Kathedrale von Burgos wird 800

Das paneuropäische Gotteshaus

Von Henrik Karge
21.07.2021
, 07:22
Als wäre es eine Vision von Schinkel: Blick auf die sich zur Westfassade hin immer höher auftürmende Kathedrale von Burgos.
Gebaut für eine Schwäbin in französischen Formen, in Teilen ausgestattet vom Atelier des Naumburger Meisters und vollendet von einem Kölner Baumeister: Die Kathedrale von Burgos wird heute achthundert Jahre alt.

Eine Schatzkammer der europäischen Kunst wird achthundert: Am 20. Juli 1221 wurde der Grundstein der Kathedrale von Burgos gelegt. Wer auf dem Jakobsweg durch Nordspanien reist, stößt in der Hauptstadt Altkastiliens auf eine steil am Hang errichtete Bischofskirche, deren spektakuläre viertürmige Silhouette an Schinkels romantische Gotikvisionen denken lässt. Die westliche Doppelturmfront und die zwei Fassaden des weit ausladenden Querhauses verstärken mit ihren statuenbesetzten Maßwerkgalerien den Eindruck eines gotischen Idealbaus. Betritt man jedoch die Kathedrale, so kann man angesichts einer Fülle von Kapellenan- und Choreinbauten, Altarretabeln und Grabmälern, Bildwerken und Dekor aller Art den Kernbau des dreizehnten Jahrhunderts kaum noch wahrnehmen. Während Besucher aus anderen europäischen Ländern zumeist stilreine musealisierte Kirchenräume gewöhnt sind, stoßen sie in Burgos auf eine Kathedrale, deren labyrinthisches Innenraumgewebe die gesamte achthundertjährige Geschichte des Bauwerks verkörpert – und im Gesamteindruck unverwechselbar spanisch wirkt. Andererseits: kaum ein anderes Bauwerk visualisiert die Einbindung der spanischen in die europäische Geschichte im gleichen Maß wie die Kathedrale von Burgos.

Dies wird schon bei der Grundsteinlegung des Jahres 1221 deutlich, die von Bischof Mauricio von Burgos und dem kastilischen König Ferdinand II. gemeinsam vollzogen wurde: Zwei Jahre zuvor war Mauricio im Auftrag Ferdinands nach Deutschland gereist, um Beatrix von Schwaben, eine Enkelin Friedrich Barbarossas, als Braut des Königs nach Spanien zu geleiten. Diese die Allianz zwischen Kastilien und der kaiserlichen Dynastie der Hohenstaufen besiegelnde Hochzeit fand am 30. November 1219 in der alten romanischen Kathedrale von Burgos statt. Es ist naheliegend, dass die Kirche für Zeremonien von europäischem Format keinen angemessenen Rahmen mehr bot und so der dringende Wunsch nach einer neuen Kathedrale in den damals neuesten Formen der französischen Gotik aufkam.

Als ein spanischer König deutscher Kaiser werden wollte

Welcher Aufwand in Burgos betrieben wurde, lässt sich daran ermessen, dass für die Planung und Ausführung des Bauwerks und der Portalskulpturen Werkleute aus verschiedenen französischen Regionen angeworben wurden: Während die Pfeiler- und Wandgestaltungen, besonders die aufwendigen Triforien, das Vorbild der Kathedrale von Bourges verraten, wurde das Südportal um 1235 von Bildhauern aus Amiens geschaffen.

„Me losse de Dom in Burgos“: Die Westtürme der Kathedrale des Baumeisters Hans von Köln alias Juan de Colonia.
„Me losse de Dom in Burgos“: Die Westtürme der Kathedrale des Baumeisters Hans von Köln alias Juan de Colonia. Bild: Sarah Weiselowski

Als die Kathedrale 1260 geweiht wurde, entsprach sie jedoch nicht mehr dem Anspruchsniveau des königlichen Hofes. Kastilien war inzwischen durch die Eroberung des islamischen Andalusiens zur beherrschenden Territorialmacht der Iberischen Halbinsel aufgestiegen. Mehr noch: Die Heirat von 1219 hatte erstaunliche geopolitische Folgen hervorgebracht. Während nach dem Tod Friedrichs II. die Stauferherrschaft in Deutschland und Italien zusammenbrach, erhob Alfons der Weise von Kastilien, Sohn von Ferdinand und Beatrix, Anspruch auf das staufische Erbe und ließ sich 1257 in Frankfurt am Main von der Hälfte der deutschen Kurfürsten zum römischen König wählen, ohne jedoch jemals im Reich zu erscheinen. Zwar kostete der kaiserliche Traum Alfons letztlich seine eigene Herrschaft in Spanien, doch intensivierte er über Jahrzehnte die Verbindungen mit dem Europa jenseits der Pyrenäen. Burgos verwandelte sich in dieser Zeit zum europäischen Aushängeschild Kastiliens – und zum Empfangssalon für königliche Prinzessinnen und Prinzen. So heiratete der Kronprinz Fernando de la Cerda am 30. November 1269 in Burgos die französische Königstochter Blanche, auf den Tag genau fünfzig Jahre nach der staufischen Hochzeit von 1219.

Dieses Schlüsselereignis der spanischen wie der deutschen Geschichte wurde im neu errichteten Kreuzgang in Form zweier vollplastischer Skulpturen verewigt. Dort nämlich reicht König Ferdinand seiner Beatrix von Schwaben den Ehering. Die außergewöhnlich ausdrucksstarken Statuen erinnern wohl nicht zufällig an die Naumburger Stifterfiguren und das Kaiserpaar Ottos des Großen und Adelheids im Meißener Dom; verschiedene technische und künstlerische Details, selbst mehrere Steinmetzzeichen sprechen dafür, dass Mitglieder der Naumburger Werkstatt im Zuge der politischen Verbindungen in der Zeit des Interregnums den weiten Weg nach Spanien genommen haben. Im Zuge eines Erweiterungsprogramms, das den Kreuzgang und die Galeriegeschosse der Fassaden einschloss, wurde die Kathedrale nach 1260 zu einem hochmodernen Kirchenbau transformiert, der seine französischen Vorbilder im Reichtum des skulpturalen Bildprogramms noch zu übertreffen versuchte. Es liegt nahe, hier auch an die imperialen Ansprüche Alfons des Weisen zu denken. Die kräftige Farbfassung des Kreuzgangs ist vor wenigen Jahren freigelegt und restauriert worden.

Stern aus steinernem Spitzengewebe: Die von Hans von Kölns Sohn Simón ab 1482 errichtete Capilla del Condestable im Osten der Kathedrale von Burgos.
Stern aus steinernem Spitzengewebe: Die von Hans von Kölns Sohn Simón ab 1482 errichtete Capilla del Condestable im Osten der Kathedrale von Burgos. Bild: Sarah Weiselowski

Die europäische Geschichte der Kathedrale von Burgos sollte sich in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fortsetzen: Nach den Plänen des Werkmeisters Juan de Colonia, also Hans von Köln, wurde die Westfassade mit zwei Turmspitzen in durchbrochener Maßwerkarbeit vollendet, mit denen die Bautradition der deutschen Spätgotik nach Spanien importiert wurde. Am anderen Ende der Kathedrale ragt die Capilla del Condestable mit ihrem spektakulären Sterngewölbe auf, die von Juans Sohn Simón de Colonia ab 1482 errichtet wurde. Die deutschstämmige Architektenfamilie hatte sich inzwischen völlig im gesellschaftlichen und künstlerischen Milieu der Iberischen Halbinsel assimiliert, ebenso wie mehrere Bildhauer aus Flandern und Frankreich, die zusammen mit spanischen Künstlern für die reiche Ausstattung der Kathedrale mit Altarretabeln und Grabmälern sorgten.

So erwies sich die Kathedrale von Burgos über die Jahrhunderte als künstlerischer Schmelztiegel, und es dürfte die Behauptung nicht allzu gewagt sein, dass kein anderes Bauwerk die Vielfalt der europäischen Kulturen an einem einzigen Ort in vergleichbarer Weise repräsentiert.

Der Verfasser ist Professor für Kunstgeschichte in Dresden mit Schwerpunkt auf Spanien.

Quelle: F.A.Z.
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