa
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