Der Maler Walter Swennen

Die Dichter jagen vergebens nach Bildern

Von Patrick Bahners
13.07.2021
, 23:12
Hier ist alles verhext: Der Fisch ist verhext, der Schädel ist verhext, der Trichter ist verhext, das Bild ist verhext. Walter Swennen malte „Untitled (Tête de mort, entonnoir)“ 1987.
Im Wettstreit mit der Sprache: Das Bonner Kunstmuseum zeigt den belgischen Maler Walter Swennen, dessen Bilder der Beschreibung spotten wie der sprichwörtliche Elefant im Raum.

Hier geht’s rein: Ein kleiner weißer Pfeil, der von oben nach unten zeigt, markiert in der linken oberen Ecke von Walter Swennens Gemälde „Labyrinthe“ aus dem Jahr 2015 den Eingang zum Irrgarten. Der Hinweis wäre nicht nötig gewesen, denn nur links oben tut sich im äußersten der verschachtelten Quadrate, dessen linke Kante mit dem Bildrand zusammenfällt, eine Lücke auf. Rechts und unten ist der Zugang verbaut. Man sieht das zwar erst, wenn man das Labyrinth studiert beziehungsweise, was dasselbe ist, den Plan des Labyrinths. Aber der Pfeil ist schon deshalb eine überflüssige Zutat, ein Ornament, das die Harmonie der quadratischen Anlage stört, weil eine viel auffälligere Markierung dem Auge des Betrachters den Weg ins Innere des Komplexes weist. Eine rote Linie führt von der linken oberen Ecke des Bildes zur rechten unteren, knickt dann ab und verläuft weiter bis zur Mitte der unteren Begrenzung, um dort die Richtung umzukehren und nach einem weiteren Knick in einer Sackgasse zu enden.

Wer sich in dieses Gebilde hineinbegibt, läuft gegen eine Wand: So sieht es aus. Freilich ist der rote Faden eine falsche Fährte. Hätte Swennen seinen Pinsel an der ersten Lücke im zweiten Geviert vorbeigeführt oder hinter der Öffnung nicht die linke, sondern die rechte Seite gewählt, hätte er weiter ins Innere vordringen können. Wenigstens um einige Ebenen, Stufen, Grade wäre er dem Zentrum näher gekommen, bevor allerdings auch diese imaginäre Erkundung wie die mit Signalfarbe festgehaltene an der Undurchlässigkeit einer Innenwand gescheitert wäre. Das zweitinnerste Quadrat erlaubt keinen Durchgangsverkehr.

Defekt, 2010
Defekt, 2010 Bild: © VG Bild-Kunst Bonn, 2021 Foto: HV-studio, Brüssel

Die Draufsicht, als die wir unsere Perspektive interpretieren, lässt daran keinen Zweifel zu, erübrigt den Streit der Ansichten. Denn ein Labyrinth ist nichts anderes als sein Grundriss, ob die Wände nun aus Hecken bestehen, aus Ziegeln oder wie in Swennens Gemälde aus weißer Farbe auf blauem Grund. Es ist ein vollständiges System von Informationen. Jede Lücke spricht für sich, keine verlangt nach Ausfüllung mit Interpretation. Macht diese Selbstbezüglichkeit das Labyrinth nicht zum perfekten Bild für das Bild? Sollte das die Lösung des Rätsels sein, das Swennen uns mit diesem Bild aufgibt? Das Bild ist das, was es zeigt.

Bei Comic und Zeichentrick abgemalt

Swennen, der 1946 in Brüssel geboren wurde und erst 1980, nach psychoanalytischen Studien und poetischem Aktivismus im Kontext von Beat und Happening, mit dem Malen anfing und jetzt in Bonn seine erste Museumsretrospektive erhält, pflegt einen Duktus des Hingeworfenen. Der Unterschied von Entwurf und Ausführung scheint eingeebnet.

Einen starken Kontrast zur diffusen, fahrigen Malweise bildet die Bestimmtheit des thematischen Materials. Swennen arbeitet mit Versatzstücken, die etwas bedeuten, die aus der Sphäre der populären Kultur ihre Bedeutung mitbringen oder wenigstens die Überdeutlichkeit, die eine feste Bedeutung verheißt. Das können Comic- und Zeichentrickfiguren sein, grafische Chiffren aus dem Illustriertenwitz wie der Springteufel, Klischees der Reklame, Markenzeichen von Künstlerkollegen wie Mondrians Farbauswahl – oder sehr häufig auch Wörter.

Light of Moke, 2017
Light of Moke, 2017 Bild: © VG Bild-Kunst Bonn, 2021 Foto: HV-studio, Brüssel

Man hat dann etwas vor sich, das wie ein Rebus aussieht. Das kombinatorische Vermögen wird herausgefordert, nur glaubt man nicht so recht, dass Entschlüsselung der Sinn der Übung sein könnte. Die Bilder ahmen die Sprache nach, geben aber offenbar etwas anderes zu verstehen. Zu den für Swennen charakteristischen Gesten einer Rhetorik zielloser Verknüpfung liefert das Piktogramm des Labyrinths als Inbegriff der Geschlossenheit das vollkommene Gegenbild. Daher sei bei diesem besonderen Bild eine didaktische Auslegung gewagt.

Ein Elefantengedächtnistest?

Man kann dem Pfeil folgen und sich das Labyrinth Schritt für Schritt erschließen, ohne im Voraus wissen zu können, wo man umdrehen muss und wo es gar nicht mehr weitergeht: Das ist der lineare Weltzugang der Sprache. Oder man sieht das ganze Gewirr gleichzeitig: Das ist die Erkenntnisform des Bildes.

Im unzugänglichen Zentrum von Swennens Labyrinth befindet sich ein Elefant. Sollte der Maler auf die Redensart vom Elefanten im Raum anspielen? Die Sprache kann Abwesendes bezeichnen und sogar von Wesenheiten sprechen, die mit ihrem moralischen Gewicht unsere ganze Lebenswelt ausfüllen. Aber so imposant das in dieser Art Beschriebene ist, es bleibt unsichtbar. Umgekehrt kann ein Bild nur Sichtbares zeigen. Was es darstellt, stellt es anwesend dar. Zwar kann man auch im Bild eine Unterscheidung zwischen Sache und Zeichen (Bild im Bild) machen, aber ob sie verstanden wird, ist eine Sache der Konvention.

Untitled (Philip Guston), 1985
Untitled (Philip Guston), 1985 Bild: © VG Bild-Kunst Bonn, 2021 Foto: HV-studio, Brüssel

Es ist Swennens Bild nicht zu entnehmen, ob der Elefant im innersten, kleinsten Quadrat ein ausgewachsenes Exemplar sein soll oder vielleicht nur ein Zettel mit dem Bild eines Elefanten. Das Tier ist schematisch wiedergegeben, erinnert an eine Memory-Karte. Es ist nicht von oben erfasst, allerdings ist das Diagramm des Labyrinths ohnehin nicht fotorealistisch gemeint. Jedenfalls ist dieser Elefant so klein wie der Raum, von dem er eingeschlossen ist. So ein Effekt ist nur im Bild möglich; in der Sprache ist der Elefant ohne Attribute immer etwas Großes.

Die Bezeichnung ist starr, die Zeichnung lebendig. Bei näherem Hinsehen löst sie sich in die Linien auf, aus denen sie besteht. Und so scheint bei längerer Betrachtung auch das Gitter des labyrinthischen Geheges zu zerlaufen. Immer mehr Informationen gibt das Bild preis, redundant und ambivalent, jeder Beschreibung spottend. Walter Swennens Malerei ist eine Welt der durch Reduktion erzeugten Überfülle. Man findet leicht hinein und nicht so leicht wieder heraus.

Walter Swennen, Das Phantom der Malerei. Kunstmuseum Bonn, bis 29. August. Kunstmuseum Den Haag, 2. Oktober bis 9. Januar. Kunst Museum Winterthur, 29. Januar bis 24. April. Der Katalog kostet 25 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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