Inspiriert von Aby Warburg

Im Zwischenraum der Medien

Von Thomas Hensel
18.07.2021
, 18:44
In einem ordentlichen Bilderatlas finden sich auch Vorsatzpapiere als Scharnier zwischen Pathosformeln: Marcel Odenbachs „Verzettelungen“.
Wo Marcel Odenbach Aby Warburg denkt: Krefeld bettet die bislang komplexeste Arbeit des Videokünstlers in ein kluges kuratorisches Konzept ein.

Wie kein anderer Kunstwissenschaftler treibt auch heute noch Aby Warburg die Exegeten seines Vermächtnisses um. Insbesondere Warburgs Bilderatlas „Mnemosyne“ beflügelt durch seine Unabgeschlossenheit und Anschlussfähigkeit immer neue hermeneutische Überlegungen, die sich auf ein riesiges Konvolut im Londoner Archiv liegender und nur partiell gehobener Quellen, Notizzettel, Briefe und Tagebücher, stützen können. Die dichter werdende, aber immer noch um gewaltige weiße Flecken wissende Editionslage führt dazu, dass vieles, was zu Warburg erscheint, im Augenblick seiner Publikation schon wieder zu ergänzen ist.

Prominentestes Beispiel ist die jüngste Veröffentlichung der letzten dokumentierten Version des Bilderatlas. Zwar weiß diese dadurch zu überzeugen, dass sie Warburgs Hauptwerk zu großen Teilen mit dem originalen Bildmaterial rekonstruiert und damit aus dem täuschenden Schwarz-Weiß der allfälligen Reproduktionen emportauchen lässt. Doch macht auch sie wie die vielen analogen und digitalen Editionen vor ihr vergessen, dass Warburgs Atlastafeln diesseits jener letzten Version oftmals nicht plane Flächen, sondern dreidimensionale Reliefs waren, auf denen durch Kordeln oder auf Leisten fixierte aufgeschlagene, mitunter hintereinander geschichtete Bücher, Klemmbinder, in denen geblättert werden konnte, oder plastische Abgüsse von Artefakten zum Hantieren und gleichsam archäologischen Freilegen von Bilderschichtungen einluden.

Es ist nicht nur die Wissenschaft, die sich an Warburg weidet. Auch Künstlerinnen und Künstler haben in der Vergangenheit vielfach die offenen Enden von Warburgs Bilderarrangements aufgenommen und diese poetisch in unterschiedlichsten Medien weitergesponnen – so R. B. Kitaj mit „Warburg als Mänade“ in der Malerei, Joan Jonas mit „The Shape, The Scent, The Feel of Things“ in der Performance-Installation oder Terry Gilliam mit „Twelve Monkeys“ im Spielfilm.

Deckenhohe Rauminstallation

Die jüngste Reminiszenz an Warburg stammt von Marcel Odenbach. Der als Sammlungssatellit #6 im Krefelder Kaiser Wilhelm Museum eingerichtete Komplex „plötzlich konnte eins wie das andere sein“ besteht aus zwei Teilen: einer 3-Kanal-Videoprojektion und einer analogen Rauminstallation. Ausgangspunkt beider Teile ist die um 1900 angelegte Lehr- und Vorbildersammlung Friedrich Denekens, die den ersten Direktor des Krefelder Museums mit pädagogischem ebenso wie ökonomischem Impetus Hunderte Reproduktionen von Werken der bildenden und angewandten Kunst zusammentragen ließ und die die Kuratorin der Ausstellung, Sylvia Martin, freigelegt hat und nun von Odenbach ins Bewusstsein der Öffentlichkeit hat heben lassen.

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Die Rauminstallation „Ohne Titel“ tapeziert zwei Wände des Saales, in dem jene Lehr- und Vorbildersammlung ursprünglich situiert war, deckenhoch mit papiernen Schwarzweiß-Reproduktionen Hunderter „Lehr- und Vorbilder“, die semantisch unterschiedlich fest miteinander gekoppelt sind. Der Raum gewinnt zusätzlich historische Anmutung dadurch, dass sich von der Folie dieses horror vacui Möbelstücke absetzen, ein leerer Vitrinenschrank und drei Tische mit Stapeln fotokopierter Lehrbilder, die zum Originalmobiliar des Lesesaals gehören. Gekoppelt mit diesem Raum ist ein zweiter, der in den Dienst einer dreikanaligen Videoprojektion mit dem Titel „Verzettelungen“ gestellt ist.

Auf eine langgezogene, schwarz grundierte Wand lässt Odenbach drei Beamer großformatige Bilder werfen, die in einer 32 Minuten langen Sequenz von links nach rechts am Betrachter vorbeiziehen und jeweils in jedem der Projektionsfelder einmal zu sehen sind. Untermalt wird dieser Reigen, der unterschiedlichste aus der Sammlung gegriffene Motive, Gattungen und Stile aneinanderreiht, von meditativer elektronischer Musik, komponiert von Richard Ojijo.

Die Bedeutsamkeit des Zwischenraums

Zur Erläuterung der Arbeit verweist Odenbach explizit auf Warburg, und tatsächlich verbinden „plötzlich konnte eins wie das andere sein“ und den Bilderatlas „Mnemosyne“ zahlreiche Gemeinsamkeiten. Zuvörderst ins Auge fällt, dass beide Werke auf eine Erkenntnis durch Montage setzen. Warburg wie Odenbach verstehen die Montage als eine Herstellungs- und als eine Denkweise, die aufzuzeigen vermag, dass die Kombination unterschiedlicher Bilder latente kulturhistorische Ordnungen hervorzutreiben vermag. Die transzendentale Bedingung für eine solche Kombinatorik, die durch keine harten Kompatibilitätsgrenzen eingeschränkt ist und ein Spiel mit möglichen Konstellationen erlaubt, ist der Zwischenraum. Warburg selbst maß selbigem herausragende Bedeutsamkeit bei, wenn er im Zuge seiner Suche nach einem Titel des Bilderatlas die Variante „Ikonologie des Zwischenraums. Kunsthistorisches Material zu einer Entwicklungspsychologie des Pendelganges zwischen bildhafter und zeichenmäßiger Ursachensetzung“ formulierte.

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Mit „plötzlich konnte eins wie das andere sein“ löst Odenbach die von Warburg angestrebte Ikonologie des Zwischenraums ein. Er tut dies mittels eines klugen Kunstgriffs, indem er ein Medium in seinen videographischen Bilderreigen einsprengt, das Deneken in seine Sammlung aufgenommen hatte und das in seiner ornamentalen Bildhaftigkeit wie in seiner technischen Funktion ein „Dazwischen“ ist: das Vorsatzpapier. Ursprünglich dazu dienend, einen Buchblock mit dem Buchdeckel physisch zu verbinden, funktioniert er die von Deneken gesammelten Vorsatzpapiere zu visuellen Bindestellen um, welche die projizierten Bilder zu Pathosformel-Komplexen zusammenfassen.

Eine Reflektion der Infrastruktur

Ebenso wie Warburg exponiert Odenbach die Medien des Zwischenraums den Zwischenraum der Medien – als Vorsatzpapier, das aus dem Buch gelöst ist und stattdessen Bilder verbindet, als Schrank, der leer ist, seinen Inhalt aber in seinen Glasscheiben widerspiegelt, als Reproduktion dritten Grades, die nicht mehr auf Untersatzkartons oder Wänden fixiert ist, sondern dem Betrachter in die Hand gegeben wird, auf dass er sich seinen eigenen Bilderatlas zusammenstellen möge. Während Aby Warburg von ihm so apostrophierte Bildervehikel registrierte, reflektiert Marcel Odenbach die Infrastruktur, die diese Vehikel für ihr Nachleben immer schon gebraucht haben – eine Infrastruktur, welche die Möglichkeitsbedingung von wissenschaftlicher Erkenntnis genauso wie von künstlerischer Schöpfung ist.

Das Jahr 2021 darf man sich für Marcel Odenbach als glückliches vorstellen. Nicht nur wird ihm der renommierte Wolfgang-Hahn-Preis verliehen, begleitet von einer Schau im Kölner Museum Ludwig; auch das Düsseldorfer K21 widmet ihm eine große Ausstellung. Dass sich daneben mit dem Krefelder Kaiser Wilhelm Museum ein vergleichsweise kleines Haus zu behaupten weiß, indem es Odenbach zu seiner bislang komplexesten Arbeit inspirierte, ist einem klugen kuratorischen Konzept zu verdanken und ein großer Gewinn für die Warburg- genauso wie für die Odenbach-Exegese.

Marcel Odenbach. plötzlich konnte eins wie das andere sein. Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld; bis 24. Oktober. Der Katalog kostet 23 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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