Fotokunst

Schlagzeilen als Selbstporträt

Von Freddy Langer
16.11.2021
, 06:38
Katharina Sierverding vor Selbstporträt
Der Fotokünstlerin Katharina Sieverding zum achtzigsten Geburtstag: Das Museum Frieder Burda versammelt in Baden-Baden Arbeiten aus fünf Jahrzehnten.
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Ob Tag oder Nacht und selbst bei Regen: Über dem Museum Frieder Burda in Baden-Baden strahlt die Sonne. In hitzigem Blau. Eine Kugel, wie zur Explosion bereit, mit lauter kleinen Armen drum herum, nervös winkend, als warnten sie irgendjemanden. Vielleicht die Menschheit, vielleicht das Weltall. Katharina Sieverding nennt die digitale Filmprojektion, die aus zweihunderttausend Satellitenaufnahmen der NASA zusammengesetzt in gigantischer Größe über dem Eingang flammt, ein Selbstporträt.

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Was aus zweierlei Gründen nicht überrascht. Denn zum einen ist sie seit jeher der Fixstern im Universum ihrer Kunst, zum anderen gebraucht sie den Begriff des Selbstporträts immer wieder gern. In der Ausstellung in Baden-Baden etwa heißt so auch eine Arbeit, für die sie die Überschriften Hunderter von Rezensionen ihres Werks an- und übereinandergestellt hat. Da steht dann „Zum Himmel mit der Hölle“ oder „Im Kraftwerk der Gefühle“, „Unheimliche Domina und Prophetin“, auch „Sphinx gibt unlösbare Rätsel auf“, was ihr besonders gut gefallen haben dürfte, denn ihre Kunst ist eine des Sowohl-als-auch, nicht des Entweder-oder. „Alles andere“, sagt sie, „wäre ein Missbrauch der Kunst. Wäre Propaganda.“

Mal jünger, mal älter

Katharina Sieverding war nach Baden-Baden gekommen, um den Aufbau ihrer von Udo Kittelmann kuratierten Ausstellung zu begleiten. Dass sie am heutigen Dienstag achtzig Jahre alt wird, nimmt man ihr nur ungern ab – zumal sie sich mit einem von ihr erfundenen Datum bisher jünger gemacht hatte. Aber man sieht es ihr auch nicht an, wenn sie als ihr eigenes Markenzeichen, hinter der Sonnenbrille verschanzt, die Lippen dick rot bemalt und das rote Haar zum Zopf gebändigt, in engen Jeans und Cowboystiefeln energisch durch die Hallen stampft. Und man merkt es nicht, wenn sie spricht. Überlegt, präzis, druckreif. Nicht anekdotisch, sondern immer analytisch. Nur dort, wo es ganz besonders kompliziert wird, wie bei „Steigbild X“ aus jener Serie, mit der sie 1997 den deutschen Biennale-Pavillon in Venedig ausstattete, liest sie vorsichtshalber aus dem Begleitheft zur Ausstellung vor: „Organische Flüssigkeit, wie Blut und eine Lösung aus Metallsalz, werden auf Filterpapier zum Steigen gebracht, woraufhin charakteristische wie auch differenzierte Fließformen entstehen, die qualitativ ausgewertet werden können.“ Es ist dies eine Möglichkeit alternativer, medizinischer Untersuchungen. Doch sie wertete das Ergebnis nicht aus. Vielmehr bringt sie das dramatische Rot des aufquellenden Steigbilds mit der radiologischen Abbildung eines Schädels zur Deckung – und bläst das Ganze auf zum Format von drei Meter fünfundsiebzig auf drei Meter. Dem wohnt eine schädelsprengende Qualität inne.

Katharina Sieverding
Steigbild X, 1997 Bild: Katharina Sieverding/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Kompliziert ist bei Katharina Sieverding genau genommen alles. Immer schon. Selbst dort, wo sie Bilder von bezwingender Schönheit geschaffen hat, wie in der „Transformer“-Serie mit dem androgynen Mischwesen, für das sie solarisierte Konterfeis von sich und ihrem Partner Klaus Mettig übereinandergelegt hat, bleibt ein Moment von Verunsicherung, vielleicht sogar Bedrohung. Ist das die Auslöschung des Selbst, oder entsteht Individualität überhaupt erst durch die Bereitschaft, sich zu verwandeln? Was die Selfie-Generation mit einem Schulterzucken abtut, führt bei Sieverding zu einer lebenslangen, exzessiven Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Menschsein.

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Die Schau in Baden-Baden, ein opulent aufbereiteter Querschnitt durch fünf Jahrzehnte ihres Lebenswerks, hat es schon einmal gegeben. In Hamburg, vor gut einem Jahr. Aber damals herrschte Lockdown – und sie blieb nahezu für die gesamte Dauer geschlossen. Der Neuanlauf in Baden-Baden steht bisher unter einem glücklicheren Stern. Findet aber unter anderen Bedingungen statt. In Hamburg hingen die Bilder im Ambiente rauer Industriearchitektur. In Baden-Baden schmücken sie die eleganten, lichtdurchfluteten Hallen von Richard Meier. Dass sie das nicht unbedingt erträglicher macht und ihnen nur selten den Anflug von Vornehmheit verleiht, spricht für die Arbeiten. Die Grenze der Zumutbarkeit verliert Katharina Sieverding nur selten aus den Augen. „Kunst ohne Störfaktor ist nicht denkbar“, sagt sie. Bei Jenny Holzer hieße solch ein Satz „Truism“.

Farbfotografie von Katharina Sieverding
„Transformer Cyan Solarisation“, 1973-1974 Bild: Katharina Sieverding/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Im Laufe ihres Wegs zur Künstlerin hat Katharina Sieverding etliche Haken geschlagen. Sie hat im Schaustellergewerbe aus Karten geweissagt, in einer Rotlichtbar als Animierdame gearbeitet und sich in einem Zirkusakt für eine Messerwerferin an die Bretterwand gestellt. „Auch eine Art von Kunst“, sagt sie, und dass es ja immer dort spannend würde, wo es um Leben und Tod gehe. Außerdem hat sie Theaterkulissen entworfen – und bei Joseph Beuys studiert.

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Als erste Fotografin, obwohl er dem Medium nichts abgewinnen konnte. Nur als Mittel der Dokumentation wollte er es akzeptieren, und als Mittel der Selbstdarstellung nutzte er es reichlich aus. So ist es nur konsequent, dass die Ausstellung in Baden-Baden mit einem Film über Beuys und Künstlerkollegen wie James Lee Byars und Christo beginnt, den Katharina Sieverding aus 233 ihrer Fotografien zusammengestellt hat und selbst als eine „Skulptur“ begreift. Da wird dann mächtig rebelliert und debattiert, werden Spektakel inszeniert und beunruhigende Performances aufgeführt, und es erschließt sich über all die Unbekümmertheit mancher Happenings hinaus Beuys’ Kunstbegriff, in dem sich politische, gesellschaftliche und ästhetische Aspekte vereinen. Er bildet auch Sieverdings Verständnis von Kunst – und ist einer der Gründe dafür, weshalb selbst ihre ältesten Arbeiten nie an Aktualität verloren haben.

Fotografie von Katharina Sieverding
„We have Friends all over the World“, 1979 Bild: Katharina Sieverding/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Mit Themen wie Geschlechtlichkeit scheint sie der Gender-Debatte voraus gewesen zu sein, ihre Untersuchung zur Rolle der Frauen in der Kultur anhand von Spiegel-Titeln, die sie überarbeitet und mit denen sie einen ganzen Raum tapeziert hat, ist nach wie vor gültig, und ihre Auseinandersetzungen mit dem Missbrauch von Macht oder den Bedrohungen durch Naturkatastrophen, Zerstörung von Lebensräumen, fragwürdigem politischem Einfluss, aber auch Rassenunruhen kämen heute zu keinem anderen Ergebnis. Das war nie visionär, vielmehr deutet Katharina Sieverding auf Wunden mit Ewigkeitsanspruch, deren wiederkehrende Muster sie in kalte, farbintensive Bilder einer verstörenden Erhabenheit überträgt. Dabei verstand sie sich nie als Weltverbesserin. Stattdessen setzt sie mit der Überwältigungsästhetik eng gehängter Arbeiten aus den Siebzigerjahren im riesigen Format von Wahlkampfplakaten Marken, die den Betrachter ins Schwanken bringen – während sie auf einem lebensgroßen Fotogramm als Schemen in leuchtendem Rot selbstsicher über ein Seil balanciert. Noch solch ein Selbstporträt, solch eine Selbstbefragung, in der die Position des Ichs ebenso wie die der Kunst verhandelt wird und für deren Antwort sie in serifenfreien Lettern auf Wittgenstein verweist, wonach jede Erklärung eine Hypothese sei. Und ein weiteres Beispiel dafür, wie umfassend und radikal sie die Möglichkeiten der fotografischen Technik oder, wie sie sagt, „der Lichtkunst“ ausschöpft. Statt aus der Dunkelkammer scheinen ihre Arbeiten aus der Kammer einer Alchemistin zu stammen.

Fotografie von Katharina Sierverding
„The Great White Way Goes Black“, 1977 Bild: Katharina Sieverding/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Gefällig ist da nichts. Und schon gar nicht eindeutig. Katharina Sieverding führt das Medium in Sphären jenseits von Dokumentation, Erinnerung, selbst Abbild. Fotografie ist für sie „ein eigener Imaginationsraum“, in dem sie mit Verfärbungen, Überlagerungen und Transformationen neue Welten erschafft, und bisweilen eben auch neue Menschen. Einer davon ist sie selbst.

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Katharina Sieverding. Die Sonne um Mitternacht schauen. Im Museum Frieder Burda, Baden-Baden; bis zum 9. Januar 2022. Der Katalog kostet 25 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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