Schrecken der Moderne

Idyll mit ungebetenen Gästen

Von Hubert Spiegel
10.06.2021
, 19:34
Aufbruch ins Elend, Versprechen auf eine glückliche Zukunft: Eine Ausstellung im Wuppertaler Von der Heydt-Museum zeigt „Vision und Schrecken der Moderne“.

Hinter dem Rücken des Biedermeiers tobten die Dämonen der frühen industriellen Revolution. Während ein Spitzweg 1841 noch das bürgerliche Idyll des „Sonntagsspaziergangs“ feierte – väterlicher Schmerbauch vorneweg durchs leuchtende Getreidefeld, Frau und Kinder wie gehorsame Gänseküken dicht hinter ihm –, zeigte der Kölner Weberssohn Wilhelm Kleinenbroich nur vier Jahre später eine intime Szene ganz anderer Art. Ein Zeitungsleser hält in der Lektüre inne, schaut zur Seite, den Kopf in die Hand gestützt – und weint. Es sind die Tränen einer neuen sozialen Klasse, die hier fließen. Kleinenbroich nannte sein Bild „Der Proletarier“.

Mit dem Schraubstock der Karlsbader Beschlüsse hatte Metternich 1819 das politische Leben fixiert und zum Stillstand verdammt. In sozialer und ökonomischer Hinsicht indes gerieten die Verhältnisse an manchen Orten in heftigste Bewegung. Barmen, wo Friedrich Engels 1820 geboren wurde, gehörte schon damals mit etwa 20 000 Einwohnern zu Preußens Großstädten, aber 1861 waren es bereits fünfzigtausend Menschen, die hier lebten. Das Textilgewerbe hatte dem Tal der Wupper Wohlstand beschert, Dampfmaschinen und Frühindustrialisierung brachten ihm zusätzlich Armut und Elend. Während zahlreiche Haushalte verelendeten, wuchsen die großen Vermögen weniger Familien, die nach dem Vorbild der Aristokratie eine ausgeklügelte Heiratspolitik betrieben. Im Tal nannte man sie die „Meistbeerbten“. Von Künstlern wie Heinrich Christoph Kolbe oder Fritz Roeber ließen sie sich verewigen.

Das Blut der Armen

Die sozialen Unterschiede waren groß und wurden beklagt: „Oh, rühmet mir nicht einseitig das Glück dieses Tals“, mahnte 1828 Adolph Diesterweg. „Ich sehe nur allgemeinen Jammer und schleichendes Elend neben einigen scheinbar Glücklichen, welche sich durch das Blut der Armen, durch die Arbeit der Kinder bereichern. Auch sie sind nicht wirklich glücklich, wenn sie menschlich denken.“ Anderen war die Kluft zwischen Arm und Reich noch nicht tief genug.

„Vision und Schrecken der Moderne“ ist die Ausstellung im Von der Heydt-Museum überschrieben; „Industrie und künstlerischer Aufbruch“ lautet ihr Untertitel; ihr Anlass war der zweihundertste Geburtstag von Friedrich Engels im vorigen Jahr. Sie umfasst etwa 150 Arbeiten, Gemälde, Skulpturen, Grafiken und Fotografien, aus der Zeit des frühen neunzehnten Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Nur etwa zwanzig Leihgaben zählen dazu, alles Übrige stammt aus den eigenen Beständen des Museums, die ihren Ursprung in der Stiftung einer Wuppertaler Familie haben: die von der Heydts waren indes nicht in der Textilbranche, sondern im Bankgeschäft.

Banken haben keine Schlote. Im Weichbild einer Stadt sind sie anders als Fabriken kaum zu erkennen. Im Jahr 1867 soll der Rauch aus 290 Schornsteinen von Dampfmaschinen den Himmel über Wuppertal verdunkelt haben. Auf seiner Ansicht von Elberfeld bringt Hermann Würz die Insignien der Industrialisierung wie Eisenbahn und Fabrikgebäude noch mühelos in Einklang mit Spaziergängern, spielenden Kindern und einem alles ins Auge fassenden Mönch. Dass es Probleme etwa mit schlechtem Trinkwasser gab und soziale Unruhen wie den Textilarbeiterstreik von 1855 im benachbarten Kreis Lennep, ist hier nicht zu ahnen.

Der Arbeiter, der vielfach vierzehn Stunden täglich arbeiten musste, wurde zur Elendsgestalt, erfuhr aber auch Verklärung und Idealisierung, wie die Ausstellung mit Skulpturen wie Bernhard Hoetgers „Tauzieher“ (1902), Meuniers „Hammerschmied“ (1890) oder Lehmbrucks „Steinwälzer“ (1904) zeigt. Der arbeitende Körper wurde ästhetisch idealisiert, doch die heroische Pose verweist oft auch auf ein proletarisches Selbstbewusstsein, die wichtigste Errungenschaft der aufkommenden Arbeiterbewegung.

Die Teufel im Maschinenraum

Darstellungen industrieller Anlagen arbeiten oft mit ähnlichen Versatzstücken: Schweiß, Muskeln, glühendes Metall, fliegende Funken sowie Räume und Maschinen, die allein durch ihre schiere Größe beeindrucken und faszinieren: Zyklopenwerkstätten im Schein nie erlöschender Feuer. Heinrich Kley, der für Krupp etliche Auftragsarbeiten ausführte, hat seine Darstellung einer Gießereihalle aus den Jahren 1912/13 um riesige Satyrgestalten bereichert, die ein Gelage feiern, flüssigen Stahl trinken, den Arbeitern im Weg sind, sie aber nicht zu bedrohen scheinen. „Die Krupp’schen Teufel“, wie das Gemälde heißt, sind eine Beschwörung der mythischen Urgewalten, die der Mensch entfesselt hat. In Kleys Maschinenhalle lagern ihre spitzohrigen, bocksbeinigen Allegorien am Boden wie ungebetene Gäste, unheimlich, unflätig und gekommen, so ist zu befürchten, um nie wieder zu gehen.

Es gibt viel zu sehen in dieser Wuppertaler Ausstellung: Grafiken von Käthe Kollwitz, Beckmann und Klinger, Landschaftsbilder von Marianne von Werefkin und Max Peiffer Watenphul, Franz Radziwills großartige Ansicht von Wilhelmshaven, Hans Baluscheks beklemmende Arbeiterinnen. Das Element des Utopischen repräsentieren Arbeiten von Wilhelm Seifert, Heinrich Hoerle und die Holzschnitte der „Zwölf Häuser auf Zeit“ von Gerd Arntz. In Hoerles „Denkmal der unbekannten Prothesen“ von 1930 kippen die Verheißungen einer Technik im Dienst des Menschen schon wieder langsam in die dystopische Richtung des seelenlosen Maschinenmenschen. Wilhelminische Hybridwesen ganz eigener Art sind die ein Jahrzehnt zuvor noch unter Weltkriegseindrücken entstandenen „Industriebauern“ von Georg Scholz. Die Präsentation dieser unheiligen Familie soll nicht nur bei Landwirten Empörung ausgelöst haben.

Engels und die Weber

Als Reichspräsident Friedrich Ebert 1921 die „Große Berliner Kunstausstellung“ mit den „Industriebauern“ besuchte, war Friedrich Engels ein Vierteljahrhundert tot. Bereits 1844, ein Jahr bevor seine Frühschrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ erschien, hatte der Sohn eines Baumwollfabrikanten aus Elberfeld über ein Gemälde geschrieben, das zu Beginn der Ausstellung gezeigt wird: Carl Wilhelm Hübners „Die schlesischen Weber“. Es stelle, wie Engels schrieb, der verzweifelten Armut der Weber den kaltherzigen Reichtum des Fabrikanten gegenüber und habe wirksamer für den Sozialismus agitiert „als hundert Flugschriften“.

Entscheidende Fortschritte erwartetete Engels gleichwohl nicht von der Kunst, sondern von anderer Seite: „Bis jetzt ist unser Bollwerk das Bürgertum, eine Tatsache, die den englischen Leser vielleicht befremden wird, falls er nicht weiß, dass diese Klasse in Deutschland viel weniger eigennützig, viel unvoreingenommener und intelligenter ist als die in England, und zwar aus dem einfachen Grund, weil sie viel ärmer ist.“ Mit anderen Worten und „zutiefst dialektisch“ gedacht, wie Herfried Münkler in seinem Beitrag zum ausgezeichneten Katalog der Wuppertaler Ausstellung schreibt: Die Reichen mussten noch reicher, die Schrecken der heraufziehenden Moderne erst noch größer werden, damit auch die Hoffnung auf ihre Überwindung wachsen konnte.

Vision und Schrecken der Moderne. Im Von der Heydt-Museum, Wuppertal; bis zum 25. Juli. Der Katalog kostet 24,50 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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