Kindertransporte

Zwischen Ländern und Familien

Von Tilman Spreckelsen
02.09.2021
, 07:56
Eine von sechshundert: Auch das Schicksal von Dr. Ruth Westheimer, hier mit Barack Obama, wird in der Ausstellung beleuchtet.
Aus Hitlers Staat entkommen: Eine Ausstellung in Frankfurts Exilarchiv erinnert an die Transporte, die über sechshundert Kinder der Stadt ins Ausland retteten.

Lili Fürst war dreizehn Jahre alt, als sie ihre Eltern zum letzten Mal sah. Im Frankfurter Hauptbahnhof bestieg sie 1938 im Rahmen eines Kindertransports den Zug nach Berlin, von dort aus wurde sie nach Malmö gebracht, wo sie von einer Pflegefamilie aufgenommen wurde. Mit den Eltern im Frankfurter Gärtnerweg wechselte sie Briefe. Der letzte erreichte sie im Oktober 1941: Sally und Ida Fürst freuen sich, dass es der Tochter bei ihrer Arbeit gefällt, und ermahnen sie, sich „immer Mühe“ zu geben und „alles pünktlich“ zu machen; übrigens fragten Lilis alte Lehrer nach ihr, das Wetter sei „noch recht schön“, und ein Onkel habe sich ganz in New York niedergelassen. Später erfuhr Lili Fürst, dass ihre Eltern am 19. Oktober 1941 nach Lodz gebracht worden und zu Tode gekommen waren.

Etwa zwanzigtausend Kinder wurden nach den Novemberpogromen 1938 und 1939 aus Deutschland in andere Staaten gerettet – ohne ihre El­tern, von denen sehr viele den Krieg nicht überlebten. Dem ging eine Zeit vol­ler bürokratischer Restriktionen vo­raus, die es jüdischen Familien so gut wie unmöglich machte, aus Deutschland zu emigrieren. Das geschah nicht nur seitens der deutschen Behörden. Die Aufnahme von Flüchtlingen wurde vielerorts an die Forderung geknüpft, die Migranten sollten etwa dafür garantieren, niemandem auf der Ta­sche zu liegen, bei guter Gesundheit zu sein oder über Fähigkeiten zu verfügen, die am Ziel ihrer Reise gebraucht würden. Oft waren die Hürden so hoch und die Verfahren so langwierig, dass selbst die niedrigen für die Aufnahme festgelegten Quoten nicht ausgeschöpft wurden.

Eine Puppe für ein ganzes Leben

Mindestens 600 Kinder aus Frankfurt am Main gelangten mit den Kindertransporten ins Ausland. Das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 beleuchtet von heute an in seinen Ausstellungsräumen in der Deutschen Nationalbi­bliothek sechs Einzelschicksale, die bei allen Unterschieden doch Facetten eines Gesamtbilds ergeben. Dabei ist jedem der sechs Kinder ein Kabinett gewidmet, das Fotos, Briefe, amtliche Dokumente und andere Zeugnisse enthält. Manchmal ist da eine Puppe, die aus Frankfurt mitgenommen und über das gesamte Leben behalten wurde, ein schwerer Überseekoffer, ein Tagebuch oder ein Stück Stoff – wo ein bisheriges Umfeld ausgelöscht wird, wo es vielleicht sogar im Interesse der Integration des Kindes angebracht erscheint, sich auf ein neues Leben zu konzentrieren und das alte möglichst hinter sich zu lassen, da wird später alles, was noch an die Zeit vor der Deportation erinnert, umso kostbarer.

In diesem Zusammenhang spielen die Fotos eine wichtige Rolle. Denn das Ziel der Ausstellung ist offensichtlich, auf eine Kontinuität der Lebensläufe zu verweisen, darauf, dass diese Biographien mit der Migration weder enden noch anfangen – sie verharrt nicht in dem Moment der traumatischen Trennung von der Familie und der Rettung, während der Großteil der Verwandtschaft sich nicht wird retten können, sondern erzählt von späteren Stewardessen, Professorinnen oder Tischlern, von vielköpfigen Familien, die in der Fremde gegründet werden, von zeitweiliger Rückkehr nach Deutschland oder vollständiger Abwendung und davon, wie all das nicht losgelöst von der Vergangenheit betrachtet werden kann.

Für diese Perspektive ist es hilfreich, dass die Kuratoren um Sylvia Asmus, die Leiterin des Exilarchivs, Gespräche mit einigen der nun alt gewordenen Migranten geführt haben, und deren ruhige, pointierte Erzählungen bilden ein Herzstück ­dieser an emotionalen Momenten nicht armen Ausstellung.

So wie man sich klugerweise auf die Schicksale Frankfurter Kinder konzentriert, so gerät auch die Stadt selbst immer wieder in den Blick – die Schulen, auf die jüdische Kinder zunächst gehen durften, und diejenigen, in die sie später gehen mussten, weil die anderen für sie plötzlich verboten waren. Eine interaktive Wandkarte zeigt die Wohnadressen der einzelnen Kinder, ihre Schulen und die Büros verschiedener Hilfsorganisationen, die zwischen verzweifelten Eltern und aufnahmebereiten Menschen im Ausland vermittelten. Eine Projektion zeigt Fotos aus dem Leben der Frankfurter Kinder vor der Emigration, und eine Weltkarte veranschaulicht, welches Land wie viele Kinder aufnahm.

Die Loyalitätskonflikte der Kinder

Was die Exponate und Tafeln allerdings nur andeuten können, ist die emotionale Situation der Kinder nach der Ankunft in der Sicherheit von Staaten wie England oder der Unsicherheit in Frankreich, Belgien oder Holland. Die Loyalitätskonflikte der Kinder lassen sich ahnen, zumal in Fällen wie dem von Lili Fürst, das wachsende Bewusstsein, entkommen zu sein, während andere ermordet wurden, und die Notwendigkeit, eine andere Sprache und bisweilen auch einen anderen Namen anzunehmen.

Die Kuratoren haben dafür eine gute Lösung gefunden, indem sie bei unterschiedlichen Künstlern sechs Comics in Auftrag gaben, die je einen dieser Lebensläufe ins Bild setzten. Und sie ließen ihnen dabei die Freiheit, der überlieferten Realität jenes Gran an Fiktion beizugeben, das solche Darstellungen nicht nur dokumentarisch, sondern auch lebendig macht und sie damit über den Einzelfall hinausweisen lässt.

Plädoyer gegen Engherzigkeit

Zugleich erinnert demnächst ein von Yael Bartana geschaffenes Denkmal in Karussellform an die Kindertransporte aus Frankfurt, dessen Mo­dell ebenfalls in der Ausstellung zu se­hen ist. Daneben werden auch andere Entwürfe für das Denkmal ausgestellt, etwa ein stilisierter Bahnsteig mit zwei spiegelnden Glasscheiben, mit dem Anne Imhof an den Moment der Ab­reise ebenso erinnert wie an erzwungene Migration als zeitloses Phänomen. Oder Michaela Meliáns Entwurf eines im Boden eingelassenen zwölfzackigen blauen Sterns, der einmal im Jahr zum Schauplatz einer Kinder­chor­aufführung eines neu komponierten Werks werden sollte, um damit an Siegfried Würzbergers „Passacaglia“ zu erinnern – auch ein Sohn des 1942 nach Lodz verschleppten Organisten der Frankfurter Westend-Synagoge gelangte mit einem der Kindertransporte nach England.

Explizite Parallelen zu Flucht und Vertreibung in unserer Zeit, zu fehlender oder vorhandener Aufnahme­bereitschaft muss diese Ausstellung gar nicht ziehen. Sie drängen sich sowieso auf. Was unbegleitete jugendliche Flüchtlinge durchmachen, wird in den sechs Schicksalen ebenso deutlich wie in den summarischen Schautafeln. Und so beleuchtet die Aus­stellung nicht nur auf vorzügliche Weise einen Teil Frankfurter Geschichte, die sich zur deutschen Geschichte weitet. Sie ist auch ein nachdrückliches Plädoyer gegen Engherzigkeit im Umgang mit denjenigen, die heute gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen.

Kinderemigration aus Frankfurt am Main. Bis zum 15. Mai 2022, Deutsches Exilarchiv 1933–1945 in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt. Der für Oktober angekündigte Katalog kostet 24,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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