Rodin und Picasso

Der Zentaur und der Minotaurus

Von Bettina Wohlfarth, Paris
25.09.2021
, 14:08
Einzigartige Formen von Bewegung im Raum: Picassos „Grande baigneuse“ (1937)
Eine Doppelausstellung in Paris konfrontiert Picasso und Rodin: Eine gegenseitige Erhellung, die viel zum Verständnis ihrer Arbeitsprozesse beiträgt.

Als Pablo Picasso im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert mit der Kunst anfing, stand Auguste Rodin im Zenit seines Ruhms. Beide haben hinsichtlich ihrer Nachwirkung und Produktionsmenge ein außerordentliches Werk geschaffen. In unterschiedlichen Epochen finden sie den Weg zu neuen Darstellungsweisen des Körpers, zu einer neuen Figuration, die seismographisch etwas vom Geist ihrer Zeit erfasst. Rodin, der 1840 in Paris geboren wurde, geht über Realismus und Naturalismus hinaus und sucht in einer expliziten Materialität seiner Figuren expressive Emotion auszudrücken. Er ist der Begründer der modernen Plastik. Picasso wurde 1881 in Málaga geboren und steht mit der kubistischen Revolution am Anfang eines neuen Kapitels der Moderne. Es gibt keinen Beweis dafür, dass sie sich je kennengelernt haben. Picasso hält sich schon ab der Jahrhundertwende häufig in Paris auf und nimmt sich 1904 definitiv ein Atelier im Bateau-Lavoir. Rodin stirbt 1917.

Wenn sich nun das Picasso- und das Rodin-Museum mit ihren reichen Beständen zum ersten Mal zusammentun, um in einer Doppelausstellung in beiden Häusern diese demiurgischen Künstler der Moderne in einen Dialog zu setzen, dann geht es nur begrenzt darum, etwaige Anleihen aufzuzeigen. Picasso hat das Werk Rodins sehr genau studiert und offensichtlich bewundert, während der Bildhauer den spanischen Künstler nicht weiter wahrgenommen hat.

„Meine Zeichnungen sind der Schlüssel“

Im Jahr 1900 kommt Picasso zum ersten Mal nach Paris zur Weltausstellung. Er besichtigt die große Rodin-Ausstellung im Pavillon de l’Alma und fünf Jahre später eine Re­trospektive des Bildhauers im Musée du Luxembourg. An seine Atelierwand pinnt er eine Fotografie vom „Denker“. Als Picasso im Jahr 1902 seine erste kleine Skulptur einer hockenden, melancholisch grübelnden Frau aus Ton modelliert, denkt er wahrscheinlich an Rodin. Mehr als drei Jahrzehnte später zeigt eine in sich versunkene, das Kinn in die Hände gestützte, lesende Frauenfigur im Gemälde „Große Badende mit einem Buch“ eine noch deutlichere Entsprechung zu Rodins „Denker“, selbst wenn sie stilistisch völlig anders gestaltet ist.

Die beiden Werke werden im majestätischen Treppenhaus im Picasso-Museum vereint und zeigen zwei Meister in der Darstellung von Körperausdruck und Emotion. Die Expressivität der Figuren Rodins, ihre dramatischen Körper mit Leid, Trauer, Glück oder Ekstase ausdrückenden Haltungen und Mimik werden von Picasso genau beobachtet. Tragisch leere Augenhöhlen und im Schrei geöffnete Münder gehören in den frühen Jahren zum Kanon seines Experimentierens, ob als Zeichnungen oder in Skulpturen. Der Spanier muss auch den eisern voranschreitenden „L’homme qui marche“ in der Ausstellung von 1900 gesehen haben: In einer Zeichnung nimmt er denselben entschlossenen Schritt auf.

„Mouvement de danse“ von Auguste Rodin aus dem Jahr 1911
„Mouvement de danse“ von Auguste Rodin aus dem Jahr 1911 Bild: © agence photographique Musée Rodin, Jérome Manoukian

Mit mehr als fünfhundert Exponaten gibt die Doppelausstellung in einer ständigen Gegenüberstellung beider Künstler Einblick in ihren Schaffensprozess. Die Parallelen, die dabei herausgearbeitet werden – man sollte den Besuch beim Picasso-Museum beginnen –, sind faszinierend zu verfolgen. Vor allem erhellen sich die beiden Künstler in dieser Konfrontation gegenseitig und damit auch das tiefere Verständnis ihrer Motivationen und Obsessionen, die einem derart übermächtigen Gestaltungsbedürfnis zugrunde liegen. Man erlebt sie in manchen Räumen wie bei der Arbeit, immer zeichnend – „meine Zeichnungen sind der Schlüssel zu meinem Werk“, kommentiert Rodin –, immer formend, wobei Picassos Talent als Bildhauer dem des Malers ebenbürtig ist. „Kreieren, improvisieren sind nutzlose Worte“, schreibt Rodin. Es gehe darum zu verstehen. Picasso erstrebt eine derart „intelligente“ Malerei, „dass sie dem Leben gleich wird“. Um zu verstehen, wie der gesuchte Ausdruck, die gewünschte lebendige Emotion in der Materie oder der Malerei dargestellt werden können, ist das Atelier der Ort, an dem experimentiert und in experimentellen Serien gearbeitet wird.

Rodin, dessen „Monument à Balzac“ von 1898 zu den Hauptwerken gehört, arbeitet sich in zahlreichen Vorstudien, Varianten und einer Reihe von Gipsköpfen regelrecht am kongenialen Schriftsteller ab. Mehr als fünfzig Jahre später widmet sich Picasso in etlichen gezeichneten Variationen dem Porträt des literarischen Genies und illustriert mehrere seiner Romane. Beide sind fasziniert von Balzacs Schöpferkraft und identifizieren sich mit dessen obstinater Suche nach Perfektion. Fragmentieren, Zusammensetzen, suchende Umwege gehen, vorgefundene Objekte oder in der Natur Gesammeltes verwenden – all das gehört zu ihrer Kunstpraxis und ganz eigenen, hartnäckigen, aber auch spielerischen Arbeitsmethode. Eine Ästhetik des Non-finito, mit der etwa eine „Medea“ grob aus dem Gips geknetet oder ein Gemälde wie „Der Maler und sein Modell“ unvollendet bleibt, ist für beide Künstler bezeichnend. Der Akt des Schaffens ist wichtiger als Vollendung.

Dem Eros und der Vitalität zugetan

Auguste Rodin wie Pablo Picasso suchen unablässig danach, die Energie und Essenz des physischen Seins zwischen Lust und Leid, Eros und Thanatos, Liebesekstase und Schmerzensschrei auszudrücken. Im Rodin-Museum wird das „Höllentor“ des Bildhauers, das auf Dantes „Göttliche Komödie“ Bezug nimmt, dem Anti-Kriegs-Schrei von Picassos „Guernica“ (als Tapisserie) gegenübergestellt. Es ist überraschend, wie gerade der Dialog dieser beiden beeindruckenden Werke, deren Kontext sehr unterschiedlich bleibt, ihrer Aussage Universalität und noch größere Intensität verleiht. Beide Künstler haben auf ihre Weise das Archaisch-Tragische des unter Terror und Grausamkeit leidenden Körpers in Darstellung gefasst und absolute Verzweiflung zum Ausdruck gebracht.

Aber noch energischer sind Rodin wie Picasso dem Eros und der Vitalität zugetan – nicht nur in der Kunst, sondern bekanntlich auch im Leben. Sie suchen unablässig nach neuen Techniken, um den weiblichen Körper in jedem möglichen Ausdruck von Elan darzustellen. Rodin knetet ihn in Tonstudien von Tanzenden nach seinem Verlagen, Picasso stellt den Überschwang mit Gemälden wie „Zwei laufende Frauen am Strand“ oder der „Schwimmerin“ dar.

Ein letzter großer Saal im Rodin-Museum hat den Eros und die unverblümte Lust zum Thema. Beide sind Meister in der Kunst, eine triumphale Körperfreude darzustellen, wobei die erotischen Zeichnungen des Bildhauers sicher weniger bekannt sind. Seine berühmte Skulptur „Le baiser“ findet trotz der klassischen Ausführung ein Echo in Picassos spätem Doppelporträt mit dem gleichen Titel. Der Raum zeigt eine Hymne an die Leidenschaft, mit lasziven Akten, gespreizten Schenkeln, sich in diversen Positionen umarmenden Paaren, wobei sich die beiden Künstler-Demiurgen immer wieder mit Minotauren oder Zentauren und deren vitaler Energie identifizieren. Daran wird auch deutlich, wie gewaltig die Eros-Dimension ist, die dem Werk beider Künstler als schöpferische Energie zugrunde liegt.

Picasso – Rodin. Im Picasso-Museum und Rodin-Museum, Paris; bis zum 2. Januar 2022. Der Katalog auf Französisch kostet 45 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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