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Antonino Leto in Palermo

Abschied von Arkadien

Von Andreas Rossmann, Palermo
 - 22:42

Die Reisenden, die auf der Grand Tour bis nach Sizilien kamen, wussten, was sie erwartete. Literatur und Landschaftsmalerei hatten sie vorbereitet, auch voreingenommen, der Vorrat an Erinnerungen war ihre Wegzehrung: „Mit keinen Worten ist die dunstige Klarheit auszudrücken, die um die Küsten schwebte, als wir am schönsten Nachmittage gegen Palermo anfuhren“, notiert Johann Wolfgang von Goethe am 3. April 1787 in der „Italienischen Reise“.

„Die Reinheit der Konture, die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne, die Harmonie von Himmel, Meer und Erde. Wer es gesehen hat, der hat es auf sein ganzes Leben.“ Die Kunst adelte die Wahrnehmung und mit ihr die Wirklichkeit selbst. Der nächste Satz des Dichters bestätigt es: „Nun versteh’ ich erst die Claude Lorrains.“

Der ästhetische Mehrwert war den Fremden vorbehalten. Die einheimischen Künstler konnte das Licht nicht blenden, sie sahen mit eigenen Augen. Die „Königin der Inseln“ (Goethe) war für sie kein Arkadien.

Eine malerische Absage an die Idealisierung des Südens

Als Antonino Leto, der 1844 in Monreale geboren wurde, sich in jungen Jahren für die Malerei entschied, eröffneten sich neue Perspektiven: Die Mode der Grand Tour flaute ab, die Nation wurde 1861 geeint, Sizilien, wo Garibaldi im Jahr zuvor gelandet war und der „Zug der Tausend“ begonnen hatte, ging im neuen Königreich Italien auf, und die aufkommende Fotografie pochte auf Wirklichkeitstreue.

Gleich die frühesten Gemälde der Ausstellung „Antonino Leto – Tra l’epopea dei Florio e la luce di Capri“ (Antonino Leto – Zwischen dem Florio-Epos und dem Licht von Capri) in der Galleria d’Arte Moderna in Palermo erteilen der Idealisierung des Südens und den Mustern klassischer Vollkommenheit eine Absage: karge, von Felsen und Macchia geprägte Landschaften, entwurzelte, sturmzerzauste Bäume, Sträucher und Kakteen vor grau bewegtem Himmel, eine schattig-düstere Fluss-Ansicht.

Das einfache, entbehrungsreiche Leben, das Giovanni Verga in seinen veristischen Erzählungen von 1881 schildert, wird hier in der Malerei antizipiert.

Der Sizilianer Leto hat die Grand Tour in der Gegenrichtung absolviert. Der Süden mag den Künstlern Bildung beschert und den letzten Schliff verpasst haben, Anerkennung, Reputation und die bessere Ausbildung wurden im Norden erworben. Im Alter von zwanzig Jahren geht der Maler nach Neapel, wo er bei Giuseppe De Nittis, Marco De Gregorio und Federico Rossano, drei Vertretern der Schule von Resina, in Portici studiert.

Zwischen Verismus und Impressionismus

Seine Naturdarstellungen werden poetischer, die Farben leuchtender, die Schattierungen des Lichts feiner, Häuser und Wald heben sich friedlich und freundlich vor dem dunkelgrauen Vesuv ab. Schon nach sechs Monaten kehrt Leto krankheitsbedingt nach Palermo zurück, wo er den Senator Ignazio Florio kennenlernt. Der Weinmagnat beauftragt ihn mit einer Ansicht seines Firmensitzes in Marsala, einer imposanten kastellartigen Anlage an der Küste, die sich zwischen Meer und Himmel schiebt.

Leto nimmt an Ausstellungen und Wettbewerben in Syrakus, Mailand und Rom teil, gewinnt Auszeichnungen und Stipendien. Erst 1873 kommt er wieder nach Neapel; von 1874 bis 1876 lebt er in Florenz, wo er sich mit der Technik der „Macchiaioli“ (Fleckenmaler) vertraut macht. Hier wird Adolphe Goupil auf ihn aufmerksam, der fünf Bilder von ihm erwirbt und ihn zwei Jahre später nach Paris einlädt.

Szenen des Lebens in der Stadt und an der Seine bedienen, einnehmend und elegant, das großbürgerliche Publikum, Leto ist gut im Geschäft und auch in London gefragt. Der Kontakt zu den Florios, einer fortschrittlichen Unternehmerfamilie, die nach dem Wein auch in die Fischerei und in den Schiffsverkehr investiert und in Palermo die republikanische Zeitung „L’Ora“ gründet, wird ausgedehnt:

Neben Porträts und Szenen von Festen, auch kitschnahen Putten über dem Kamin oder heiteren Kindheitsbildern von Zeus als Teil der enkomiastischen Ausmalung der Villa dieses Kunstmäzens, der für die sizilianische Variante der Belle Epoque maßgeblich war, entstehen das Gemälde „Saline di Trapani“ und das Hauptwerk „La mattanza a Favignana (La pesca del tonno)“ – auf dem großformatigen Bild des Thunfischfangs von 1887 wird das Fisch-Schlachtfest als martialisches, männerbündisches, Blut und Wasser aufpeitschendes Spektakel dramatisiert.

Flirrende Alltagsszenen aus dem Golf von Neapel

Schon 1889, mit Mitte vierzig, zieht sich Leto aus gesundheitlichen Gründen auf die Insel Capri zurück, wo er einen Künstlerkreis gründet und sein Haus in der Via Tragara zum Treffpunkt für ausländische Sammler wird. Auch „Kanonenkönig“ Friedrich Alfred Krupp und der Frankfurter Bankier Hugo Andreae gehören zu seinen Kunden; junge Maler, die sich auf Capri niederlassen, nehmen sich ihn zum Vorbild.

Sein Spätwerk lässt Bild für Bild die Insel besichtigen, in Alltagsszenen und Ortsansichten, Veduten von Straßen und Häusern, Felsklippen und Grotten, Figurenstudien von Fischern, Seeleuten, Hirten und Gassenjungen, Strand- und Badeszenen, die das Licht flirren und vibrieren lassen. Als Leto 1913, im Alter von 68 Jahren, stirbt, ist er mittellos, so dass er im Familiengrab seines Schülers Michele Federico beigesetzt wird. Elf Jahre später richtet ihm die Biennale in Venedig die erste Retrospektive aus.

Die zeitgenössische Kunst hat es seit jeher schwer auf Sizilien, denn zu übermächtig sind die Werke und Schätze der Vergangenheit. Auch die Manifesta 12, die 2018 in Palermo stattfand, bekam es zu spüren: Viele Exponate hatten Mühe, sich gegen die Orte der Ausstellung zu behaupten.

Als die Galleria d’Arte Moderna 1910 gegründet wurde, kam sie zunächst in einem Zwischengeschoss des neoklassizistischen Teatro Politeama unter. Das Provisorium währte fast hundert Jahre, erst 2006 zog sie in den dafür hergerichteten Palazzo Bonet aus dem frühen sechzehnten Jahrhundert und den angrenzenden Kreuzgang der Kirche Sant’Anna la Misericordia, wo Leto in der ständigen Sammlung ein eigener Saal eingeräumt wurde.

Dem Maler diese große Ausstellung mit rund hundert Werken zu widmen (darunter viele von privaten Leihgebern und nicht durchweg erster Güte) ist auch ein Beitrag zur kulturellen Identität der Insel: Ein Künstler wird lanciert und dem Vergleich mit Zeitgenossen wie Karl Wilhelm Diefenbach mit seiner „Blauen Grotte“ ausgesetzt.

Dabei war Leto in Sizilien verwurzelt und nahm eine eigene Position der europäischen Moderne zwischen Macchiaioli und Impressionismus ein. Schon das Werk von Francesco Lojacono (1838 bis 1915), mit dem der neue Standort vor zwölf Jahren eröffnet wurde, stand dafür ein. So sind im Gegenverkehr zur Grand Tour noch neue Begegnungen möglich.

Antonino Leto – Tra l’epopea dei Florio e la luce di Capri. In der Galleria d’Arte Moderna, Palermo; bis zum 10. Februar. Der Katalog kostet 29 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rossmann, Andreas (aro.)
Andreas Rossmann
Freier Autor im Feuilleton.
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