Naturhasser-Ausstellung

Der Weltuntergang ist halb so schlimm

Von Thomas Thiel
11.07.2021
, 09:09
Für die Nachwelt: die Totenmasken von Franz Liszt, Richard Wagner, Rosalie Raabe, Ludwig Devrient und Friedrich Schiller (von rechts nach links) sind Teil der Ausstellung im Schillermuseum.
Die Weimarer Ausstellung „Ich hasse die Natur“ behandelt das Verhältnis von Natur und Mensch. Es dauert lange, bis man das erste Stück „echter“ Natur zu sehen bekommt. Hier kommen nur Fatalisten auf ihre Kosten.

In der Debatte über den Klimawandel gehört es in manchen Kreisen zum guten Ton, die Menschheit als eine Art Schleimpilz zu betrachten, der den blauen Planeten befallen habe und hoffentlich bald wieder von dort verschwinde. Die Zeit nach dem Menschen erscheint als letzte Utopie einer an sich selbst müde gewordenen Gattung. Ob dies nun technologisch als Zeitalter autonomer Maschinen – die immerhin aus „unserer“ Werkstatt hervorgegangen sind – oder als planetare Waldeinsamkeit ausgestaltet wird, ist schon nicht mehr so wichtig. Hinter animierter Technik und beseelter Natur lauert der gleiche Objektivismus, der zur Selbstpreisgabe drängt.

Goethe mochte keine Brillen. Mehr noch: er hasste sie. Am liebsten wollte er Brillenträgern, wie er Eckermann sinngemäß mitteilte, das Gestell von der Nase reißen. Der Weimarer Dichter war ein Fanatiker der sinnlichen Anschauung: Zwischen Auge und Natur durfte sich kein Blatt schieben. Als Greis steckte Goethe seine ganze Kraft in den Kampf gegen Newtons Optik. Wenn die naturgesetzliche Sicht auf die Natur gewönne, würde uns nicht nur die äußere Natur fremd, sondern auch die innere. „Das Sein, die Natur. Man reißt ihr keine Erklärungen vom Leib. Ich vertraue mich ihr an. Ich preise sie in allen ihren Werken.“

Bild einer angefressenen Kultur

Wie man weiß, hat Newton den Kampf gewonnen. Die Natur zerfiel in immer mehr Perspektiven und Expertisen. Der Dichter wurde zum Fachmann für das, was sich dem objektiven Zugriff entzieht: das Ephemere, der Sinn. Seit der ökologischen Wende wurde Natur darüber hinaus vom Phänomen zur Ressource, die im Hinblick darauf betrachtet wird, was sie den Menschen bringt oder wie sie ihnen schaden könnte. Was hat uns die Dichterstadt Weimar naturkundlich noch zu sagen?

Der Blick in die Zukunft gerät im Schiller-Museum Weimar fatalistisch: „Library“ von Lori Nix, 2007.
Der Blick in die Zukunft gerät im Schiller-Museum Weimar fatalistisch: „Library“ von Lori Nix, 2007. Bild: Kathleen Gerber

Auch das dortige Schiller-Museum ist zurzeit von einem künstlichen Schleimpilz befallen. Er stammt von dem Künstler André Molkenthin und breitet sich an der Außenfassade des Kulturbaus aus. Die Wissenschaft, ist zu erfahren, erwartet große Erkenntnisse von diesem Zwitter zwischen Pflanze und Tier. Steckt in ihm mehr Zukunft als in einer Ode von Schiller? Das wird man in der Ausstellung, die das Verhältnis von Natur und Mensch behandelt, nicht erfahren. Doch das Bild einer angefressenen Kultur setzt sich in den Innenräumen fort. Es dauert lange, bis man dort das erste Stück „echter“ Natur zu sehen bekommt.

Die Leben spendende Kraft der Natur wird ausgeblendet: Ausstellung „Ich hasse die Natur“ im Schiller-Museum Weimar.
Die Leben spendende Kraft der Natur wird ausgeblendet: Ausstellung „Ich hasse die Natur“ im Schiller-Museum Weimar. Bild: Schiller-Museum Weimar

Die Wildpflanzen, die das Künstler-Duo Birgit Severin und Guillaume Neu-Rinaudo für das Projekt „Erinnerung an eine Blumenwiese“ gesammelt und an kleine Fläschchen geheftet hat, um auf den Artenschwund in der industrialisierten Landwirtschaft hinzuweisen, wirken noch wie ein Mitbringsel aus dem Bioladen. Wenige Meter weiter ist ein von Käfern zerfressener Fichtenstumpf in ein Uhrenglas gepfropft. Man sieht solche kahlen Gerippe heute fast überall live aus den Wäldern herausstehen. Um das Museum herum blüht die pflanzliche Natur freilich wieder in satteren Farben als in den Sommern zuvor. In den Innenräumen ist sie hauptsächlich in Pixeln präsent.

Bei der Apokalypse vorne dran

In all den Schauen, die sich „Nach der Natur“ oder ähnlich nennen, hat man ja oft den Eindruck einer gewissen Voreiligkeit auf das Ende hin. In den Protest gegen Ausbeutung und Entfremdung mischt sich die Lust, auch bei der Apokalypse ganz vorne dran zu sein. Im Schiller-Museum ist der Thomas Bernhard entliehene Titel „Ich hasse die Natur“ Programm.

Wurde die Natur zunächst als Bedrohung wahrgenommen, so wird sie nun immer stärker vom Menschen beherrscht. Weil wir aber selbst ein Stück Natur sind, schlägt diese Herrschaft in Fremdheit gegenüber der Natur und uns selbst um. Der Glaube, Natur überwinden zu können, war schon immer Ideologie, insofern er die sterbliche Natur in uns vergaß. Der erste Teil der Ausstellung ist eine Art Vanitas-Tempel. Man sieht die letzten Arzneien von Goethe, den Krankenstuhl von Nietzsche, hört Simone de Beauvoirs Beschwerden über das Altern. Einer Hörfassung von „Wandrers Nachtlied“ ist ein Friedhofsbild unterlegt. Die Leben spendende Kraft der Natur wird ausgeblendet. Es gibt keinen Frühling, nur Herbst und Winter.

Der zweite Teil der Schau wendet den Blick auf die äußere Zerstörung. An den Kühen von Almut Linde wird deutlich, wie tief sich die industrielle Landwirtschaft in die Psyche eingegraben hat. Die Künstlerin befragte Angestellte einer Molkerei nach ihrer Lieblingskuh, die sie ohne Zögern benannten. Daneben stellt sie Tonbandaussagen, in denen die Kuh von derselben Person lieblos als Renditeobjekt abgehandelt wird.

Dichter mit Maulkorb: Der Gipsbüste Friedrich Schillers im Museum hat jemand eine Maske verpasst.
Dichter mit Maulkorb: Der Gipsbüste Friedrich Schillers im Museum hat jemand eine Maske verpasst. Bild: dpa

Neuere Versuche zur Renaturierung, ob in der Stadt oder auf dem Land, spart sich die Ausstellung ebenso wie Überlegungen zum ökologischen Umbau, der nutzlos wäre, wenn er nicht mit einer inneren Versöhnung einherginge. Die Hoffnung auf einen neuen Bund mit der Natur wird nicht ganz aufgegeben, man erfährt aber auch nicht, wie man den titelgebenden Hass auf sie überwinden soll.

Der Blick in die Zukunft gerät fatalistisch. Man sieht Ausschnitte aus Filmen, die einen dystopischen Blick in die Zukunft werfen und sämtlich von der Bereitschaft geprägt sind, leise von der Erde abzutreten. Jede Art habe ihre Zeit, sagt eine Kommentatorin im evolutionspsychologischen Fröstelton. So hat doch alles seine Ordnung. Der Untergang der Menschheit ist halb so schlimm. Man muss sich nur nicht so wichtig nehmen.

Danach kommt die Herrschaft der Wälder oder der Super-Maschinen, die nach ziemlich unscharf umrissenen Kriterien (und jedenfalls nicht unabhängig von natürlichen Ressourcen) die Macht übernehmen sollen. Das Kino bringt seit Jahren eine Flut solcher Katastrophenszenarien hervor. Doch noch ein Apfelbäumchen pflanzen?

Ich hasse die Natur. Im Schiller-Museum, Weimar; bis zum 26. September. Der Katalog kostet zehn Euro.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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