Neupräsentation im Courtauld

Diese Bilder haben ihre Ketten abgeworfen

Von Gina Thomas, London
29.11.2021
, 21:05
Umgruppiert: Der Bloomsbury Room in der Courtauld Gallery
Das Courtauld Institute hat umgebaut und setzt seine Sammlung in ein neues Licht. Von störendem Gerümpel befreit, bekommen die groß­zügig gehängten Kunstwerke nun Luft zum Atmen.
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In Thomas Rowlandsons satirischer Darstellung des Rummels rund um die Jahresausstellung der Royal Academy drängelt und schubst sich die Londoner Gesellschaft des frühen achtzehnten Jahrhunderts auf der steilen Wendeltreppe von Somerset House. In diesem von William Chambers entworfenen neo­palladianischen Komplex war die Kunstakademie mit anderen königlichen Bildungsinstitutionen und öffentlichen Äm­tern damals untergebracht. Chambers hatte die Treppe zum großen Ausstellungssaal im Obergeschoss als symbolischen Aufgang zum Parnass konzipiert; Rowlandson karikierte sie als Gelegenheit für die Männer, den Frauen unter den Rock zu schauen. Daher der kalauernde Titel des Stiches, „Exhibition Stare Case“, der mit den englischen Begriffen für „Treppe“ und „starren“ spielt.

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Die Akademisten und Beamten haben diese Räume längst verlassen. Seit 1989 residieren im Nordflügel das Courtauld-Institut für Kunstgeschichte und die dazugehörige Kunstsammlung, ein zu wenig beachtetes Juwel Londons. Sie wurden jetzt einer grundlegenden Renovierung unterzogen, um mehr Klarheit in das auf die Bedürfnisse von neun Institutionen zugeschnittene Gewirr an Räumen, Gängen und Ebenen hinter der prunkvollen Gebäudehülle zu bringen. Dabei galt es, auch die Verknüpfung von Wissenschaft und Kunst stärker hervorzuheben, die seit der Courtauld-Gründung in den Dreißigerjahren zwischenzeitlich durch die räumliche Trennung der Schwesterorganisationen aus den Augen verloren worden war.

Auch von außen eine Schau: The Courtauld Gallery in Somerset House.
Auch von außen eine Schau: The Courtauld Gallery in Somerset House. Bild: Benedict Johnson

Das auf die Anpassung historischer Bauten an moderne Anforderungen spezialisierte Architekturbüro Witherford Watson Mann hat einen massiven Eingriff unternommen, ohne die Essenz der klassizistischen Interieurs zu beeinträchtigen. Böden wurden gesenkt, Wände durchbrochen und die aus Ziegelstein gemauerten Kellergewölbe ausgehöhlt, um neue Räume zu gewinnen, Verbindungen zu schaffen, moderne Anlagen einzubauen und Flächen zu nivellieren, um die Bewegung durch den Gebäudekomplex zu erleichtern, der fast fünfzig unterschiedliche Ebenen aufwies. Die Interventionen werden sich in ihrer Gänze erst ermessen lassen, wenn die unter anderem durch die Entdeckung einer gewaltigen mittelalterlichen Jauchegrube verzögerte Arbeit an der Ostseite des Nordflügels vollendet und das Institut aus seinem Exil nahe dem Bahnhof King’s Cross zurückgekehrt ist.

Als wäre ein Schleier gelüftet

Unterdessen lädt die Galerie dazu ein, deren Sammlung neu zu entdecken. Lüster und am Rahmen befestigte Bilderleuchten, die irritierende Schatten auf die Kunstwerke warfen, sind ebenso entfernt worden wie die Ketten, mit denen die Gemälde an den Bilderleisten befestigt waren. Technische Vorrichtungen wurden unter Putz implantiert und Verzierungen wie Stuckleisten an den Wänden dort entfernt, wo sie das Auge ablenken könnten. Von störendem Gerümpel befreit, bekommt die nun groß­zügig gehängte Sammlung Luft zum Atmen. Es ist nicht nur vor der restaurierten Trinität Botticellis, die nach den auf der Rückseite entdeckten, möglicherweise sogar von ihm selbst gezeichneten Entwürfen neu gerahmt worden ist, als wäre ein Schleier gelüftet worden.

Das von Witherford Watson Mann Architects neu konzipierte Innere der Courtauld Gallery
Das von Witherford Watson Mann Architects neu konzipierte Innere der Courtauld Gallery Bild: Witherford Watson Mann Architect

Beginnend mit dem Grundstock der drei Gründerväter Samuel Courtauld, Arthur Lee und Robert Witt, ist die Galerie durch eine Akkumulation von Vermächtnissen wie den Sammlungen des viktorianischen Künstlers Thomas Gambier Parry, des aus Österreich zugewanderten Grafen Antoine Seilern und des Kunsthistorikers Roger Fry sukzessive gewachsen. Es gehört zu den Vorzügen der neuen Präsentation, dass sie die Geschichte des Gebäudes und der Sammlung in den kunsthistorischen Überblick integriert. So kommt Gambier Parry ebenso zur Geltung wie später Seilern in der Darbietung seines reichhaltigen Bestands an Ölskizzen von Rubens. Roger Frys Beitrag wird in einem kleinen, im Stil der von ihm geförderten Bloomsbury-Gruppe eingerichteten Zimmer gewürdigt.

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Frei stehende Wände

Der Besucher windet sich von dem weitaus großzügiger als bisher gestalteten Foyer Etage für Etage durch die Chronologie von sechs Jahrhunderten westlicher Kunstgeschichte. Es beginnt auf dem Mezzanin mit einem ehemaligen Lagerraum, der für die Goldgrundgemälde umfunktioniert worden ist, und führt über eine edle Raumflucht mit Werken der italienischen und nordischen Renaissance, des Barocks und des achtzehnten Jahrhunderts schließlich hinauf in den gewaltigen Saal, in dem Turner und Constable ehedem miteinander konkurrierten. Dort erstrahlen nun die aus dem Stockwerk darunter in Chambers’ Parnass beförderten Impressionisten und Postimpressionisten aus der Sammlung des Textilfabrikanten Courtauld im wiederhergestellten Tageslicht aus halbkreisförmigen Lünettenfenstern an der Decke in frischer Pracht. Zuletzt war die architektonische Gestaltung des einst größten von oben beleuchteten öffentlichen Saales in Europa durch eine Vierteilung unlesbar gemacht worden. Jetzt dienen bloß noch zwei frei stehende Wände dazu, das Raumerlebnis derart zu inszenieren, dass die Kunst weder vom Volumen erschlagen wird noch der Besucher vor lauter berühmten Spitzenwerken nicht weiß, wo er anfangen soll.

Eines von vielen Meisterwerken in der Courtauld Gallery: Sandro Botticellis „Heilige Dreifaltigkeit“.
Eines von vielen Meisterwerken in der Courtauld Gallery: Sandro Botticellis „Heilige Dreifaltigkeit“. Bild: AFP

Stattdessen wird er geschickt gelenkt, sodass bei jeder Drehung etwas Neues ins Blickfeld rückt. Gleich zu Beginn geht er aus dem kleinen Vorraum mit bahnbrechenden Leinwänden wie Renoirs „La Loge“, Degas’ suggestiv verträumter Frau am Fenster und Manets Entwurf für sein „Frühstück im Grünen“ direkt auf Gauguins auf Tahiti entstandene Bilder „Nie mehr“ und „Te Rerioa“ zu. Dahinter folgen einige frühere Werke des Künstlers sowie das illustrierte Manuskript von Gauguins „Avant et après“. Das Courtauld konnte diese kurz vor seinem Tod vollendete Niederschrift der Gedanken und Erinnerungen des Künstlers jüngst aus dem Nachlass des nach London geflüchteten deutschen Textilunternehmers Erich Goeritz erwerben. Nun wird sie erstmals ausgestellt: aufgeschlagen auf einer Seite mit bitteren Reflexionen über die heuchlerischen französischen Kolonisten in Polynesien neben einer Zeichnung, die Gauguins eigene Stereotypisierung der Ureinwohner offenbart.

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Von einem Glanzpunkt zum nächsten

Rechts davon füllen sieben die ganze Spanne von Cézannes Entwicklung zeigende Werke, darunter die „Kartenspieler“, eine Wand. Und bevor man van Goghs Selbstbildnis mit bandagiertem Ohr erspäht, ist noch eine Serie kleiner Ölskizzen von Seurat zu betrachten, die zeigen, wie der Künstler sich an den Pointillismus herantastete. Und so wandert man von einem Glanzpunkt zum nächsten, bis man plötzlich vor Manets rätselhafter Suzon an der Theke der Bar aux Folies-Bergère steht.

Wirkt weitläufig: Saal mit mittelalterlicher Kunst und Werken der frühen Renaissance in der Courtauld Gallery.
Wirkt weitläufig: Saal mit mittelalterlicher Kunst und Werken der frühen Renaissance in der Courtauld Gallery. Bild: Hufton+Crow

Von diesem Saal gehen zwei neue, dem Dachboden abgewonnene Räume ab, in dem zur Eröffnung die Schenkung der bemerkenswerten Sammlung moderner Zeichnungen aus dem Besitz des amerikanischen Ehepaares Linda und Howard Karshan zu sehen ist. Die Auswahl knüpft mit einem Stillleben von Cézanne an den bisherigen Bestand des Courtauld an und führt die Galerie mit großen Blättern von Künstlern wie Philip Guston, Joseph Beuys, Gerhard Richter und Georg Baselitz, aber auch des weniger bekannten Schweizers Louis Soutter sowie des die Wirkung eines Meskalinrausches zeichnerisch registrierenden Henri Michaux näher an die Gegenwart heran.

Mit dem Auftragswerk der Malerin Cecily Brown gelingt dem Courtauld sogar der Sprung ins 21. Jahrhundert. Ihre mehr als fünf Meter breite Leinwand hängt am oberen Treppenende an jener Stelle der gebogenen Wand, die Giovanni Battista Cipriani ursprünglich mit einer längst verschollenen Darstellung des Besuches der Minerva bei den Musen auf dem Parnass gefüllt hatte. Mit temperamentvoll zwischen Figuration und Ab­straktion schwebenden Pinselstrichen flicht Brown Elemente aus den Bildern des Courtauld in ihre den weiblichen Blick auf männliche Körper selbstbewusst betonende Komposition namens „Unmoored from her Re­flection“ ein.

Wenn man davorsteht, sieht man aus dem rechten Augenwinkel das Prome­theus-Triptychon, das Kokoschka, wiederum auf Rubens anspielend, nach dem Zweiten Weltkrieg für das Londoner Stadthaus Antoine Seilerns gemalt hat. Und mit einer leichten Drehung kann man den Blick von Manets „Frühstück im Grünen“ auf den von dort geklauten Picknickkorb in Cecily Browns Gemälde schweifen lassen. Mit diesen Bezügen bringt die Künstlerin die Courtauld-Sammlung auf dem Gipfel des steilen Aufstiegs gewissermaßen auf den Punkt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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