Archäologie

Wichtigster Fund seit 1922

Von Rainer Hermann, Istanbul
21.06.2006
, 18:02
Der amerikanische Archäologe Otto Schaden hat sieben Meter vom Grab Tutanchamuns entfernt eine neue Grabkammer mit Sarkophagen entdeckt. In zweien von ihnen könnten königliche Gebeine stecken.

Im Tal der Könige sei jeder Fund bedeutsam, sagt der Archäologe Ali Radwan. „Dieser Fund aber ist der wichtigste, seit Howard Carter 1922 die Grabkammer von Tutanchamun geöffnet hat“, urteilt Radwan, der zu den führenden Archäologen Ägyptens gehört. Ein bißchen war dem amerikanischen Archäologen Otto Schaden dabei auch der Zufall zu Hilfe gekommen. Viele Jahre hatte er ganz in der Nähe an einem anderen Grab gearbeitet. Dann beauftragte ihn die ägyptische Antikenverwaltung, die Stelle für ein Projekt zu räumen, das den Touristen den beschwerlichen Besuch des Tals der Könige erleichtern soll.

Schaden säuberte die Stelle noch ein wenig, und unverhofft stieß er während des Säuberns auf einen Schacht. An dessen Ende entdeckte er eine Öffnung, und dahinter legte er eine Grabkammer mit sieben Sarkophagen und vielen Krügen frei.

Container und Mumien

Sie liegt nur sieben Meter von Tutanchamuns Grab entfernt in vier Meter Tiefe. In fünf Sarkophagen fanden die Wissenschaftler Balsamierungsstoffe, die für das Mumifizieren verwendet wurden, Natron und andere Chemikalien, auch Leinenrollen für das Einwickeln der Leichen. „Die meisten Sarkophage waren also nichts weiter als Container“, sagt Ali Radwan.

Die Spannung gilt nun den beiden ungeöffneten Sarkophagen. In ihnen vermuten die Wissenschaftler Mumien. Konkrete Aussagen könne man indes erst in einigen Wochen machen, wehrt Radwan voreilige Spekulationen ab. Schaden selbst hat angeregt, möglicherweise sei Tutanchamuns Witwe Anchesenamun in der Kammer begraben.

Der Leiter der ägyptischen Altertumsverwaltung, Sahi Hawass, hat indes die Mutter des nahe bestatteten Pharaos ins Spiel gebracht. Die Witwe habe nach dem frühen Tod ihres Mannes gewiß genügend Zeit gehabt, sich ein würdigeres Grab zu organisieren, argumentiert Hawass. Der Leiter der Antikenverwaltung für die Region Luxor, Mansur Buraik, ist sich zu „70 Prozent“ sicher, daß man bei der Öffnung der Sarkophage „königliche Mumien“ sehen werde.

Königliche Gebeine

Die Wissenschaftler haben schon damit begonnen, den Teer zu beseitigen, mit dem die zwei vergoldeten Sarkophage versiegelt sind. Radwan mahnt zur Geduld. Erst müßten die Restauratoren den Teer beseitigen, müßten die Ägyptologen die Inschriften entziffern und müßten die Wissenschaftler die Sarkophage öffnen.

Eines ist jedoch auch für dem früheren Dekan der Fakultät für Archäologie der Universität Kairo gewiß: Hier können nur Gebeine der königlichen Familie bestattet sein. Nur sie durften im Tal der Könige bestattet werden, sagt der an der Universität München ausgebildete Wissenschaftler. Das schließe die Amme des Pharaos ein.

Radwan hatte die Fundstelle unmittelbar vor der Öffnung der ersten Sarkophage zuletzt besucht. Aus seinen Beobachtungen datiert er das freigelegte Grab auf das Ende der 18. Dynastie. Tutanchamun war der letzte Pharao dieser 18. Dynastie, bevor er im Jahr 1337 vor Christus im Alter von wahrscheinlich nur 19 Jahren eines gewaltsamen Todes starb und einige Jahre der Wirren folgten.

Konflikte unter Wissenschaftlern

Was Radwan im Schacht und der Grabkammer sah, müsse aus der zu Ende gehenden 18. Dynastie stammen, also aus der Zeit unmittelbar nach der Bestattung von Tutanchamun, sagt Radwan. Zum Beispiel hätten die vielen Krüge, die in der Grabkammer entdeckt wurden, eine Form, die typisch sei für die ausgehende 18. Dynastie. Auch die bislang entzifferten Inschriften belegten diese Hypothese. Die Funde darüber, die datiert Radwan eindeutig in die 19. Dynastie, also in die beginnende ramisidinische Zeit. Die Kammer, auf die Schaden gestoßen ist, müsse daher gegen Ende der 18. Dynastie geschlossen worden sein.

Nichts hält Radwan von dem Konflikt zwischen Schaden und dem britischen Archäologen Nicolas Reeves. Der wollte den Fund des „KV63“ genannten Grabs für sich beanspruchen, weil er bis 2002 im Bereich des entdeckten Grabes die Vorarbeiten geleistet habe, bis ihm die Antikenverwaltung seine Grabungslizenz entzog.

Das Verdienst liege allein bei Schaden und dessen Expedition, sagt Radwan. Allein der Archäologieprofessor von der Universität Memphis im Bundesstaat Tennessee halte eine Grabungslizenz. Und Schaden wird als der glücklichste Forscher im Tal der Könige seit Howard Carter in wenigen Wochen bekanntgeben, welche Mumien er nun entdeckt hat.

Quelle: F.A.Z., 22.06.2006, Nr. 142 / Seite 7
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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