Architekt Gottfried Böhm

Er holte den Himmel auf die Erde

Von Patrick Bahners
10.06.2021
, 18:34
Auch der bewahrende Wiederaufbau forderte den durchgreifenden Willen zur Gestaltung. Gottfried Böhm, der Plastiker unter den deutschen Baumeistern, ist im Alter von 101 Jahren in Köln gestorben.

Als Köln in Trümmern lag, entwarf Gottfried Böhm als erstes eine Kapelle. Von der gotischen Pfarrkirche St. Kolumba in der Innenstadt war der Rest eines Pfeilers mit einer Madonnenfigur stehengeblieben, durch einen Zufall oder ein Wunder. Der junge Böhm, Mitarbeiter seines Vaters, des Kirchenbaumeisters Dominikus Böhm, den Oberbürgermeister Konrad Adenauer 1926 an die Kölner Werkschulen geholt hatte, wollte den Pfeiler zunächst stehenlassen und musste ihn dann doch versetzen. Er befindet sich nun nicht im Zentrum, sondern an der östlichen Wand des achteckigen Kapellenbaus; im Zentrum unter dem flachen Zeltdach steht der Altar auf einem dreistufigen Podest. In der dunklen kleinen Vorhalle, die Böhm unter Verwendung von Trümmersteinen baute, sitzt die Gemeinde – wie am 23. Januar 2020, dem hundertsten Geburtstag von Gottfried Böhm, als Kardinal Woelki eine Messe zum Dank für das Lebenswerk des Mannes zelebrierte, der die zweitgrößte Kirche des Erzbistums errichtet hat, den Wallfahrtsdom von Neviges.

Gottfried Böhm, in Offenbach geboren, wurde 1939 Soldat und 1942 wegen einer Verletzung in die Heimat entlassen. An der Münchner Kunstakademie studierte er nicht nur Architektur, sondern auch Bildhauerei. Auf einem Mauervorsprung der Kapelle Madonna in den Trümmern wacht eine von ihm geschaffene Bärin, wie sie der Legende nach die Patronin der Pfarrkirche beschützte, eine Märtyrerin des dritten Jahrhunderts.

Die Alte Pinakothek von Böhms Lehrer Hans Döllgast ist das berühmteste Beispiels eines Wiederaufbaus, der die Spuren der Zerstörung konserviert und integriert. Bei der Wiederherstellung von Kirchenbauten, die dem Familienbetrieb noch über den Tod von Dominikus Böhm 1955 hinaus zu tun gab, wurde der Unterschied von Altem und Neuem klar markiert. Wie Stefanie Lieb und Hartmut Junker in ihrem 2019 von Schnell & Steiner verlegten Buch über die Sakralbauten der Familie Böhm zeigen, dienten dazu insbesondere die Deckengewölbe, stillgestellte Wolkenlandschaften, die das gerettete Maßwerk mit einer höheren, freieren Ordnung kontrastieren.

Die Emanzipation der Decke

Es wäre zu fromm, das gesamte Schaffen von Gottfried Böhm aus der Trümmerkapelle wie aus einer Knospe hervorgehen zu sehen, aber die aufgefächerte Gewebedecke gibt so etwas wie die ganz einfache Idee - mehr Gedanke als Vorstellung - des Himmelszelts. In den Betonkirchen der sechziger Jahre geht die Emanzipation der Decken dann so weit, dass sie die Gestalt der Bauten bestimmen: Der Himmel greift auf die Erde über, die Wände verwandeln sich in Elemente eines Mobiles.

Auch die Klosterkirche Unsere liebe Frau in Oberhausen, die Böhm im Jahr nach dem Tod seines Vaters für einen Orden von Missionaren errichtete, stellt eine aus dem Vorgängerbau geborgene, in diesem Fall neugotische Madonnenstatue zur Schau. Sie steht vor einer Ecke des Backsteinbaus unter dem flachen Vordach. Böhm hatte auch prosaische Lösungen im Repertoire. Das weiße Stahlgitter, das den Klosterbezirk abschließt, weist voraus auf die Verwaltungsgebäude, auf die er sich nach dem Ende des Kirchenbaubooms verlegte: der Platzhalter einer Wand, Funktionalität an der Grenze zur Unsichtbarkeit.

In Köln ist seit 2003 Böhms Schutzgefäß für die durch den Bombenkrieg exponierte Muttergottesfigur selbst eingehaust: Peter Zumthor baute um die Kapelle herum das Diözesanmuseum mit dem sprechenden Namen der Pfarrpatronin. Böhm enttäuschte, dass er nicht selbst den Auftrag erhielt. In Paderborn hatte er schon ein Diözesanmuseum errichtet, mit dem Diözesanbaumeister Josef Rüenauver, der später das gleiche Amt in Köln versah. Das 1975 eingeweihte Haus ist eine Art geistliches Pendant zum zwei Jahre jüngeren Centre Pompidou, Reliquiar im Vergleich zum Werkzeugkasten. Durchlässigkeit ist das Prinzip, das Gebäude stellt sich als Gerüst dar. Der lokale Widerstand beruhte auf einer falschen Erinnerung: Verteidigt wurde der unbebaute Platz neben dem Dom, der erst durch die Bombenangriffe entstanden war.

Bad Godesberg und Saarbrücken

Das Sinnlose der Zerstörungen bedingte, dass auch der nachbildende, das Vergangene beschwörende Neuaufbau den Willen zur durchgreifenden Gestaltung forderte. Wo Gottfried Böhm mit der Sicherung und Ergänzung von Baudenkmälern betraut wurde, ging er durchaus robust zur Sache. Das jeweilige Ergebnis muss als Ganzes beurteilt werden; das gilt für die Godesburg in Bonn wie für das Schloss in Saarbrücken.

In Saarlouis baute Böhm ein neues Kirchenschiff hinter die vom Krieg verschonte neugotische Fassade der Pfarrkirche St. Ludwig: eine seiner Betonkristallhöhlen, von deren Ausmaßen man nichts ahnt, wenn man vor den Kirchentüren steht. Für Geschäfts- und Bürobauten ist dieses Montageprinzip inzwischen bei Bauherren so beliebt wie bei Architekturkritikern unbeliebt. Bei St. Ludwig mag die kritische Frage lauten, ob man es nicht mit einem umgekehrten Potemkin-Prinzip zu tun hat, weil die Wand zur Straße nicht das Nichts verdeckt, sondern ein auch im übertragenen Sinne voluminöses Raumkunstwerk. Wird dadurch das authentische Relikt zur Attrappe degradiert?

Beton kann man formen

Bei einer Kirche darf die Antwort wohl anders ausfallen als in einem gedachten weltlichen Parallelfall. Böhms unverwechselbare Handschrift, sein plastischer Zugriff – Beton war sein Lieblingsmaterial, sagte er, weil man ihn formen kann, anders als den Stein – ließ die Collage zu, weil die Bewahrung gefundener Objekte seit jeher ein Prinzip des Kirchenbaus ist. Kirchen bauen hieß anbauen. Paradoxerweise gilt, dass Kirchen nicht für die Ewigkeit gebaut werden.

Wie um das Straßburger Münster ranken sich Legenden um den Mariendom von Neviges, der Böhm 1986 als erstem deutschen Architekten den Pritzker-Preis eintrug. Als Kenzo Tange den Wettbewerb für die Kathedrale von Tokio gewann, soll Kardinal Josef Frings sein Bedauern darüber ausgedrückt haben, dass er in seiner Diözese nur einen alten Dom habe. Frings war fast blind. Angeblich hat er im Wettbewerb für Neviges die Qualität von Böhms Entwurf ertastet: den skulpturalen Charakter. Dass man den Bau gar nicht sehen müsse, um ihn zu erleben, hat Gottfried Böhm als Hundertjähriger in einem seiner letzten Interviews gesagt: „Ich war letztens mal wieder in Neviges. Die Kirche ist Gott sei Dank ein bisschen grau und dreckig geworden, man sieht den Raum nicht mehr, man spürt ihn.“

Den Abschluss der Sanierung der Wallfahrtskirche wird die Bürogemeinschaft in dem von Dominikus Böhm 1928 erbauten Haus in Köln-Marienburg nun ohne den Mariendombaumeister überwachen müssen, den seine Söhne – drei sind Architekten, der vierte Glasmaler – mit „Boss“ ansprachen. Am Samstag vergangener Woche entwarf Gottfried Böhm als letztes eine Kapelle. Am Sonntagmorgen ist er eingeschlafen und am Mittwoch gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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