Malerin Etel Adnan tot

Wanderin der Sphären

Von Stefan Trinks
16.11.2021
, 16:17
Starb im Alter von 96 Jahren: Etel Adnan.
Der Existenzialismus des Exils: Die libanesische Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan lebte in Beirut, Kalifornien und Paris. Nun ist sie sechsundneunzigjährig gestorben.
ANZEIGE

Die 1925 in Libanon geborene Etel Adnan war mindestens so sehr Schriftstellerin wie spät berufene Malerin. Das Besondere an ihr aber war, dass sich beides so glücklich verband wie bei nur wenigen anderen schreibmalenden Künstlern. Selten überschritten ihre Bilder dabei das Format eines Blattes Papier, und ähnlich konzen­triert war ihr Inhalt.

ANZEIGE

Die Form blieb zwar stets abstrakt aus rein geometrischen Elementen gefügt, dennoch erlaubte sie durch Horizontlinien und hügelartige Formationen – meist der Mount Tamalpais nördlich San Franciscos, wo sie in den Fünfziger- und dann wieder seit den Siebzigerjahren lebte – Assoziationen mit Landschaft. So wie sie in ihrem Langgedicht „Arabische Apokalypse“ surreal Metaphern miteinander vernähte, glühten etwa auf der Documenta 13 oder in ihrer Londoner Schau „The Weight of the World“ schwarze Sonnen-Kreise vor rotorangem Feuergrund über versengtem Boden. Wie das Apokalyptische in ihrem berühmten Langpoem schon ankündigt, befasste sie sich viel mit Krieg, wusste aber die Schrecken des libanesischen Bürgerkriegs mit jenen aller anderen Kriege und auch denen ihrer Wahlheimat USA zu verweben, gewissermaßen zu globalisieren.

Genauso implantierte sie ihren surrealen Landschaften ein latentes Gefühl der Bedrohung, den leuchtenden Rot-, Gelb- und Grüntönen zum Trotz. Dass sie dabei zeitlebens Paul Klee und dessen Bilder der Tunis-Reise verehrte, offenbart sich auf „Sprechende Berge“, wo die Hügel in den ihr eigenen Farben wie Glasfenster leuchten, aber von Klees kalligraphischen Kürzeln konturiert werden.

Schwarze Sonnen, die auf- und untergehen: Blick in Etel Adnans Ausstellung „The Weight of the World“ in der Londoner Serpentine Gallery.
Schwarze Sonnen, die auf- und untergehen: Blick in Etel Adnans Ausstellung „The Weight of the World“ in der Londoner Serpentine Gallery. Bild: Picture Alliance

Aus vielen Bildern Adnans leuchtet ein kleines rotes Rechteck als Signatur heraus, so wie der Klang ihrer Texte, die ihre arabische Muttersprache kunstvoll ins Englische überführen, bezeichnend ist. Beides bleibt auch nach ihrem Tod am Sonntag im Alter von sechsundneunzig Jahren nicht nur in der arabischen Welt unvergessen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE