Odo Marquard als Maler

Mit dem Pinsel philosophieren

Von Stefan Trinks
03.03.2018
, 20:34
Wie kompensiert man Kopflastigkeit? Der Philosoph Odo Marquard war auch ein begabter Architekturzeichner und Maler. Das zeigt eine Ausstellung in Gießen.

Odo Marquard, dem Philosophen und Sprachkünstler, ist seit heute eine Ausstellung seiner genuin künstlerischen Werke in der Universitätsbibliothek Gießen gewidmet. Aus dem Nachlass des 2015 Verstorbenen haben die Gießener Kuratoren insgesamt fast fünfhundert Zeichnungen, Pastelle und einige wenige Gemälde gesichtet und die besten davon thematisch zusammengestellt. Dass Marquard sich überhaupt mehrere Jahre lang in dieser Frequenz künstlerisch betätigte, war nur sehr wenigen Menschen bekannt – das war die erste große Überraschung. Dass aber diese Fülle an Werken nahezu durchgängig eine hohe künstlerische Qualität aufweist, sorgt nun in der Schau für das eigentliche Erstaunen.

Hier wird nicht mit dem zugegebenermaßen verlockenden Kegel „Der Philosoph als Künstler“ jongliert, schließlich spricht Marquards Biographie eine deutliche Sprache: Er studierte von 1947 an Philosophie, nicht Kunst. Er verfasste seine Dissertation wie auch seine Habilitation zu Grundfragen der Philosophie, er unterrichtete fast drei Jahrzehnte in Gießen, das Malen und Zeichnen aber gab er offenbar bereits während des Studiums fast vollständig auf. Allerdings ziehen sich ästhetische Fragen als roter Faden durch sein gesamtes Werk.

Das Sowohl-als-auch des skeptischen Philosophen

Unübersehbar wurde dies, als Marquard 1989 für „Aesthetica und Anaethetica“, gesammelte Aufsätze aus drei Jahrzehnten zu ästhetischen Fragen, dessen Titel seither von mehreren Autoren adaptiert wurde, ein Bild von eigener Hand aus dem Jahr 1960 wählte. Auf diesem umrandet er die Schiffe und Werftdächer mit breiten grauen und weißen Konturen und gleicht sie dadurch fast ununterscheidbar an. Die in der Binnenfläche völlig ungegliederten Farbflächen in ihrem stechenden Rot, Orange und Blau werden ausschließlich von den Konturen differenziert – eine Art Farbfeldmalerei mit gegenständlichem Inhalt.

Der Philosoph Odo Marquard an seinem Schreibtisch in Gießen.
Der Philosoph Odo Marquard an seinem Schreibtisch in Gießen. Bild: dpa

Es wirkt, als habe Marquard auch hier einen dritten Weg gesucht und gefunden, denn das Ergebnis vermag künstlerisch absolut zu überzeugen zwischen der dominierenden Abstraktion der Farbfeldmalerei seiner Zeit und einer farbexpressiven Gegenständlichkeit seiner Jugend: eine gegenständliche Abstraktion, ein Sowohl-als- auch, wie es für den skeptischen Philosophen charakteristisch war, der nie nur einen alternativlosen Weg oder eine allein gültige Auffassung akzeptieren wollte.

Gewohnt ironisch hat er selbst das Gemälde im Vorwort von „Aesthetica und Anaethetica“ in Anlehnung an kunsthistorische Klassifizierungen als „das letzte Bild des sogenannten ,frühen Marquard‘, zu dem es – auf dem Feld der Malerei und Graphik – einen späteren Marquard nicht mehr gegeben hat“ bezeichnet. Die Einschränkung, dass der spätere Marquard sich nicht mehr auf dem Feld der Malerei äußerte, erscheint wichtig, denn er hat offenbar seine künstlerische Betätigung auf anderen Feldern kompensiert. Philosophieren muss ihm eine Kunst mit anderen Mitteln gewesen sein und umgekehrt.

Er erwog ein Architekturstudium

Das Schlüsselwerk von höchstem Gestaltungswillen empfängt die Besucher gleich in der ersten Vitrine, die den zahlreichen Schiffen in Marquards Werk gewidmet ist. Als Sohn eines an der Ostsee aufgewachsenen Regierungsfischereirats gehören Boote und Schiffe so selbstverständlich zu seinem Bildinventar wie es bei Caspar David Friedrich der Fall ist. Nur dass sie bei Marquard in einer abenteuerlichen stilistischen Vielfalt über die Meere schaukeln: Immer wieder scheint, besonders in den Graphiken, das bewunderte Vorbild Rembrandt durch. Ebenso deutlich spürbar ist Marquards Begeisterung für den japanischen Linienzauberer Hokusai in den Dutzenden von Schiffen, die er zum Teil auch direkt in Dschunken verwandelt.

Schließlich kommt noch ein Faible für Feininger und die Orphisten hinzu, wenn er auf einem Aquarell von 1947 das Boot mitsamt der Brücke dahinter kristallin aufsplittern und kreisen lässt. Auch bei diesem gleichberechtigten Stilpluralismus gilt, dass es für Marquard einen einzigen verbindlichen Stil nicht geben konnte, seiner Überzeugung nach vielleicht auch nicht geben durfte. Was ihn von Beginn an erkennbar fesselt ist die Herkunft bestimmter Stile und ihre idealen Einsatzorte.

Hatte doch Marquard selbst wiederholt darauf hingewiesen, dass der „zentrale Zugang gerade zur Philosophie“ für ihn die Malerei und Architektur gewesen sei. Der zweite Schwerpunkt der Kabinettausstellung liegt daher auf den zahllosen Architekturentwürfen ab etwa seinem sechzehnten Lebensjahr. Marquard erwog ursprünglich sogar ein Architekturstudium. Er muss aber bereits in den Jahren 1944 und 1945 Kurse in technischem Zeichnen belegt haben, andernfalls wäre die souveräne Routiniertheit der Entwürfe nicht zu erklären. Eine äußerst funktionale „Tankstelle an der Reichsautobahn“ im Bauhaus-Stil, datiert vom 3. Januar 1945, zeugt ebenso davon wie seine teils vom ewigen Architektentraum „Falling Waters“ inspirierten Nobel-Chalets an Berghängen.

Architekturphantasien dunkler Zeit

Und wirklich trägt Marquards Villenphantasie „Siebenpunkt“ von 25. Dezember 1946 die Aufschrift „Herrn F.L. Wright gewidmet“. Bei den tektonischen Planungen aus den letzten beiden Kriegsjahren stockt dem Betrachter bisweilen der Atem. Zahllose Male baut der Heranwachsende, der von 1940 an in der von Herrmann Giesler errichteten Ordensburg Sonthofen Jahre seiner Jugend verbrachte, auf dem Papier Kriegermonumente. Dieser an einen Hang des Allgäus gebaute Adlerhorst scheint ihn nachhaltig fasziniert zu haben.

Aber auch monumentale Ehrenmal-Entwürfe im Stil von Wilhelm Kreis kehren als Motiv immer wieder. Marquard dürfte zu den wenigen Pennälern gehört haben, die ihrer Mutter eine Grußkarte mit Ordensburg darauf zum Muttertag verehrten. Hoch anzurechnen ist den Kuratoren, dass sie diese schwarzromantischen Architekturphantasien aus dunkler Zeit nicht ausließen, zumal der spätere Philosoph offenbar schon als Knabe eine gesunde Distanz eingenommen hatte scheint: Auf keinem der Entwürfe aus den Kriegsjahren finden sich die erwartbaren Hakenkreuze.

Stets kunstvoll komponiert wie Suiten

Es scheint ihm wirklich ausschließlich um die Architektur gegangen zu sein. Am augenfälligsten wird dies vielleicht am Pastell „Kap Norderney“. Der 1930 in Ziegelstein erneuerte sechseckige Unterbau in der Formensprache des staufischen Castell del Monte war damals ein weithin sichtbares gebautes Zeichen. Während das knapp ein Dutzend Mal in unterschiedlichsten Stilen ausgekostete Motiv in Marquards Graphiken trutzig-düster wirkt, erscheint es in Pastellkreide licht und wie ein Pendant zu Feiningers leuchtender „Kathedrale des Sozialismus“. Das bei dem originalen Bau auf dem Kopf stehende Holzdreieck lodert in der farbigen Fassung bewegt wie Flammen.

Anders als die Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz oder Charles Sanders Peirce, die zeitlebens ihre Manuskripte mit Randzeichnungen versahen und in diesen das Geschriebene auf vielfältige Weise wendeten, gibt es scheinbar keinen direkten Zusammenhang zwischen den nun in Gießen zu sehenden künstlerischen Zeugnissen Marquards und seinen philosophischen Schriften. Nach der endgültigen Entscheidung für die Philosophie malte er nur noch im Urlaub.

Und dennoch: Die Werke des selbsterklärten Transzendentalbelletristikers und Reflexionsartisten sind stets kunstvoll komponiert wie Suiten. Er schnitzte Neologismen wie ein Bildhauer. An mythologischer Erzählarmut leiden weder seine Aufsätze noch seine Architekturphantasien. Marquards fast immer positiv unzeitgemäße Beobachtungen abseits des Mainstreams verdanken sich auch dem geschärften Blick beim bildnerischen Festhalten seiner Umwelt, der sogenannten „Realität“. Denn bei aller Abstraktion im Detail bleiben seine künstlerischen Äußerungen immer gegenständlich-figürlich, ans reale Leben gebunden.

Odo Marquard. Bilder und Zeichnungen. Universitätsbibliothek, Gießen; bis zum 15. April. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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