Gründung eines Fotoinstituts

Fotografien sind unsere Erinnerung

Von Maren Lübbke-Tidow
03.03.2021
, 15:02
Diskussionen um den möglichen Standort eines deutschen Instituts für Fotografie haben dessen Konzeption lange überschattet. Dabei sind die Erwartungen und Ansprüche hoch.

Die Aussicht auf die Gründung eines Instituts für Fotografie, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Sommer 2019 auf ihre Agenda gesetzt hat und für die auch rasch erste Schritte unternommen wurden, stimmte hoffnungsfroh, weckte Begehrlichkeiten – und ließ viele Fragen offen. Denn statt dem Vorhaben inhaltlich Kontur zu verleihen, etwa wie mit Vor- und Nachlässen von Fotografen zukünftig umzugehen sei und welche Infrastrukturen man zu deren Sicherung, Erhaltung, Erforschung und Vermittlung brauche, spielte sich schnell eine hässliche Standortdebatte in den Vordergrund. Als gesetzt dürfte Nordrhein-Westfalen gelten. Jedenfalls dann, wenn mit der Veröffentlichung der Machbarkeitsstudie, die gegenwärtig ein kleines Grundstück im Düsseldorfer Gebäude- und Gartenensemble Ehrenhof genauso wie ein großes Areal auf dem Welterbecampus der Zeche Zollverein in Essen prüft, das zu erwartende politische Ränkespiel um den Ort nicht derart zu Verwerfungen führt, dass die Verantwortlichen gezwungen werden, noch einmal neu anzusetzen.

Historisch gesehen sind Rheinland und Ruhrgebiet für die Fotografie von internationaler Bedeutung, darüber hinaus finanzstark. So erscheint es legitim wie auch machbar, hier die Kräfte zu bündeln und einen erstklassigen Ort zu etablieren. Trotzdem sind Empfindlichkeiten hinsichtlich des Standortes vorhanden. Und das nicht nur, weil deutschlandweit bereits mehr als hundert Institutionen über fotografische Vor- und Nachlässe verfügen, die nun hoffentlich nicht um ihre Bedeutung und um Kürzung ihrer Mittel fürchten müssen, sondern auch, weil der auf Initiative von Andreas Gursky ins Leben gerufene Verein zur Gründung und Förderung eines Deutschen Fotoinstituts e.V. an Grütters und der von ihr berufenen Expertengruppe um den Kurator Thomas Weski vorbeipreschte und sich überaus wirksam für Düsseldorf einsetzte, noch bevor Konzepte vorlagen. Mit dieser Aktion klang eine unangenehme Versorgungsmentalität der sogenannten Düsseldorfer Schule an, mit der die vielfältige gesamtdeutsche Fotografieszene und ihre Institutionen aus dem Blickfeld zu rutschen drohten. Das kam nicht gut an.

Regionale Klüngelei

Es war deshalb gut, dass nach coronabedingter mehrfacher Verschiebung jetzt ein von der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) gemeinsam mit der SK Stiftung Kultur organisiertes Symposion zu „Photographischen Archiven im künstlerischen Kontext“ endlich stattfand, wenn freilich auch nur online. Rechtzeitig vor Veröffentlichung der schon bald erwarteten Machbarkeitsstudie wollte man Signale an die Entscheidungsträger aussenden, Ansprüche und Erwartungen an die Institutsgründung formulieren und nicht zuletzt der Debatte strukturell-inhaltlich Richtung geben. Ein wenig kurios mutete es deshalb an, dass auch dieses Symposion trotz aller Beteuerungen der Veranstalter, nicht den Standort diskutieren zu wollen, allein durch seinen Untertitel – „Denkanstöße für das Rheinland und Ruhrgebiet“ – einer Fixierung zumindest auf die Region erlag. Zudem waren die meisten Teilnehmer entweder institutionell in der Region angesiedelt oder waren ihr biographisch verbunden.

Dies war eine Selbstbeschränkung, die dem nationalen Anspruch des künftigen Instituts nicht gerecht wird, und man musste sich fragen, warum hier nicht bundesländerübergreifend, ja international, divers und auch generationenübergreifend über ein Medium diskutiert wurde, das wie kein anderes über regionale und nationale Grenzen hinweg global verständlich und zugleich noch immer zu wenig erforscht ist und internationale Standards zur Verständigung braucht. Immerhin aber war der Blick auf dieser zweitägigen Veranstaltung geweitet. Denn: Auch ein konkreter Ort für die Fotografie ist elementar auf Vernetzung angewiesen. Diese Idee und Vorstellung setzte sich über alle Fachgruppen und Podien als das zentrale Kriterium für ein erfolgversprechend agierendes Institut durch.

Aus der Perspektive der Sammlungsleitungen fotografischer Konvolute liegt der Reiz eines zentralen Instituts für Fotografie in der Arbeit am konkreten Objekt, die einen Kern oder Nukleus der wissenschaftlichen Arbeit bildet, der aber im Museumsbetrieb oft nicht vollumfänglich nachgegangen werden kann. Als große Chance wird zudem gesehen, einen Ort zu etablieren, der Wissenschaftler aus der ganzen Welt anzieht und dazu beiträgt, der Fotografie-Nation Deutschland international zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Dafür ist Zugänglichkeit entscheidend. Um Bestände idealerweise auch über den Ort hinaus und aus unterschiedlichen fotografischen Sammlungen und Archiven sinnvoll zusammenzuführen und auch digital verfügbar zu machen, braucht es Vernetzung über synchronisierte Datenbanken. Um eine Art Superplattform zu etablieren, bedarf es jedoch standardisierter Digitalisate der jeweiligen Bestände, die mitnichten gegeben sind.

Eine ähnliche Baustelle ergibt sich aus technologisch-konservatorischer Sicht. Dass Fotorestauratoren mit dem durchaus reizvollen Widerspruch umgehen müssen, ein vergängliches Medium zu archivieren, zeigt, wie wichtig es ist, sich mehr Wissen anzueignen, um dem Problem entgegentreten zu können. Mehr fachlicher Austausch bei der Übernahme von Fotografien in eine Sammlung war ein erstes Stichwort nicht nur gegenüber den Kuratoren, sondern auch den Urhebern der Werke. Das ist etwas, was, so war später von Künstlerseite zu hören, bisher kaum geschieht. Auch der Wunsch nach Etablierung internationaler Standards in Form eines nur zögerlich in den Institutionen ankommenden vereinheitlichten Fact Sheet wurde hervorgehoben. Damit könnten ein Werk und seine materiell-technischen Eigenschaften umfassend dokumentiert und Möglichkeiten im Umgang im Schadensfall aufgezeigt werden.

Um zu verstehen, wie komplex ein solches Ansinnen ist, reicht es, sich zu vergegenwärtigen, dass fotografisches Material nicht nur hochsensibel, sondern auch maximal divers ist. Darüber hinaus passen Künstler entsprechend den sich verändernden technischen Möglichkeiten – oder Beschränkungen – ihren Umgang mit auch bereits bestehenden Werken immer wieder neu an, oft ohne die Verfahren zu hinterlegen. Wie trägt man dem archivarisch Rechnung? Schließlich bleiben immer schneller werdende technologische Innovationszyklen nicht ohne Folgen für die Frage nach dem Erhalt des Originalcharakters eines Werkes, eine Frage, der nicht nur technisch-konservatorisch begegnet werden muss, sondern die auch intellektuell geklärt werden muss.

Für die Künstler ist ein in alle Richtungen verantwortungsvoller Umgang entscheidend – worunter nicht wenige auch verstehen, ihre Arbeiten nicht bloß national zu verankern. Die eigene Arbeit in einem Institut beheimatet zu sehen, das sich „Deutsches Institut für Fotografie“ oder „Bundesinstitut für Fotografie“ nennt, löst bei vielen Befremden aus. Vielmehr muss es darum gehen, Schnittstellen sichtbar zu machen, mit denen gegenseitige und internationale Einflussnahmen herausgearbeitet werden können. Auch dieser Aspekt verstärkte den Ruf nach einem nach neuesten Standards digitalisierten und vernetzten Archiv als zentrale Weichenstellung für ein Institut.

Die Erwartungen und Ansprüche sind hoch. Ein bisschen klingen sie nach einem Alexandria für die Fotografie im Zeitalter global digital verfügbarer Daten. Die Technologien zur Vernetzung sind da. Doch stellt sich die Frage, ob die vielen längst bestehenden Institute willens sind, ihre Daten zur Verfügung zu stellen. Nur so aber kann ein idealtypischer Wissensspeicher entstehen. Man darf gespannt sein, wie sich das Institut für Fotografie definiert, und muss hoffen, dass die Politik großzügig denkt und handelt, um die Sicherung, Erforschung und Vermittlung eines Mediums voranzutreiben. Die Frage des Standortes ist dabei nicht egal, aber nachrangig.

Quelle: F.A.Z.
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