Künstler Christian Boltanski

Schlafes Bruder als Thema des Lebens

Von Barbara Catoir
15.07.2021
, 17:50
Archive des Herzens und des Werks: Christian Boltanski (1944 bis 2021) im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt
Er schuf begehbare Räume der Erinnerung: Zum Tod des großen Geschichtenerzählers, Künstlers und Melancholikers Christian Boltanski

Noch wenige Stunden vor seinem Tod schrieb er in einer Mail aus dem Krankenhaus: „J’attends ton article avec impatience.“ Gemeint war der Artikel über Beuys und Frankreich in der Beilage der F.A.Z. zum hundertsten Geburtstag von Beuys. Ich ahnte nicht, dass mich dieser letzte Wunsch von Christian Boltanski aus dem Krankenhaus erreichte. Beuys war der Künstler, dem er, wie er sagte, viel zu verdanken habe. Mit seinem Werk hatte er sich verehrend und kritisch über Jahrzehnte auseinandergesetzt.

Von seinen Anfängen an war Christian Boltanski ein international orientierter Künstler, der früh in Deutschland ausstellte und hier seine Anerkennung und Wertschätzung fand. Das begann 1968 mit der fiktiven Darstellung seiner Kindheit. Der damals 24 Jahre alte Künstler aus Paris nannte sie „La vie impossible“. Es war ein umfassender Werkzyklus, der Boltanskis eigene Vita betraf, seine Kindheit. 2001 griff er das Thema erneut auf, im Unterschied zu damals mit realen Archivalien, einer Flut von persönlichen Fotografien, Briefen, Dokumenten, mit denen die Erinnerung ihre Reise in die Vergangenheit antrat. Erinnerung wurde sein großes Thema. Erinnerung schloss von Anfang an aber auch die Phantasie mit ein. Boltanski war ein großer Geschichtenerzähler. Er selbst bezeichnete sich gern auch als großen „Lügner“ und löste dabei bei seinen Studenten an der École Supérieure des Beaux-Arts viel Gelächter aus. Wie alle Melancholiker liebte er das Lachen.

Ein Leben in Romanform

Parallel zu den erinnerungsverarbeitenden Objektzyklen entstand ein Künstlerbuch mit dem nun vollständigen Titel „La vie impossible de Christian Boltanski“, das 2008 sein Pendant in seinen gleichermaßen realen und fiktiven Erinnerungen in dem Buch „La vie possible de Christian Boltanski“ erfuhr, eine Art Verhör, das Catherine Grenier auf Tonband mitgeschnitten hatte. Mit dem Erfolg nahm sein Leben auch eine Romanform an.

Christian Boltanski war der dritte Sohn einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters. Geboren wurde er am 6. September 1944 in Paris nach der Befreiung der Stadt von den Nationalsozialisten. Dem Zeitpunkt verdankt er seinen angeblich zweiten Vornamen Liberté – Freiheit, das, wofür es zu kämpfen lohnt. In einem Text von 1969 formulierte er sein künstlerisches Credo. Er wolle mit seinem Werk eine Lebensspur hinterlassen mit allem, was ihn beschäftigte und umgab.

Christian Boltanski vor seiner Installation bei der Monumenta 2010
Christian Boltanski vor seiner Installation bei der Monumenta 2010 Bild: AFP

Von seinen Anfängen an begegneten sich im Werk die Themen Kindheit und Tod, Bezauberung und Schrecken, Lebens-Chaos und das, was er früh in Bahnen lenkte und verwaltete, der bürokratische Ordnungssinn im Erstellen von Archiven. Das mündete in sein großes Lebensthema, die Schoa. Sein Werk gilt der Erinnerung, dem Kampf gegen das Vergessen. Sein Erinnern schöpfte auch aus der erzählten Erinnerung seiner Familie, einer Intellektuellen-Familie, in der er als Künstler zunächst Außenseiter war. Wie sich bald herausstellte, zog er mit seinem psychologisch und historisch interessanten Werk die Summe der verschiedenen Begabungen und Berufe in dieser Familie, auch deren liebenswerte Verrücktheiten. Der Vater Arzt, die Mutter Journalistin und Schriftstellerin, ein Bruder Sprachwissenschaftler, ein anderer Soziologe. In der nächsten Generation wird der Neffe Christophe Boltanski mit seinem Roman „Das Versteck“ und „Le guetteur“ noch einmal die Geschichte einer Familie aufgreifen, in der sich am Einzelbeispiel das Trauma des Holocaust und des Widerstands Zeitgeschichte spiegelt.

Eine weitere Vaterfigur wurde aus künstlerischer Sicht Joseph Beuys. Von ihm übernahm er die Form der Installation, des Environments, der begehbaren Räume, die ihn zu seiner künstlerischen Größe und Vollendung führten. Erst jetzt konnte er den Betrachter zum Mitakteur auffordern, und das hieß in letzter Konsequenz, dass er ihn zum Gefangenen seiner Kunst machte. Wer Boltanskis Kunst erlebte, ja zuließ sie zu erleben, weiß um die Bedrohung, die von ihr ausgeht. Sie erreicht die Menschen optisch und akustisch, zuletzt auch noch über große Filmleinwände, bewegliche Bilder, die eine Welt ohne Menschen darstellt, eine Natur, die ihre Zerstörer überlebte. Die letzten zwei Räume in seiner großen Retrospektive „Faire son temps“ im Pariser Centre Pompidou (2019/20) führten dem Besucher diese letzten Bilder vor.

Und sie stellten auch Boltanskis persönlichen Abschied von der Welt dar, seinen Tod, den er aus der Retrospektive seines Werks als seine persönliche „Ankunft“ begriff. „ARRIVÉE“ stand in roter Leuchtschrift am Ende der Schau. Boltanski wusste, dass diese große Retrospektive als Haus der Erinnerung im realen und übertragenen Sinn sein Vermächtnis darstellte. Man darf es als ein Glücksfall bezeichnen, dass der Künstler bei Marian Goodman in Paris und Kewenig in Berlin, den zwei Galerien, die sein Werk über Jahrzehnte betreuten, noch jeweils eine Ausstellung einrichten konnte. Die von Goodman war die erste Einzelausstellung nach der Retrospektive im Centre Pompidou. Sie hieß „Après“, die in Berlin „Danach“. In ihrem Zentrum standen die pochenden Herzen, die als „Archive des Herzens“ weitab vom Getriebe der Megastädte ihren bleibenden stillen Ort auf der kleinen japanischen Insel Teshima haben.

Der Tod war vor allem in seinen letzten begehbaren Räumen omnipräsent, auch im Leben. Er beschäftigte und begleitete ihn als Schlafes Bruder.

Quelle: F.A.Z.
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