Bayerische Monarchie

Majestät, genga S’ heim, Revolution is!

Von Hannes Hintermeier
15.07.2021
, 17:08
Blick in einen der Ausstellungsräume: Die Totenmasken von Franz Ferdinand von Österreich-Este und Herzogin Sophie von Hohenberg liegen in einer Vitrine.
Götterdämmerung: Das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg beschäftigt sich mit dem Ende der Monarchien. Die Besucher sollen die Perspektive der Herrschenden einnehmen.

Vor zehn Jahren war auf Herrenchiemsee die Bayerische Landesausstellung „Götterdämmerung“ über Ludwig II. zu sehen, eine kleine Sensation seinerzeit, hatte man doch Zugang zu einem Flügel des Prunkschlosses, der sich noch im nicht ausgebauten Rohzustand befindet. Die Fortsetzung der Schau sollte am gleichen Ort stattfinden, aber die Schlösser- und Seenverwaltung wollte der Pandemie wegen das Risiko wohl nicht eingehen. So entschied sich das zuständige Haus der Bayerischen Geschichte, sein vor zwei Jahren eröffnetes Regensburger Museum zu nutzen – Donau statt Chiemsee.

Seit der Eröffnung des Museums am südlichen Flussufer im Osten der Altstadt sind mehr als eine halbe Million Besucher gekommen, und die seit gut zwei Wochen laufende Schau „Götterdämmerung II“ hat bereits mehr als viertausend Besucher angezogen. Sie müssen erst einmal ins Dunkel: In tiefer Schwärze beginnt der unter Leitung der Kuratorin Margot Hamm entworfene Rundgang, zwei Begräbnisse bilden die thematische Klammer. Es beginnt mit den Bildern der Beisetzung des volksfernen Märchenkönigs im Jahr 1886, das ist auch das Jahr, in dem der Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 seine ersten Runden dreht.

Die Perspektive der Herrschenden einnehmen

Dann wird es hell, im Wortsinn, und der buchstabiert sich wie Siemens. Die berühmte Bogenlampe, die einst den Münchner Hauptbahnhof erhellte – ein gern genommenes Requisit auch anderer Landesausstellungen –, steht für den Aufbruch in eine neue Zeit, mit neuen Göttern. Das Gottesgnadentum der Monarchie gerät unter Legitimationsdruck, die Überväter heißen jetzt Darwin, Marx, Nietzsche, Freud, Einstein.

Anhand dreier Adelslinien – Sisi und ihre Geschwister in Possenhofen, die Münchner Wittelsbacher, Mitglieder des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha – führt die Schau am Beispiel von elf historischen Figuren durch drei Jahrzehnte bis 1921, als der letzte bayerische König abdankt, Ludwig III. Und sie tut es mit einem Blick von oben. Heutige bürgerliche Besucher sollen die Perspektive der Herrschenden einnehmen, denn das Volk war für manche von ihnen unfassbar weit weg. Mangelndes Einfühlungsvermögen ist auch Ergebnis einer starren Benimmregeln folgenden Aufzucht. Aber einzelne Frauen brechen doch aus diesem Korsett jahrzehntelanger Erstarrung aus, zuallererst natürlich der Publikumsliebling Sisi. Aus Wien hat man nicht nur Kleider der Kaiserin entliehen, sondern auch die Feile, mit der sie der italienische Anarchist Luigi Lucheni 1898 ums Leben brachte.

Ihre Schwester Marie, die schon im Alter von neunzehn Jahren die letzte Königin beider Sizilien gewesen ist, war stets für einen Skandal gut. Nach Exil-Stationen, unter anderem in Rom, bringt sie 1862 im Dominikanerinnen-Kloster St. Ursula in Augsburg eine außereheliche Tochter zur Welt. Beweise für diese Niederkunft gibt es selbstredend keine, nur Maries Aufenthalt ist bestätigt. Als Dank schenkt sie den Nonnen ein prunkvolles Kleid, das diese, da sie keine Verwendung dafür haben, zu einem Kleid für eine Madonnenfigur nebst Jesulein umarbeiten.

Aus ebenso ungewöhnlichem Holz geschnitzt war auch die gescheite Therese von Bayern, die Tochter des Prinzregenten Luitpold. Sie ging allen Vermählungsversuchen aus dem Weg und lebte stattdessen das Leben einer Junggesellin und Forschungsreisenden. Aus Südamerika brachte sie ein Gürteltier mit, das dann frei in der Münchner Residenz herumlief (in der Ausstellung dient „Gustl“ als Leittier für Kinder). Dass Therese von Bayern bis heute das einzige weibliche Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ist, ist eine andere Geschichte.

Gespenstische Filmaufnahmen von der Beisetzung Ludwigs III.

Arno Kraehahn hat eine sphärische, mit Wagneranklängen versetzte Hintergrundmusik komponiert, und zusammen mit der Ausstellungsarchitektur von Duncan McCauley wird museographisch diesmal eine wohltuend neue Handschrift sichtbar. Das Berliner Studio löst die Aufgabe, Kabinette zu schaffen, um die einzelnen Figuren halbwegs intim zu präsentieren, geschickt mit Glas: So ergeben sich Durchblicke, die nicht nur der Orientierung im Raum dienen, sondern auch das Farbkonzept nachvollziehbar machen – die Orientierungspfeile am Boden lenken auf ein räumlich immer enger werdendes Finale zu: Attentate auf Mitglieder des Hochadels nehmen zu, die Stimmung kippt, Revolutionszeichnungen aus der Pariser Zeitung Le Petit Journal flackern auf rotem Hintergrund. Im Englischen Garten in München soll im November 1918 ein Schutzmann den spazierenden König Ludwig III. aufgefordert haben: „Majestät, genga S’ heim, Revolution is!“

Im Jahr vor dem Ausbruch des Weltkriegs wird noch einmal ausgiebig gefeiert, Christopher Clarks Schlafwandler-These findet hier ihren Niederschlag. 1913 dann die Kaiserfeier am 25. August in der Kelheimer Befreiungshalle, in jenem Jahr lässt sich Prinzregent Ludwig zum König krönen, gleichwohl sein geisteskranker Bruder Cousin, dem der Thron zustünde, noch immer in Schloss Fürstenried interniert ist. Als Ludwig III. träumt der Endsechziger im Ersten Weltkrieg von territorialen Zugewinnen Bayerns.

Stattdessen kollabieren das deutsche Kaiserreich, die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und das Zarenreich. Das Zarenpaar und dessen Kinder zahlen mit dem Leben, die anderen gekrönten Häupter überleben, gehen ins Exil oder können auf ihren Schlössern bleiben. Zuletzt untersucht die Schau am Beispiel sieben europäischer Herrscher, wie unterschiedlich deren Umgang mit dem unabwendbaren Ende war. Kaiser Wilhelms II. Verdacht, alle Adeligen stünden auf der Abschussliste, hatte sich erhärtet, freilich wollten nicht alle umstandslos loslassen, manche wollten ihren Thron wieder, alle wollten finanzielle Entschädigung.

Die Filmaufnahmen von der Beisetzung Ludwigs III. anno 1921, da war Bayern schon Republik, sind gespenstisch. Nicht nur, weil Mitglieder des monarchietreuen Geheimbundes der Guglmänner mitmarschieren, auch weil die Stahlhelme der Soldaten wie ein Vorverweis auf das „Dritte Reich“ wirken. Ludwig III. hat übrigens nie auf den Thronanspruch verzichtet. Sollte es also nicht so kommen, wie es der damalige CSU-Generalsekretär Erwin Huber vor bald dreißig Jahren als Ziel ausgab, dass seine Partei so lange wie die Wittelsbacher regieren wolle, nämlich 738 Jahre, dann stünden vermutlich neue Regenten aus dem Haus Wittelsbach zur Verfügung.

Götterdämmerung II. Die letzten Monarchen. Haus der Bayerischen Geschichte, Regensburg, bis zum 16. Januar 2022. Der Katalog kostet im Museum 24 Euro.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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