Architekt Arata Isozaki

Die Natur der Moderne

Von Niklas Maak
23.07.2021
, 07:15
Das Kunstmuseum in Kitakyushu, Japan.
Wichtiger als die Fülle ist ihm die Leere: Der Architekt Arata Isozaki entwirft im Sinne einer japanischen Postmoderne Riesenbäume, Kunsthaine und die Ruinen der Zukunft. Heute wird er neunzig Jahre alt.

Als Arara Isozaki einmal gefragt wurde, welche Architektur ihn als junger Mensch am meisten beeindruckt habe, antwortete er, ihn habe vor allem das Fehlen von Architektur geprägt – die Leere, die die Atombombe in Hiroshima 1945 auf dem gegenüberliegenden Ufer seiner Heimatstadt Oita hinterlassen hatte. Dort wurde Isozaki im Sommer 1931 als Sohn eines Transportunternehmers geboren; bei Kriegsende war er 14. Er gehörte, ähnlich seinen Altersgenossen in Deutschland, zu denen, die in den Fünfzigerjahren das Land nicht nur wiederaufbauen, sondern ihm eine neue Identität geben sollten.

Isozaki studierte Architektur bei Kenzo Tange, der in Japan wie ein Popstar gefeiert wurde und im Auftrag der Regierung einen neuen japanischen Stil definieren sollte. Bei ihm lernte Isozaki, die japanische Tradition mit der westlichen, vor allem der amerikanischen Moderne und dem internationalen Stil kurzzuschließen. Zu den Olympischen Spielen 1964 wollte sich Japan als moderne, demokratische Industrienation präsentieren. Zur gleichen Zeit entstand die Bewegung der Metabolisten, die Häuser entwarfen, welche wie Körper oder Pflanzen entlang von Skeletten wachsen und die Stadt als Organismus gedeihen lassen sollten. Nicht die fertige Form, sondern Veränderung und Flexibilität sollten die Architektur der Zukunft prägen, das Hochhaus durch endloses Zellwachstum wuchern können wie ein Gewächs, die Kultur sich ihre Strategien bei der Natur abschauen.

Isozaki, der sich, wie Tange, nie den Metabolisten zurechnete, schuf zu den Olympischen Spielen eines der schlagkräftigsten Bilder, die mit dieser Bewegung in Verbindung gebracht werden: Seine „City in the Air“ bestand aus riesigen Betonpfeilern, an denen die wabenartigen Wohneinheiten wie Äste von Giga-Bäumen hoch über Tokios Stadtteil Shinjuku hingen und so alle Platzprobleme lösen sollten.

Vermehrt biomorphe Formen

In Isozakis erstem realisierten Gebäude ist der Einfluss von Le Corbusiers Betonmoderne, noch mehr aber jener der amerikanischen Architektur deutlich zu sehen: Paul Rudolphs Orange County Government Center etwa wirkt wie eine Blaupause für Isozakis früher fertiggestellte, aber später begonnene Bibliothek von Oita. Trotzdem sind Isozakis Bauten nie epigonal: Die Betonelemente der Bibliothek etwa wirken wie ein Echo der alten japanischen Holzarchitektur mit ihren weit herausragenden Trägern. In den folgenden Jahrzehnten baute Isozaki vom Grabmal des Komponisten Luigi Nono in Venedig bis zum Mailänder Allianz-Tower und dem Bau der Berliner Volksbank am Potsdamer Platz auch in Europa viel. In seinem Spätwerk findet man vermehrt biomorphe Formen – die unteren Geschosse des Zendai Himalayas Center in Schanghai, einer Shoppingmall mit Hotel und Kongresszentrum, sehen aus wie eine Mischung aus Höhlen, Hohlknochen und einer verhundertwässerten Zaha-Hadid-Fassade, die Fassade des Qatar National Convention Centre wird von zwei abstrahierten riesigen Baumstämmen gehalten. 2019 wurde Isozaki mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet.

Wichtiger als Zeit und Raum seien Zwischenraum und Zwischenzeit, lautet ein bekanntes Bonmot des Architekten – die Leere, die zwischen Bauten und Momenten entstehe. In Japan gibt es das vielschichtige philosophische Konzept des „Ma“, das in der Leere ein Potential, einen Vorschein entdeckt. Wie Isozaki sich einen solchen aktivierenden Zwischenraum zwischen Stilen, Formen und Bauten vorstellt, kann man in Los Angeles besichtigen. Dort entwarf der Architekt 1986 das Museum of Contemporary Art, das heute als eines der wichtigsten Beispiele einer japanischen Postmoderne zitiert wird – eine Art Dorf aus mehreren, stilistisch unterschiedlichen Gebäuden löst hier das klassische moderne Museum ab. Das ist auch eine Hommage an die ursprüngliche griechische Idee des Museions, das kein Tempel für die Kunst, sondern ein der Kultur, dem Erzählen, Herumwandeln und Gemeinsamsein gewidmeter Hain mit vielen Einzelbauten war, eine Gegenstadt der Künste und Fiktionen.

Ein anderes Echo der Antike bekam die erstaunte Fachwelt zu sehen, als Isozaki in den Achtzigerjahren die Entwürfe seines Tsukuba Center Building präsentierte: Eine Zeichnung zeigt den geplanten Komplex als zukünftige Ruine. Auch das ist eine typische Isozaki-Pointe, die seinen Glauben an die ständige Veränderung deutlich macht: Auch das fertige Haus wird Wandel, Verwitterung und Verfall ausgesetzt sein, und irgendwann kann seine Ruine neu besiedelt und erweitert werden. In einer Zeit, in der die westlichen Gesellschaften durch die Effekte der Digitalisierung auf eine ungekannte Ruinenproduktion zusteuern – Ruinen von Postämtern, Einkaufszentren, Bürotürmen –, liegt in Arata Isozakis vorausahnenden Verfallsentwürfen eine ungeahnte Aktualität und Brisanz. Morgen wird der japanische Architekt neunzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Maak, Niklas
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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