Neue Räume für Design München

Alle so schön grün hier

Von Hannes Hintermeier
10.11.2021
, 12:11
Vom DDR-Nashorn links unten bis zu Stühlen aus  Karbon findet sich im neuen X-D-E-P-O-T der Münchner Pinakothek
Die Neue Sammlung in München erweitert ihre Ausstellungsfläche und untersucht ein Thema, dem in der Pandemie eine besondere Dringlichkeit zukam: Unsere Fluchten ins Freie. Wie spiegeln diese sich im Design wider?
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Bloß raus aus geschlossenen Räumen. Draußen kann einem wenigstens nur der Himmel auf den Kopf fallen. Corona hat den menschlichen Frischluftdrang befördert, schon aus Distanzgründen. Und so hat die Pandemie dem Thema eine neue Dringlichkeit verliehen, davon ist das Kuratorenduo Polina Gedova und Christopher Haaf überzeugt. Es geht mit der Ausstellung „Ins Freie“ der Frage nach, wie sich diese Sehnsucht im Design widerspiegelt. Auch das hat Corona verändert: Auf eine genaue Laufzeit der Ausstellung legt sich heute niemand mehr gern fest, auch diese Schau wird bis weit ins nächste Jahr hinein zu sehen sein.

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In Zusammenarbeit mit dem Designer Hannes Gumpp wurde ein breiter hölzerner Steg installiert, der die Schau von der Dauerausstellung physisch abhebt. Er ruht auf Kunststoffpaletten, die im Museumsbetrieb verwendet werden. Das Holz soll später zu Transportkisten weiterverarbeitet werden. Leicht erhöht und auf Recyclingmaterial geht es an den Exponaten vorbei, sozusagen auf einer Metaebene zum alles verschlingenden Schlagwort Nachhaltigkeit. Denn dieses Thema hat auch Museen erreicht. Niemand, davon ist Angelika Nollert, die Direktorin der Neuen Sammlung, überzeugt, würde heute ein Museum so bauen, wie das vor neunzehn Jahren mit der Pinakothek der Moderne geschah – allein aus energetischen Gründen.

Beim Sitzen fast verschluckt werden: Blick in die Neuaufstellung der Münchner Design-Sammlung mit dem berühmten Sitz-Ei Luigi Colanis links.
Beim Sitzen fast verschluckt werden: Blick in die Neuaufstellung der Münchner Design-Sammlung mit dem berühmten Sitz-Ei Luigi Colanis links. Bild: Neue Sammlung/Pinakothek der Moderne

In den Sechzigerjahren war auch im Design Revolution angesagt. Gestalter der italienischen Firma Gufram holten die Natur ins Heim, etwa mit der der Pop-Art entlehnten giftgrünen Sitzlandschaft Pratone oder dem mannshohen Kleiderständer Cactus (1971). Zwischen wiegenden Riesenhalmen aus Polstern saß man wie in einer Riesenwiese auf dem Boden. Ein Bruch mit der bürgerlichen Wohnkonvention und ein neuer Zugang zum Design, dessen Radikalität Nachgeborene begeistert. Dazu zählt auch Luigi Colanis organische Gartenliege von 1967 und der Gartensessel Sunball (gebaut von der Firma Rosenthal, 1969), dessen Astronautenhelmdesign unzweifelhaft vom Wettlauf ins All inspiriert war. Gleiches gilt für das Ost-Pendant Gartenei (auch Senftenberger Ei, 1968), das Peter Ghyczy für den VEB Synthesewerke Schwarzheide entworfen hat.

Manets „Frühstück im Grünen“ in Zeiten von Corona mit Abstandskreis nachgestellt: Fotografie in der Ausstellung „Ins Freie“ in der Pinakothek der Moderne.
Manets „Frühstück im Grünen“ in Zeiten von Corona mit Abstandskreis nachgestellt: Fotografie in der Ausstellung „Ins Freie“ in der Pinakothek der Moderne. Bild: Neue Sammlung/Pinakothek der Moderne

Heute geht man umweltverträglichere Wege, um mit Kunststoff zu arbeiten, Dirk van der Koijs Chubby Chair (2011) besteht aus Plastikteilen ausrangierter Kühlschränke, die recycelt aus einem 3-D-Drucker kommen und von Hand geformt werden. Das Ergebnis erinnert an mehrlagige Zahnpastastränge. Gartenstühle von der vorletzten Jahrhundertwende aus der k. u. k. Monarchie sind so überzeitlich gut, dass sie bis heute nachgebaut und kopiert werden, Ähnliches ist George Nelson mit seinem Gartenstuhl von 1951 gelungen.

Ikone der Freiheit trotz Pandemie: Bei einer Ausstellung namens „Ins Freie“ dürfen die diversen Spielarten des Fahrrads nicht fehlen.
Ikone der Freiheit trotz Pandemie: Bei einer Ausstellung namens „Ins Freie“ dürfen die diversen Spielarten des Fahrrads nicht fehlen. Bild: Neue Sammlung/Pinakothek der Moderne

Dass sich west- und ostdeutsches Design gar nicht so sehr unterschied, war zuletzt im Vitra Design Museum zu sehen, auch in München kann man das am Beispiel von Camping-Ausstattung aus DDR-Zeiten nachvollziehen. Im Arbeiter-und-Bauern-Staat waren die kleinen Fluchten mit Zelten auf dem Trabi-Dach und klappbaren Utensilien bestimmt Ausdruck von Individualität, ob das heute angesichts von ameisenhaften Wohnmobil-Kolonnen auch noch so ist, kann man bezweifeln.

Alles begann im Wintersportort Bad Ischl: In der Ausstellung „Ins Freie“ der Neuen Sammlung der Münchner Pinakothek wird auch das sich wandelnde Design von Ski, Schlitten und Snowboards vorgestellt.
Alles begann im Wintersportort Bad Ischl: In der Ausstellung „Ins Freie“ der Neuen Sammlung der Münchner Pinakothek wird auch das sich wandelnde Design von Ski, Schlitten und Snowboards vorgestellt. Bild: Neue Sammlung/Pinakothek der Moderne

Mobilität fehlt naturgemäß nicht, von radikalen Versuchen wie dem Fluggerät Elektro-Wingsuit von BMW für mutige Luftfahrer über klappbare Skier, einem modularen Kajak sowie E-Bikes aller Schattierungen reicht die Palette. Wie die Pandemie schnelle und humorvolle Designlösungen generierte, zeigt die 2020 vorgestellte holländische CoronaCrisisKruk, eine schlanke, tragbare Holzbank für zwei Personen im Mindestabstand. Noch viel einfacher waren freilich Kreidekreise, die man im New Yorker Domino Park zog, um den Besuchern die benutzbare Fläche zuzuweisen. Das ist alles eher hingetupft als tiefgründelnd erwogen, mag aber gerade für jüngere Besucher Denkanstöße parat halten, die – hübsches Detail – Geräusche der präsentierten Geräte nachhören können, die sie aus Altersgründen nicht kennen können – etwa den Taschenempfänger des VEB Kombinats Stern-Radio Berlin von 1968.

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Zum Abschied eine monochrome Wand der Farbe „Flughafenblau hell“, 1981 von Otl Aicher und Eberhard Stauß als eine der Hauptfarben für den Münchner Flughafen verwendet. Solchermaßen auf den bayerischen Föhnhimmel eingestimmt, lohnt sich dennoch ein Abstecher in den Keller. Anfang September wurde hier das ehemalige Schaudepot nicht nur neu benannt (Kunstname X-D-E-P-O-T), sondern nach Plänen des Büros Kuehn Malvezzi umgestaltet. Ein in Saalmitte aufgeständerter Steg mit zwei Vitrinenreihen erschließt den Blick auf die an die Wände gerückten, sieben Meter hohen Regale.

Keine Best-of-Ausstellung soll es sein, keine Ordnung nach Ländern. Exponate aus der legendären Stühlesammlung stehen hier, eine Agip-Tankstelle, Leuchten, Rennräder, medizinische Geräte, Werkzeuge, Handys, afrikanische Keramik, Kannen. Besonders bezaubernd die Toaster-Sammlung, die mit Geräten aus den Zwanziger- bis Fünfzigerjahren aufwartet. Da man nicht riechen kann, wie diverse Modelle im Fall der geringsten Unachtsamkeit verbranntes Brot produzierten, muss man sich das dazudenken. Ebenso ins Reich der Vorstellungskraft gehört, wie wohl die Welt durch das Sichtfeld der geschnitzten Schneebrille der Inuit aus dem späten neunzehnten Jahrhundert aussieht. Eine veritable Wunderkammer.

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Ins Freie. In der Pinakothek der Moderne, München; bis zum 31. Dezember. Kein Katalog.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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