Josephine Baker ins Panthéon

Unorthodoxer geht es hier gar nicht

Von Marc Zitzmann
25.08.2021
, 19:51
Das Innere des Panthéons in Paris
Bald werden die sterblichen Überreste von Joséphine Baker ins Pariser Panthéon einziehen, dem Weihetempel der Französischen Republik. So jemand wie diese Tänzerin findet sich dort noch nicht.

Leichtgeschürzte Revuetänzerin und Adoptivmutter zahlreicher Kinder diverser Farben, bisexuell und buntgemischter Herkunft – Joséphine Baker (1906 bis 1975) weist auch auf den zweiten Blick nicht das Profil auf, um in den Panthéon aufgenommen zu werden, die letzte Ruhestätte der Französischen Republik für ihre „grands hommes“ („homme“ hier im Sinne von „Mensch“, nicht von „Mann“ – wobei letztere Bedeutung angesichts des kärg­lichen Kontingents „pantheonisierter“ Frauen unweigerlich mitschwingt). Dass der französische Präsident Emmanuel Macron die sterblichen Überreste der Sängerin eines Hits mit dem Refrain „J’ai deux amours, mon pays et Paris“ am 30. November in das laizistische Allerheiligste der Repu­blik überführen will, wie am Montag nach einem Bericht der Tageszeitung Le Parisien bestätigt wurde, mag durchaus verwundern.

Freda Josephine McDonald wurde 1906 als US-Bürgerin in Saint-Louis geboren und nahm erst 1937 die französische Staatsbürgerschaft an. Da war sie in ihrer Wahlheimat längst ein Star, hatte doch schon ihr erster Auftritt in der „Revue nègre“ 1925 das Pariser Publikum bezirzt. Spanisch-indianisch-afroamerikanischer Abstammung, übertrieb Joséphine Baker – so ihr Künstlername – gern die Züge, die Schwarzen damals zugeschrieben wurden – und geißelte auf diese Weise wortlos die rassistischen Stereotypen ihrer Zeit. „Sie spielt das komische Dummchen, schielt, bläst die Backen auf: Sie macht sich über die Zuschauer lustig, geht auf Distanz zu den Figuren, die sie auf burleske Art und Weise verkörpert“, befand der Historiker Pap Ndiaye, der an einem Buch über Baker arbeitet. Bloß mit rosafarbenen Federn oder einem Bananenröck­chen bekleidet, brachte die „wilde“ Charle­ston-Tänzerin nicht nur Voyeure zum Vibrieren, sondern auch Schriftsteller und bildende Künstler zum Jubilieren, namentlich solche aus dem Kreis der Surrealisten. Cocteau feierte den exotischen Revuestar als „Götzenbild aus Bronze, gebräuntem Stahl, Ironie und Gold“, Picasso gar als „Nofretete der Jetztzeit“.

Kein Lebenswandel fürs Panthéon

Bakers Lebenswandel war denkbar unorthodox. Neben fünf Ehemännern teilten zahlreiche Liebhaber und Lieb­haberinnen zeitweise ihr Leben und/oder Nachtlager (unter letzteren die Schriftstellerin Colette und die Malerin Frida Kahlo). Nachdem ihr aus medizinischen Gründen die Gebärmutter entfernt worden war, beschloss Baker gemeinsam mit ihrem vierten Gatten, dem Orchesterleiter Jo Bouillon, Kinder aus aller Herren Ländern zu adoptieren – lange vor Ange­lina Jolie und Brad Pitt. Die von 1954 an periodisch erweiterte „Regenbogenfamilie“ zählte nach zehn Jahren zwölf Sprösslinge aus Japan, Finnland, Kolumbien, Frankreich, Algerien, Côte d’Ivoire, Venezuela und Marokko (aus manchen Ländern brachte die Künstlerin nach Tourneen gleich zwei Kinder mit).

Joséphine Baker auf einem Programmheft, 1930
Klischee as Klischee can: Das Titelbild eines Programmhefts aus dem Casino de Paris, veröffentlicht um das Jahr 1930. Bild: Archiv

Das alles liest sich mehr wie Stoff für Boulevardblätter als wie ein Argumentarium für Bakers Pantheonisierung. Doch die Vita der Dame aus Missouri hat noch andere Facetten. Das Aufziehen des Kinderdutzends in einem Feenschloss in der Dordogne mag aus heutiger Sicht ein fragwürdiges Sozialexperiment evozieren – beziehungsweise die Spielstunden eines fünfzigjährigen Mädchens mit lebenden Puppen. Aber im Kern entspringt die Gründung ihrer Regenbogenfamilie einem humanistischen Gedanken: der Utopie einer „universellen Bruderschaft“ (Baker), in der Menschen aller Phäno­typen, Kulturen und Konfessionen friedlich koexistieren. Bakers lebenslanger Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Segregation in den USA und Apartheid in Südafrika zeugt seinerseits von einem politischen Engagement, das man bei einer Adeptin der leichten Musen nicht erwartet hätte. Endlich schlug sich die Sängertänzerin sogleich nach der deutschen Invasion als Résistance-Mitglied auf die Seite von Charles de Gaulles France libre – unter Frankreichs Revuestars auf weiter Flur allein.

Die Erste unter den Geehrten

Die im letzten Absatz beschriebenen Eigenschaften scheinen den Profilanforderungen an Pantheonisierte zu entsprechen; was davor erwähnt war, eher nicht. Doch ist das Verb „scheinen“ angebracht, sind die Kriterien für die Überführung der sterblichen Überreste eines großen Mannes, pardon: Menschen, in den Totentempel der Republik doch ebenso flau wie die Prozedur der Entscheidungsfindung und die Form der Zeremonie. Letztlich wird jede Pantheonisierung an vorangegangenen gemessen, wobei jüngeren dabei sicher größeres Gewicht zukommt als älteren. Eine Norm lässt sich so nur vage umreißen – immerhin zeigt die Statistik, dass der durchschnitt­liche Pantheonisierte ein weißer Mann ist, der in Paris geboren wurde und/oder gestorben ist und einen „soliden“, das heißt nichtkünstlerischen Beruf ausgeübt hat.

Joséphine Baker 1957 im Pariser „Olympia“
Legende ihrer selbst: Joséphine Baker am 27. Mai 1957 im Pariser „Olympia“. Bild: AP

Joséphine Baker gleicht diesem Phantombild gewiss nicht. Doch bei näherem Hinsehen erweist sich, dass etliche der achtzig seit 1791 Pantheonisierten von der Norm abweichen. Nehmen wir als erstes Unterscheidungsmerkmal die Leistungen, die den auf den Hauptgiebel des Totentempels gemeißelten Dank des Vaterlands rechtfertigen sollen – „aux grands hommes, la patrie reconnais­sante“. Henri Braille hat die Blindenschrift erfunden, René Cassin die Menschenrechtserklärung mitverfasst, Victor Schoelcher die Sklaverei abgeschafft, Simone Veil das Recht auf Abtreibung eingeführt – diese Verdienste und jene vieler anderer springen ins Auge. Doch jene fast aller 42 zwischen 1806 und 1815 pantheonisierten Stützen des napoleonischen Regimes sind weniger eklatant – nicht von ungefähr sagen uns ihre Namen kaum noch etwas. Und was soll man gar von dem Neuenburger Bankier Jean-Frédéric Perregaux denken, der in den neunziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts mit englischem Geld die junge Republik zu unterminieren suchte? Was von Lazare Carnot, einem Mitglied des Wohlfahrtsausschusses während der Terreur, das während des Bürgerkriegs in der Vendée 1794 – freundlich formuliert – keinen Finger rührte, um den Massakern der republikanischen „Höllenkolonnen“ ein Ende zu setzen? Was von dem Juristen Claude Ambroise Régnier, der 1803 einen Runderlass verfasste, um Eheschließungen zwischen Schwarzen und Weißen zu verbieten?

Apotheose einer neuen Republik

Ein zweites Kennzeichen ist das Geschlecht. Nur sechs Frauen finden sich bislang im Panthéon; die erste, die für ihre eigenen Verdienste (und nicht als gefügige Gattin eines Genies) aufgenommen wurde, war Marie Curie – im Jahr 1995! Drittens fungieren unter den Pan­theonisierten auch ein paar Ausländer: drei italienische Kardinäle und ein holländischer Admiral, die Napoleon mehr oder weniger freiwillig gedient hatten. Ferner zwei Nichtweiße: Alexandre Dumas, Sohn eines Mulatten, dessen strubbeliges Kraushaar viele Zeitgenossen bespotteten; und Félix Éboué, in Cayenne als Nachkomme freigelassener Sklaven geboren, später als Gouverneur des Tschad einer von De Gaulles frühesten Parteigängern nach dessen „Appell vom 18. Juni“.

Wie diese Beispiele zeigen, liegt Emmanuel Macrons Wahl von Joséphine Baker am Rande, aber nicht außerhalb der Norm. Eine Diskussion, die der präsidentielle Entscheid nähren dürfte, war bereits 2013 durch Régis Debray angestoßen worden: In einem Aufruf für Bakers Pantheonisierung argumentierte der Pariser Publizist, unsere Zeit habe den Heroismus und die Selbstaufopferung kriegsversehrter Epochen durch Musik, Tanz, Körperkultur, sexuelle Befreiung und „die zunehmende Beteiligung von Abkömmlingen kolonisierter Völker an der Ausformung des französischen Wesens“ ersetzt. Schluss mit dem sakralen Getue, plädierte Debray, schlagen wir ein neues Kapitel auf, lassen wir Leichtigkeit und Phantasie zum Zuge kommen – auch und gerade im Panthéon!

Quelle: F.A.Z.
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