Gartenreich Wörlitz

Die Nymphe unter dem Vulkan

Von Andreas Kilb
15.08.2022
, 06:32
Ein gebautes Symbol für die Zähmung der wilden Natur und der bösen Triebe: die Insel Stein mit dem Vulkan und der Villa Hamilton im Park Wörlitz
Nach fast drei Jahrzehnten ist die Felseninsel Stein im Wörlitzer Gartenreich endlich ­fertig restauriert. Zugleich macht der Klimawandel der Welterbestätte zu schaffen. Doch die zuständige Kulturstiftung steckt in einer Krise.
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Wörlitz schwitzt. Über dem See, der das Herz des Gartenreichs bildet, brütet die Hitze. Der Wasserspiegel in dem flachen Gewässer ist um einen halben Meter gesunken, die Kanäle, die von hier aus zu den Teichen am Rand der weitläufigen Parkanlagen führen, sind für den Gondelverkehr gesperrt. An den Ufern wirbelt der Augustwind Staubwolken über dem verbrannten Gras auf. Die Buchen vor dem Wörlitzer Schloss, deren Vorgänger Goethe bei einem seiner Besuche gezeichnet hat, werfen ihre Blätter ab, aus den Baumgruppen auf der anderen Seite des Sees ragen Skelette vertrockneter Fichten und Kiefern. An der Felseninsel Stein haben die fallenden Wasser den Blick auf die Fundamente freigegeben. Nun sieht man, dass die Insel eben nicht auf Felsen, sondern auf Betonpfeilern ruht, die nach der Jahrtausendwende mit großem Aufwand unter ihre Bauten aus Findlingen und Ziegelsteinen gezogen wurden.

Es ist der dritte Sommer seit 2018, der Wörlitz die Dürre bringt. Zuvor, in den Jahren 2002 und 2013, wurde das Gartenreich zweimal vom Elbhochwasser heimgesucht, im ersten Fall verheerend, im zweiten Fall moderat. Seither aber deutet die Großwetterlage auf Austrocknung. Es ist ein Problem, mit dem Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, der Erbauer des Parks, vor zweihundertfünfzig Jahren nicht gerechnet hat. Schon kurz nach dem Beginn der Arbeiten in Wörlitz, im Frühjahr 1771, suchte eine Elbflut das nahe an den Flussauen gelegene Parkgelände heim. Zum Schutz der Anlagen ließ der Fürst einen Deich aufschütten, auf dem drei der schönsten Gebäude des Gartenreichs entstanden, das Pantheon, der Venustempel und die Luisenklippe. Doch vom Treibhauseffekt und der drohenden Versteppung Mitteleuropas konnte er nichts ah­nen. Sein anhaltinisches Parkparadies ist auf verlässlichen Regen gebaut.

Hier wurde Goethes „Iphigenie“ aufgeführt: das Amphitheater auf der Insel Stein
Hier wurde Goethes „Iphigenie“ aufgeführt: das Amphitheater auf der Insel Stein Bild: KsDW/Bildarchiv/Heinz Fräßdorf/Peter Dafinger

So entblößt der Klimawandel die Achillesferse des Wörlitzer Gartenreichs: seine Größe. Mit hundertzwölf Hektar Fläche ist es eine der ausgedehntesten europäischen Parkanlagen. Ein Terrain von solchen Ausmaßen lässt sich nicht künstlich bewässern. Deshalb trifft jeder Hitzesommer den Welterbe-Park in seiner Substanz. Bereits 2018 mussten Hunderte Bäume gefällt werden. Zudem untergräbt die Einschränkung des Gondelbetriebs die finanzielle Basis der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, die das Gelände verwaltet. Zwar besuchen jährlich eine Million Menschen den Park, aber nur ein Bruchteil von ihnen zahlt Eintritt in ei­nes der Museumsschlösser oder löst ein Ticket für eine Bootsfahrt. Dennoch sind ihre Beiträge ein unverzichtbarer Teil des Stiftungsbudgets.

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So gesehen steht das Wörlitzer Gartenreich vor der größten Herausforderung seiner langen Geschichte. Doch an diesem Augustvormittag wird in Wörlitz gefeiert. Im Römischen Amphitheater auf der Insel Stein ist ein Rednerpult aufgebaut, am Ufer gegenüber stehen Zelte und ein Büffet. Nach siebenundzwanzig Jahren ist das En­semb­le der Insel mit seinen Grotten, Laubengängen, Bootsanlegern, der Villa Ha­mil­ton und dem künstlichen Vulkan auf der Spitze endlich fertig restauriert. Den Schlussstein der Arbeiten bildet die Ufergrotte der Nymphe Egeria, deren Liegestatue jetzt wieder im alten Marmorglanz erstrahlt. Der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Reiner Haseloff, zu dessen früherem Wahlkreis Wörlitz gehört, lässt es sich nicht nehmen, das vor der Grotte gespannte Stoffband persönlich durchzuschneiden. Am Büffet spricht ihn ein früherer Stiftungsmitarbeiter an: Der Vulkanschlot zeige nach letztem Ausbruch von 2019, bei dem zu viel Pyrotechnik verwendet wurde, Risse. Haseloff sagt, er werde sich kümmern, dann fährt er ab.

Der Schlussstein der Restaurierungsarbeiten: die Grotte der Nymphe Egeria
Der Schlussstein der Restaurierungsarbeiten: die Grotte der Nymphe Egeria Bild: kil.

Auf alten Fotos kann man erkennen, wie die Restauratoren die Insel Stein buchstäblich vor dem Versinken im Schlick be­wahrt haben. Nach dem Ende der DDR war das vielteilige Bauwerk durch Regen- und Seewasser bis auf die Grundmauern angegriffen. Seit den späten Neunzigerjahren wurde es mit Bundes- und Landesmitteln dann abschnittsweise von unten nach oben sa­niert. Eine wichtige Etappe war die 2012 abgeschlossene Wiederherstellung der Villa Hamilton mit ihren drei klassizistischen Salons, die Fürst Franz nach dem Vorbild des Liebesnests errichten ließ, das der britische Gesandte William Hamilton mit seiner vielgerühmten Mätresse Emma im Golf von Neapel bewohnte. Schon sieben Jahre zuvor war der Inselvulkan, mit dem der Fürst seiner Italiensehnsucht die Krone in Gestalt eines privaten Vesuvs aufsetzte, zum ersten Mal wieder ausgebrochen. Vor der Corona-Pandemie brachte das Spektakel mit bengalischen Fackeln und rot angestrahlten Wasserstrahlen alle zwei Jahre ei­nen dringend benötigten Geldsegen in die Kassen der Wörlitzer Kulturstiftung.

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Der Zauber des Gartenreichs liegt trotz fehlender Mauern und Pforten zu den um­gebenden Elbauen und Gemüsefeldern in seiner Abgeschlossenheit. Noch einmal in­sze­niert sich hier das Weltbild des aufgeklärten Absolutismus in seiner Pracht und Ge­schichts­ferne. Goethe ahnte etwas davon, als er 1778 bei seinem zweiten Aufenthalt in Wörlitz schrieb, „die Götter“ hätten es dem Fürsten Franz erlaubt, „einen Traum“ um sich herum zu schaffen. Das Geschenk der Götter war eine in Deutschland selten erlebte Friedenszeit. Als 1769 die Arbeiten an Park und Schloss begannen, lag der Siebenjährige Krieg, der Anhalt-Dessau knapp verschont hatte, erst sechs Jahre zu­rück; als sie 1794 endeten, war die Französische Revolution auf ihrem Höhepunkt. Schon wenige Jahre später zogen die Heere Napoleons durch die Region.

Ein Tempel des Klassizismus: die Innenräume der Villa Hamilton
Ein Tempel des Klassizismus: die Innenräume der Villa Hamilton Bild: KsDW/Bildarchiv/Heinz Fräßdorf/Peter Dafinger

Doch in Wörlitz steht kein Tempel für den Kriegsgott Mars. Die Waffenschmiede des Vulkans ist in eine Grotte unter dem Venusheiligtum verbannt. Die Statuen und Bauten, darunter auch eine Synagoge, die im Nationalsozialismus entweiht wurde, sind den Göttern der Weisheit und Fruchtbarkeit gewidmet, das Mittelalter mit der „Grotte des Einsiedlers“ in eine dunkle Ni­sche verbannt. Als der Fürst merkte, dass seine „bösen Triebe“ bei seiner gebildeten und eigensinnigen Gattin Luise keine Be­frie­di­gung fanden, ließ er seinen Leibarchitekten Erdmannsdorff ein bewusst ar­chai­sie­ren­des Bauwerk errichten, das Gotische Haus, in dem er außer Sichtweite der Fürstin mit seiner bürgerlichen Ge­lieb­ten weilte. Kein Lustschloss, kein Trianon sollte die erlesene Harmonie von gebändigter Natur und idealisierter Antike stören.

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Nur die Insel Stein setzt einen anderen, verwirrenden Akzent. Ihr Naturbild ist das eines Vulkankegels, dessen Schlot wie ein Ausguck über den trutzigen Findlingsmauern thront. Auf der Rückseite, in der Villa Hamilton, werden Begierden beschworen, die dem „Thier in uns“, wie Fürst Franz es nannte, näher sind als der an den Wänden hängenden Klassik. Emma Hamilton, die Gefährtin und spätere Ehefrau von Sir William, war die Josephine Baker ihrer Zeit, ihre Paradenummer der Nymphentanz im durchsichtigen Schleierkleid. Goethe, der ihre Schönheit banal fand, schreckte auch vor dem Vulkanausbruch zurück, den der Fürst zu seinen Ehren veranstaltete, als er sein Freilufttheater mit einer Aufführung der „Iphigenie auf Tauris“ eröffnete. Lieber zeichnete er die Insel bei Tag. Auf seinem Blatt wirkt sie klein über den spiegelnden Wassern, die damals noch reichlich durch das Wörlitzer Gartenreich flossen.

Kulisse fürstlicher Feste: Blick von Westen auf die Insel Stein
Kulisse fürstlicher Feste: Blick von Westen auf die Insel Stein Bild: KsDW/Bildarchiv/Heinz Fräßdorf/Peter Dafinger

Die Vollendung der Insel Stein und die unübersehbaren Zeichen des Klimawandels könnten für die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz ein Anlass sein, sich inhaltlich neu aufzustellen. Doch die Stiftung ist durch einen Rechtsstreit um ihre Direktorenstelle gelähmt. Seit 2016 hatte die österreichische Landschaftsarchitektin Brigitte Mang das Amt inne. Ende letzten Jahres wurde ihre Stelle überraschend neu ausgeschrieben. Mang, deren Amtsführung umstritten war, bewarb sich erneut, kam aber im Besetzungsverfahren nur auf den zweiten Platz. Statt ihrer wurde die Kunsthistorikerin Cecilie Hollberg berufen, die Leiterin der Galleria dell’Accademia in Florenz.

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Gegen diese Entscheidung reichte Mang eine Konkurrentenschutzklage wegen Verfahrensfehlern ein. Im Juni gab ihr das Ar­beits­gericht Dessau-Rosslau recht, das Di­rek­torat darf vorerst nicht neu besetzt werden. Im Hauptsacheverfahren wird das Ge­richt demnächst darüber entscheiden, ob die Stelle abermals ausgeschrieben werden muss. Bis zum Amtsantritt einer Nachfolgerin könnten wiederum zwei Jahre vergehen. In ei­ner Zeit entscheidender Weichenstellungen für die Zukunft ist die Kulturstiftung damit führungslos. Den Schaden hat das Gartenreich.

Der Weg zum Parkausgang führt wieder am Wörlitzer Schloss vorbei. Seit drei Jahren beherbergt der Bau dank einer Initiative des Journalisten Frank Vorpahl einen Teil der Südseesammlung des preußischen Weltreisenden Georg Forster. Fürst Franz hatte die Kunst- und Alltagsgegenstände 1775 in London von Forster und seinem Vater Johann Reinhold geschenkt bekommen. Nun ruhen sie in schlichten Vitrinen vor einer Gitterkonstruktion im Mezzaningeschoss des Schlosses. Fast könnte man von einem Humboldt-Forum im Kleinformat sprechen. Die Forster-Ausstellung ist eine weitere große Chance für Wörlitz. Es muss sie nur nutzen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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