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Rekordpreis für Miniaturbild

Ochsenkopf am Ofen

Von Stefan Trinks
 - 21:25
24 Millionen Euro für 24 Zentimeter und 20 Figuren: Cimabues „Verspottung Christi“ von etwa 1280, hing jahrelang bei einer alten Frau im nordfranzösischen Compiègne über dem Herdzur Bildergalerie

Der Kunsthistoriograph Vasari beginnt im Jahr 1550 seine Viten der wichtigsten Künstler mit dem Florentiner Maler Cimabue (Vasari zufolge 1240 geboren und 1302 gestorben) und seinem Schüler Giotto. Für ihn stehen beide für den Anfang der Renaissance. Mit Lebendigkeit und naturalistischen Details überwand Cimabue die strenge Statuarik des damals in Italien noch dominierenden byzantinischen Stils. Seine Malerei zeigt bereits Ansätze perspektivischer Darstellung.

Diese die althergebrachte Tradition über den Haufen werfende Lebendigkeit und Detailfreude sprüht auch aus einer goldgrundigen Holztafel, die im Juni diesen Jahres in einem französischen Privathaushalt gefunden wurde und die aus stilistischen und technischen Gründen Cimabue, italienisch für „Ochsenkopf“, zugeschrieben werden könnte. Auf nur 24,6 Zentimetern Höhe gelingt es dem Maler, die Passionsszene der „Verspottung Christi“ mit zwanzig Figuren unterzubringen.

Lynchmob gegen Gottessohn

Der zumeist überschnittene Haufen der Schergen läuft von beiden Seiten aus pyramidal auf den zentralen, alle überragenden Christus an. Die Spitze dieses optischen Dreiecks aus Leibern bildet eine ausgestreckte Hand über dem in den Goldgrund perforierten Heiligenschein Christi, die ein signalrotes Schwert von links abzuwehren sucht. Ebenso wie der Mann in lachsfarbenem Gewand auch mit seinem linken ausgestreckten Arm Christus schützen will, breitet ein Grauhaariger links des Heilands seine Arme als menschlicher Schutzschirm aus. Ein aufgebrachter Lynchmob steht hier kurz davor, den für die Kreuzigung Bestimmten zu richten.

Furios komponiert der Künstler das Menschenknäuel, bereichert es um markante Farbakzente wie rote Schwertblätter und -Scheiden und macht die Räume eng, indem er die beiden Türme an den Rändern des Bildes in einer Frühform der Perspektive auf die tumultuöse Szene „schauen“ lässt. Der Maler erweitert das Thema zugleich beträchtlich, weil es genau genommen gar keine „Verspottung Christi“ mit auf den Gottessohn spuckenden und gegen ihn gestikulierenden Menschen ist - vielmehr erfindet der Künstler einen völlig neuen Moment innerhalb der Passion Christi: Im Bruchteil eines Augenblicks entlädt sich brutale Gewalt gegen denjenigen, der kurz zuvor noch beim Einzug in Jerusalem als Messias gefeiert wurde. Im letzten Moment kann einer der Jünger Christi das leuchtend rote Schwert von dessen Kopf abwehren, wie dieser zuvor bei der „Gefangennahme im Garten Gethsemane“ das von Petrus durch einen Schwertstreich abgeschlagene Ohr des Dieners Malchus wieder angeheilt hatte. Nicht nur diese Neuerfindung eines Themas spricht bei dem Bild gegen eine Fälschung „in der Art von“ Cimabue; auch das düstere Bildthema scheint im Vergleich etwa mit einer lieblichen Madonna der Frührenaissance wenig verkaufsträchtig.

Fest steht, dass das Gemälde Teil eines mehrteiligen Altar-Polyptychons war, da Darstellungen der Verspottung im dreizehnten Jahrhundert nicht isoliert vorkommen. Stilistisch kann das Gemälde auf die Jahre um 1280 datiert werden. Aber auch inhaltlich würde dies gut in das Schaffen Cimabues passen, da bekannt ist, dass er in dieser Zeit acht Szenen der Passion und Kreuzigung Christi malte.

Die bemerkenswerte Tafel gehört einer älteren Frau aus dem nordfranzösischen Compiègne, bei der sie zwischen Küche und Wohnzimmer direkt über einer Kochplatte hing. Ein weiterer Cimabue gleichen Formats hängt in der National Gallery in London, die „Jungfrau mit Kind und zwei Engeln“. Vor allem aber die Tafel „Geißelung Christi“ der New Yorker Frick-Collection bietet sich für einen Vergleich mit dem nun in Frankreich gefundenen Bild an, da sie bei 24,8 Zentimeter Höhe sehr ähnliche Rahmenarchitekturen aufweist.

Die Besitzerin des französischen Gemäldes hielt das Gemälde ursprünglich für eine alte Ikone, als sie es für eine Bewertung zu einem lokalen Auktionshaus brachte. Dort eröffnete man ihr, dass es ein Cimabue sein könne.

Stilistisch rückt die Besonderheit des punzierten Nimbus Christi, die charakteristische Gestaltung seiner gelockten Haare auf den Schultern oder die nach vorn kippenden Gebäude in Rosa- und Grautönen das Bild tatsächlich in große Nähe zu dem New Yorker Cimabue.

Insbesondere aber ergaben technische Untersuchungen mit Infrarotlicht, welches die Farbschichten bis zur Grundierung durchdringt, dass die schwer zu fälschenden Vorzeichnungen des Gemäldes von derselben Hand stammen wie die anderen gesicherten Werke von Cimabue. Die kostbare Tafel, die mit ihrer subtilen Orchestrierung ein Auftakt der Renaissance ist und die wie durch ein Wunder die Jahre über dem Herd erstaunlich gut überstanden hat, wurde am 27. Oktober im Auktionshaus Actéon in Senlis nördlich von Paris für den Rekordpreis von 24,18 Millionen Euro versteigert. Cimabues psychologisch aufs Äußerste aufgeladene Schilderung der „Verspottung und Bedrohung Christi“ ist damit das teuerste Gemälde der Frührenaissance. Zu Recht, weil dieses Bild buchstäblich einzigartig ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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