<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Wallraf-Richartz-Museum Köln

Diese Brüche muss man aushalten

Von Kai Spanke
 - 22:41

„Es war einmal in Amerika“. Alles Wesentliche, was es über die Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sagen gibt, steckt in ihrem Titel. Zum einen erinnert er ans Märchen, zu dessen Inventar archetypische Figuren und variable, an die soziale Realität angelehnte Handlungsstränge gehören. Zum anderen zitiert er Sergio Leones Film „Once Upon a Time in America“. Mit seinen Italo-Western hat der Regisseur ein ganzes Genre einschließlich der darin verhandelten Mythen auf links gedreht und in der schwarzen Galle europäischer Schwermut mariniert. Lange vor ihm wiederum haben amerikanische Künstler die Kollegen aus Europa studiert und deren Bildlösungen so lange umgeformt und durch die Mangel gedreht, bis sie zur eigenen neuen Welt passten.

Die Ergebnisse dieses Umschreibungsprogramms lassen sich ausgezeichnet an den Porträts der Kolonialzeit und den Historienbildern des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts, am besten jedoch an den Werken der „Hudson River School“ überprüfen. Der Name der Gruppe war ursprünglich als Beleidigung gedacht. Er soll von einem Kunstkritiker stammen, der die Landschaftsbilder einiger Maler aus New York schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung Mitte des neunzehnten Jahrhunderts abgegriffen und altbacken fand. In der Tat sieht man vielen der Gemälde die Orientierung an europäischen Gepflogenheiten, besonders der Düsseldorfer Schule an. Allerdings haben die Schöpfer zugleich hergebrachte Konventionen verabschiedet oder neu interpretiert. So zeigt Thomas Coles surreal anmutendes Tableau „Vertreibung. Mond und Feuerschein“ von 1828 nicht die naheliegende biblische Szene, sondern eine allegorisch aufgeladene archetypische Wildnis. Von Adam und Eva fehlt jede Spur. Dafür vereinigen sich eine steinerne Brücke und ein Wasserfall in der Bildmitte zu einem Kreuz. Rechts davon ein paradiesisches Tal, linker Hand Felsen und knorrige Bäume.

Ein Bekenntnis an die Wahrhaftigkeit

In seinem 1836 veröffentlichten „Essay on American Scenery“ stellt Cole die These auf, die Malerei der Neuen Welt beziehe sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Gegenwart und Zukunft. Damit wendet er sich bewusst von Europa ab, wo das Historienbild lange Zeit als Garant für höhere Weihen galt. Für Coles Behauptung spricht Frances Flora Bond Palmers Lithographie „Quer durch den Kontinent: Westwärts nimmt der Gang des Imperiums seinen Lauf“ (1868). Der sperrige Titel zitiert ein Gedicht des Philosophen George Berkeley über den Niedergang europäischer Macht und die Hoffnung auf einen kulturellen Neuanfang in den amerikanischen Territorien. Zu sehen ist eine Dampflok, die von Ost nach West fährt, während im Vordergrund Siedler, Telegrafenmasten und eine Schule versinnbildlichen, wo die Reise hingeht. Letztlich ist die Arbeit eine Darstellung der „Manifest Destiny“, also der gottgewollten, gleichsam märchenhaften Expansion Richtung Pazifik.

Den Hauptakteur dieser Landnahme feiert Frederic Remington als Pionier und Naturbändiger mit seiner Bronze „Der Zureiter“ von 1895. Dabei handelt es sich um einen Cowboy, der sich gerade eben auf einem störrischen Pferd halten kann, welches den Rücken krümmt und ihn abzuwerfen droht. Seine Füße sind längst aus den Steigbügeln gerutscht, aber mit der linken Hand hat er die Zügel noch im Griff. Die unrunde, verbockte Dynamik der Skulptur sucht ihresgleichen, die Kleidung des Reiters ist eine großartige Faltenwurf-Studie, die Details – Waffe, Zaumzeug, Hut – sind ein Bekenntnis an die Wahrhaftigkeit. Temperamentvoller kann Wildwestromantik nicht aussehen.

Hundertdreißig Leihgaben nach Köln geholt

Auf der anderen Seite stehen die Leidtragenden der „Manifest Destiny“. Gustavus Hesselius hat 1735 einen Angehörigen der Delaware-Indianer namens Lapowinsa porträtiert. Erst wenn man sich vor Augen führt, wie hölzern, leblos und klischeehaft viele Bildnisse von amerikanischen Ureinwohnern sind, wird Hesselius’ große Leistung deutlich. Lapowinsa schaut skeptisch und schicksalsergeben; der Blick, die Kleidung und die beiden Gesichtstätowierungen – zwei Donnervögel und eine Schlange – gemahnen an eine Zeit, in der die Europäer noch nicht über ganz Nordamerika hinweggerollt sind und allenthalben verbrannte Erde hinterlassen haben.

Der Kuratorin Barbara Schaefer und ihrer Mitarbeiterin Anita Hachmann ist es gelungen, mehr als hundertdreißig Leihgaben aus den Vereinigten Staaten und Europa nach Köln zu holen. Damit kann man erstmals in Deutschland die Spielarten und Nuancen der amerikanischen Kunst vor 1945 detailliert erkunden. Bei dem Mammutprojekt ging es nicht zuletzt um Vollständigkeit: John Copley und Benjamin West, George Bellows und Barnett Newman, Georgia O’Keeffe und Thomas Hart Benton – sie alle sind dabei, denn die Schau deckt einen Zeitraum von dreihundert Jahren ab.

Wie eine junge Nation langsam zu sich findet

Kann das funktionieren? Oder wäre weniger mehr gewesen? Ohne Edward Hopper etwa, auf den die Besucher spekulieren und dessen Werke man vorwiegend aus Kneipen, Arztpraxen und von Kalenderblättchen kennt, darf eine solche Ausstellung freilich nicht an den Start gehen. Daher findet sich seine 1928 gefertigte Licht-Schatten-Studie „Hodgkins Haus“ auch auf dem Cover des Katalogs. Was sich alles an Hopper entdecken lässt, hat vor vierzehn Jahren die fulminante Retrospektive des Kölner Museums Ludwig offenbart. Dagegen sind seine vier nun gezeigten und etwas verloren wirkenden Arbeiten in erster Linie eine absehbare Notwendigkeit. Wäre es vielleicht sinnvoller gewesen, auf so bekannte Lichtgestalten wie Hopper, Mark Rothko und Jackson Pollock ganz zu verzichten und lieber weitere Werke von Albert Bierstadt oder Eastman Johnson zu präsentieren?

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

Will man das Gros dessen berücksichtigen, was in Amerika zwischen 1650 und 1950 von künstlerischem Gewicht gewesen ist, gilt es, eine stupende Heterogenität auszuhalten. Kontraste, Divergenzen und Brüche werden dann erst richtig sichtbar. Dennoch folgt die Ausstellung einer geradezu natürlich anmutenden Ordnung: Die Porträtmalerei der Kolonialzeit wird von Gemälden abgelöst, in denen die noch junge Nation langsam zu sich findet. Es folgen – parallel zur Erschließung des Landes – Bilder, die den Wilden Westen und die unberührte Natur illustrieren. Daraufhin geht es vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts, dem von Mark Twain sogenannten „Gilded Age“, zur Ascheimer-Schule, die sich dem großstädtischen Leben von Trinkern, Verbrechern und Außenseitern widmete. Das Finale ist der Moderne und dem abstrakten Expressionismus vorbehalten.

Ein konsequentes Ende

Die vom Besucherpfad suggerierte Kontinuität kann von den vielen grandiosen Exponaten, die zum Teil aus jedem ästhetischen Rahmen fallen, nicht eingelöst werden. Insofern zeigt die Ausstellung sehr schön, was in vielen Museen seit jeher Usus ist. Sie reihen Erwartbares aneinander und inszenieren Kunstgeschichte als logische Entwicklung. Ein, wenn nicht der Botschafter dieser Idee ist Ernst Gombrich, der die Geschichte der Kunst in seinem gleichnamigen Standardwerk als fließenden Prozess schildert, bei dem eine Epoche aus der vorherigen quasi automatisch geboren wird.

Trotzdem bleibt die Ausstellung wegen der Fülle an Bildern, welche die Vereinigten Staaten zuvor noch nie verlassen haben, als beeindruckendes Ereignis in Erinnerung. Dass sie mit Werken aus den fünfziger Jahren endet, einer Zeit also, als die amerikanische Kunst genuine Alleinstellungsmerkmale zu entwickeln begann, ist konsequent und richtig. Denn das Märchenhafte, der Hang zum Pastiche und der in die Alte Welt schielende eklektische Blick sind nach dem Zweiten Weltkrieg zusehends verlorengegangen. Wer wollte da noch „es war einmal“ sagen?

Es war einmal in Amerika. 300 Jahre US-amerikanische Kunst. Im Wallraf-Richartz-Museum, Köln; bis zum 24. März. Der Katalog kostet 39,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Kai Spanke
Volontär.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenUSAEuropaKöln